Mullberg
Ex-Bürgermeister als Rechtsaußen bei Ü70 unterwegs
Der Mullberger und ehemalige Bürgermeister von Wiesmoor Alfred Meyer spielt seit mehr als 60 Jahren Fußball. Sein Wunsch als Mittelstürmer zu spielen, erfüllte sich nicht. Ihm fehlte dafür etwas.
Mullberg - Als Zaungast ist der Mullberger Alfred Meyer schwer zu haben. Als der ehemalige Wiesmoorer Bürgermeister bei einem Fußballspiel seiner Ü70-Mannschaft Muwies Großefehn zu Beginn der ersten Hälfte aus taktischen Gründen gegen Papenburg von der Seitenlinie aus das Geschehen betrachtete, da lief er auf und ab wie ein Rennpferd, das an einer viel zu kurzen Leine geführt wurde.
Meyer sagt im Gespräch mit den Ostfriesischen Nachrichten: „Ein Fußballspiel, ohne mitzuspielen, das ist nichts für mich.“ Der 71-Jährige liebt die Bewegung. Innehalten und mal nichts tun, das ist nicht sein Ding. „Ich habe wenig Zeit für Pause“, bringt Meyer es auf den Punkt. Er bevorzugte immer die Bühne, als einer, der mehr als 40 Jahre Theater gespielt hat. Auch in der Zeit als Bürgermeister war das Wiesmoorer Rathaus für ihn eine Bühne mit rund 200 Mitarbeitern.
Abgetragene Schuhe und lange Strümpfe
Meyer erklärt den Unterschied: „Während die Rollen und Texte beim Theater einstudiert werden, musste ich als Bürgermeister oft ohne Souffleur improvisieren.“ Improvisieren musste er auch zu Beginn seiner Fußballlaufbahn beim VfL Mullberg. „So eine richtige Ausrüstung wie heute mit Fußballschuhen und Trikots gab es damals nicht. Ich bekam für die Spiele abgetragene Schuhe und musste lange Strümpfe anziehen, weil meine Mutter Angst hatte, ich könnte mich erkälten.“
Meyer war lange Zeit klein. Als er mit 16 Jahren in die Lehre zum Kfz-Elektroniker ging, da war bei 1,50 Meter Schluss. Meyer sah aber darin durchaus Vorteile: „Ich konnte unter die Wagen stehend laufen, andere mussten sich bücken. Immerhin kamen in den nächsten Jahren noch einmal rund 25 Zentimeter dazu“, und fügt noch an: „Man sollte die Größe eines Menschen nicht mit seiner Länge verwechseln.“
Spieler mit Ausdauer für die rechte Seite
Gleichwohl reichte es beim Fußballspielen nicht für eine Position im Sturm. Meyer fand sich im Mittelfeld wieder, sorgte meistens auf der rechten Seite für Unruhe und Flankenläufe. Sein erstes Herrenspiel ist ihm noch in guter Erinnerung. Mullberg spielte in Sandhorst und Meyer wurde nach der Pause eingewechselt. Er stand kaum auf dem Platz, da bekam er auch schon die Gelbe Karte, weil er sich nicht beim Schiedsrichter angemeldet hatte.
„Viele Gelbe Karten kamen dann später nicht mehr dazu. Auch keine Rote“, erinnert sich Meyer. Er war bekannt für seine Ausdauer, die ihm auch später als Bürgermeister half, Mehrheiten für Projekte zu organisieren. Während er sich auf dem Fußballplatz auf der rechten Seite wohlfühlte, fand er sich politisch links von der Mitte wieder. Zuerst sympathisierte er mit der SPD. Da schwank der Geist seines Vaters mit, der viele Jahre lang als Baggerfahrer im Torfabbau tätig war. Meyer trat den Sozialdemokraten bei und wurde als SPD-Kandidat zum Bürgermeister von Wiesmoor gewählt.
Trauriges Ereignis
Auch bei seinem Heimatverein VfL Mullberg wurde er für höhere Aufgaben in den Vorstand gewählt. Rund zehn Jahre lang kümmerte sich Meyer als Jugendbetreuer um den Nachwuchs. Der war in der SG Wiesmoor/Hinrichsfehn/Mullberg ausgegliedert. Später begleitete er die 2. Herrenmannschaft als Betreuer. Dort spielte er auch eine Zeit lang mit seinem älteren Sohn Holger in einer Mannschaft zusammen. „Ein schönes Geschenk“, befand Meyer.
Mit seinem jüngeren Sohn Thomas blieb ihm das gemeinsame Fußballspielen verwehrt. Er verstarb vor einigen Jahren nach einer langen, schweren Krankheit. Ein trauriges Kapitel im Leben von Meyer und seiner Frau Christa, die seit 50 Jahren verheiratet sind. Beide lernten sich beim Tanzen in einer Gaststätte (Bohle Janssen) in Jheringsfehn kennen. Meyer war dort „auf Entdeckungsreise“ und dort hat es dann gefunkt.
