Aurich
Mit Bauernblick im Stadtrat
Jabine Janssen (72, CDU) hat 25 Jahre lang als Landwirtin Lokalpolitik in Aurich gemacht, Udo Haßbargen (26, SPD) beginnt jetzt. Was eint die beiden, wo sind sie unterschiedlicher Meinung?
Aurich - Wer mit Landwirten spricht, landet leicht bei überbordender Bürokratie, bei komplizierten Vorgaben von Schreibtischlandwirten in Brüssel, beim Versagen der Bundeslandwirtschaftsministerin, bei den Steinen, die der niedersächsischen Landwirtschaftsministerin in den Weg gelegt wurden, und beim Höfesterben vor Ort. Landwirte sehen sich komplexen und zu hohen Anforderungen gegenüber, auch vonseiten des Marktes und der Verbraucher. Doch was können sie ausrichten, wenn sie im Auricher Stadtrat sitzen? Was ist ihr Blickwinkel?
Die ON sprachen darüber mit Jabine Janssen (72, CDU), die nach 25 Jahren ihre Ratsarbeit beendet, und mit Udo Haßbargen (SPD), der im Alter 26 Jahren in den Rat eingezogen ist. Verschiedene Parteien, verschiedene Generationen – und dennoch sehr viel Einigkeit. Beide finden es wichtig, dass der Blick der Bauern, die von vielen städtischen Entscheidungen direkt betroffen sind, im Stadtrat vertreten ist.
Erstes Thema führte zum ersten Erfolg
Janssen ging 1996 in die Politik, als die Auricher Dörfer ans Kanalnetz angeschlossen werden sollten. Ursprünglich sollte die Gebühr rein nach Grundstücksgröße berechnet werden, erzählt sie. Den Höfen flatterten wegen der großen Flächen horrende Vorbescheide ins Haus. „Da habe ich gesagt, jetzt gehe ich in die Politik, sonst kann ich nichts bewirken“, so Janssen. Am Ende wurde nur die Fläche des Wohnhauses berechnet – der erste Erfolg.
Beide Landwirte sehen es kritisch, wenn Flächen für die Landwirtschaft verloren gehen. Dennoch sind beide für die Ausweisung neuer Baugebiete. „Jede Familie soll die Chance haben, dass ihre Kinder mit Garten aufwachsen“, sagt Jabine Janssen. Haßbargen ist durchaus auch für Mehrparteienhäuser auf den Dörfern. Gerade dort fehlen oft kleine Wohnungen für junge Singles und Paare, sagt er. Und ein Programm wie „Jung kauft Alt“ würde ihm für Aurich gefallen. Das helfe jungen Familien, ohne dass alle neu bauen müssten. Ein solches Programm wurde vor ein paar Jahren in Aurich schon initiiert, aber nicht mit Leben gefüllt. Ob die Stadt Geld dafür habe, sei aber zweifelhaft, finden Janssen und Haßbargen.
Einigkeit: Nicht alles muss die Stadt anstoßen
„Ich weiß spontan drei Höfe, die leer stehen“, sagt Haßbargen. An der Stelle dürfe nur neu gebaut werden, nachdem die neuen Eigentümer die Immobilie ein paar Jahre lang bewohnt haben. „Aber die sind gar nicht mehr bewohnbar“, sagt Haßbargen. Da müssten andere Regelungen her. Kann die Stadt noch mehr tun? Beispielsweise Mehrgenerationen-Wohnen fördern? Die Wohnform halten beide Bauern für sinnvoll.
Politische Arbeit, Hobbys und Ehrenämter
Jabine Janssen Die Spekendorferin war 25 Jahre lang im Auricher Stadtrat. Zuletzt war sie Vorsitzende des Umweltauschusses und Mitglied im Bauausschuss, weil die aus ihrer Sicht Themen sind, die aus Bauernsicht betrachtet werden sollten. Janssen engagiert sich zudem seit Jahrzehnten bei den Landfrauen, boßelt und spielt seit 50 Jahren Theater. Sie ist eine von sechs Frauen, die im Auftrag des Landkreises zusammen jährlich etwa 500 Traubenkernkissen für Neugeborene nähen.