Humorvoller Typ
Seine Frau beschreibt ihren Mann als einen fröhlichen, humorvollen Menschen. „Dafür kann ich nichts. Das ist ein Genfehler“, gibt Meyer mit einem Augenzwinkern zu. Er klopft Sprüche und wirft Witze in die Runde, ein Mann mit Humor, eine Mischung aus Adolf Tegtmeier und Luis de Funés.
Das Leben in Mullberg war nicht einfach in den 1950er-Jahren, als Meyer in der Moorgegend aufwuchs. Sein Großvater und auch sein Vater haben den Untergrund in Handarbeit kultiviert. „Das war harte Schweißarbeit, die ich nicht vergessen habe“, so Meyer, der aus seiner Herkunft keinen Hehl machte. Seine Mutter sorgte sich immer um den kleinen, dünnen Jungen. Von ihr stammt auch der Spitzname „Muckel-Meyer“ für ihren Sohn Alfred, der noch einen älteren und einen jüngeren Bruder hat.
Als Zwerg stand er auf der Bühne
Schon mit 16 kam er zur Freilichtbühne Wiesmoor. Er schenkte Getränke aus, soufflierte oder kümmerte sich um technische Dinge. Irgendwann stand er dann selber auf der Bühne. Rund 40 Jahre lang. Am Anfang durften Zwergenrollen bei seiner Größe nicht fehlen. Später kamen andere Figuren dazu. Wie der Mann, der im Stück „Herzklabaster“ ins Krankenhaus muss, damit ihm ein Herzschrittmacher eingebaut werden kann. „Aber nur mit einer deutschen Batterie“, erinnert sich Meyer an einen Satz aus dem Drehbuch und lacht.
Als Meyer mit 50 Jahren zum hauptamtlichen Bürgermeister gewählt wurde, musste er seinen Alltag anders organisieren. „In der Woche im Rathaus mit vielen Sitzungsterminen auch abends und am Wochenende mit Fußball unterwegs, das ging so nicht mehr“, bekannte Meyer. Er verzichtete fortan auf Trainingseinheiten und konzentrierte sich auf die Arbeit im Rathaus. Als die SG Muwies Ü60 Großefehn gegründet wurde, ein Zusammenschluss von Spielern 60 Jahre und älter aus den Vereinen VfL Mullberg, Germania Wiesmoor und SV Großefehn, gesellte sich auch Meyer dazu.
Tüfteln ist sein Ding
„Mittlerweile sind wir aus den Ü60 herausgewachsen“, scherzt Meyer über das Durchschnittsalter seiner Mannschaft, das bei rund 73 Jahre liegt. Montags steht Training auf dem Terminkalender. Dort wird ausnahmslos gespielt. Gerne würde Meyer auch noch etwas an der Schusstechnik feilen oder seine Kondition verbessern, aber die große Mehrheit will den Ball rollen lassen, so Meyer.
Im September endete seine Laufbahn als Kommunalpolitiker. Er trat nicht wieder zur Wahl an. Dann ist er ohne politisches Amt. Angst vor Langeweile hat er nicht. Als ehemaliger Fachlehrer für Elektrotechnik wird er sich verstärkt um die Elektronik des MS Wiesmoor kümmern. Das Schiff benötigt eine Ruderanzeige. Er ist ein Tüftler. Als er noch Bürgermeister war, da hat er schon mal selber eine defekte Glühbirne ausgetauscht oder eine clevere Alarmanlage für eine öffentliche Toilette konstruiert.
Tüfteln sei das eine, Fußballspielen das andere. So lange es noch geht, befindet Meyer. Und das Gesellige nach dem Spiel steht für ihn hoch im Kurs. „Entweder feiert man einen Sieg oder man erduldet zusammen eine Niederlage“, ist zu hören. Im Ü70-Spiel gegen Papenburg musste Meyer mit seiner Crew eine knappe Niederlage einstecken. Auch deshalb, weil die Gäste einige Spieler einsetzten, die noch keine 70 Jahre alt waren. Der jüngste sei Jahrgang 1957 gewesen, analysierte Meyer die Gründe der Niederlage. Kaum ist er mit seinen Ausführungen fertig, da mahnt seine Frau Christa an, dass es Zeit wird für den nächsten Termin. Nur noch zehn Minuten, dann gibt Meyer für Touristen eine Führung beim Torf- und Siedlungsmuseum in Wiesmoor. Langeweile kommt da nicht auf, denn Meyer hat wenig Zeit für Pause.