Udo Haßbargen Der Kirchdorfer ist mit 26 Jahren jüngstes Ratsmitglied in Aurich. Er führt den elterlichen Hof weiter und hat dort den Hofladen immer weiter ausgebaut. Er würde gerne im Umweltausschuss der Stadt mitarbeiten. Haßbargen ist Vorsitzender des Vereins Land schafft Verbindung in Ostfriesland und hat die Gruppierung mit gegründet. Zudem ist er noch Mitglied bei den Jungzüchtern. Er ist seit einigen Jahren bei der SPD in Aurich aktiv.
Doch wenn solche Vorhaben selten umgesetzt würden, bedeute das wohl, dass das Interesse überschaubar sei, so Janssen. „Vielleicht sollte da lieber ein sozial eingestellter Unternehmer den Anstoß geben als die Stadt“, sagt Haßbargen. Die beiden Landwirte befürworten – trotz der Flächenkonkurrenz – die Gewerbegebiete. Diese hätten Aurich Wohlstand und Weiterkommen gebracht, sagt Janssen und nennt den Namen Enercon. Haßbargen erwähnt Schirum und die Vielfalt der Betriebe.
Sorge wegen der Ausgleichsflächen für die B 210n
Sorge macht ihnen eher, dass hinter jedem Gewerbegebiet auch eine Ausgleichsfläche steckt. Hinsichtlich der B 210n plädieren beide für eine Geldzahlung als Kompensation, die in die bessere Pflege der vorhandenen Fläche fließen soll. Einig sind sich die Landwirte auch, dass in Baugebieten mehr Vorgaben nötig sind. Umwelt- und Überschwemmungsschutz sei auch Sache der Wohnbevölkerung, sagt Janssen. Rasengittersteine sollten in Gewerbegebiete vorgeschrieben werden. „Für die Natur ist es auch nötig, dass das Wasser versickern kann“, ergänzt Janssen: „Das ist Baumschutz.“
Dass Gräben nicht verrohrt und ordnungsgemäß gereinigt werden, müsse besser kontrolliert werden, sagt Haßbargen. „Ne, noch mehr Kontrollen würde ich den Bürgern nicht zumuten, da sollte man an die Eigentümer appellieren“, kontert Janssen.
Lokale Marke würde Bauern helfen
Und Kiesgärten sind beiden ein Dorn im Auge. Diese sollten stärker unterbunden werden. Und wenn die Bürger gegen Glyphosat auf dem Acker sind, sollten sie auch zu Hause auf Gift verzichten. Kann die Stadt den hiesigen Bauern unter die Arme greifen? Ihnen die Markthalle als zentralen Hofladen für alle zur Verfügung stellen oder einen Stand auf dem Wochenmarkt, damit sie abwechselnd die Chance haben, ihre Produkte zu präsentieren? Haßbargen ist skeptisch.
Er hat seinen Hofladen gerade bei sich zu Hause aufgebaut, das Sortiment immer wieder erweitert. Dass die Kunden gerne möglichst viele Produkte in einem Laden vorfinden möchten, glaubt er auch. Doch ob ein zentrales Geschäft etwas bringt, da sind beide Landwirte skeptisch. „Die Leute wollen am liebsten da einkaufen, wo sie das komplette Sortiment bekommen. Die regionalen Produkte müssten eigentlich eine eigene Abteilung im Supermarkt bekommen“, meint Janssen. Dass eine wiedererkennbare lokale Marke für alle Auricher Produkte bei der Vermarktung helfen könnte, glauben sie und Haßbargen durchaus.
Tipps für den Ratsneuling
„Alles Gute, ich wünsche Ihnen viel Erfolg und dass Sie immer Ihre Meinung vertreten und nicht klein beigeben“, sagt Janssen am Ende herzlich zu Haßbargen. Und schickt eine Warnung hinterher: „Ich war bei den Vorlagen eine Alles-Leserin.
Man muss immer zu Ende lesen, denn hinten sind die Kinken versteckt.“ Haßbargen atmet tief durch: „Mir ist klar, dass das viel Arbeit wird. Ohne meine Eltern könnte ich das gar nicht.“