Aurich

Ein bisschen Neid in Hannover auf die Ostfriesen

| | 08.09.2021 21:39 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Stephan Weil (Mitte) sagte, dass er ein bisschen neidisch sei, wenn Menschen angeregt Plattdeutsch sprechen. Foto: Romuald Banik
Stephan Weil (Mitte) sagte, dass er ein bisschen neidisch sei, wenn Menschen angeregt Plattdeutsch sprechen. Foto: Romuald Banik
Artikel teilen:

Ministerpräsident Stephan Weil ist Schirmherr von „Fredag is Plattdag“. Wie er in Aurich verriet, ist er etwas eifersüchtig, wenn er Ostfriesen hört, die miteinander Platt sprechen.

Talea Grensemann aus Großheide trug mit Enno Fänders mit „Jo!“ von den Deichgranaten ein modernes Heimatlied vor. Foto: Romuald Banik
Talea Grensemann aus Großheide trug mit Enno Fänders mit „Jo!“ von den Deichgranaten ein modernes Heimatlied vor. Foto: Romuald Banik
Aurich - Middeweek is ok nix anners as‘n lüttje Fredag, sagt Aurichs Bundestagsabgeordneter Johann Saathoff (SPD). Und so passte es, dass Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) an einem Mittwoch nach Aurich kam, um seine Aufgaben als Schirmherr der Aktion „Fredag is Plattdag“ bei der Ostfriesischen Landschaft wahrzunehmen.

Die Kinder von der Grundschule im Spiet bildeten das Empfangskomitee für den Landesvater. Foto: Romuald Banik
Die Kinder von der Grundschule im Spiet bildeten das Empfangskomitee für den Landesvater. Foto: Romuald Banik
Obwohl der Hannoveraner selbst kein Plattdeutsch spricht, verstand er es doch, dafür Werbung zu machen. „Ich bin immer etwas neidisch“, so Weil. Wo eine gemeinsame Sprache gesprochen werde, entstehe automatisch ein Gefühl von Gemeinschaft. Daher sei es wichtig, den Erhalt der Regionalsprachen zu fördern. Wie das geht, konnte Weil sich vor Ort anhören. Begrüßt wurde er von Schülern der Schule im Spiet Norden, der Realschule Aurich und der BBS Wittmund. Talea Grensemann von der KGS Hage trug mit Begleitung von Enno Fänders mit „Jo!“ ein Stück der „Deichgranaten“ Annie Heger und Insina Lüschen vor, ein modernes Heimatlied, in dem es up Platt um Identität und Öffnung von Heimat geht. Grensemann ist bekannt aus der Sendung „Klein gegen Groß“, wo sie im März Otto Waalkes im Duell besiegt, wer die meisten auf Platt übersetzen Hits am Text erkennt.

Weil: „Moin“ zieht auch in Göttingen

Weil selbst hat nach eigener Aussage das Gefühl, dass Heimatsprache im Trend liegt und weit über die plattdeutschsprachigen Regionen hinaus für Interesse sorgt. Das Plattdeutschmarketing der Landschaften und etlicher zeigt Wirkung. Der Ministerpräsident berichtete, dass er in Göttingen, im südlichsten Zipfel Niedersachsens, im Wahlkampf mit Moin gegrüßt hätte. Und Hunderte hätten mit „Moin“ geantwortet.

Lehrerin Traute Hartmann (links) kam unter anderem mit Mia (Zweite von links) und Kilian (Zweiter von rechts) zur Veranstaltung mit dem Ministerpräsidenten. An der Realschule Aurich ist die Nachfrage nach Plattdeutschunterricht riesig, wie sie sagte. Foto: Romuald Banik
Lehrerin Traute Hartmann (links) kam unter anderem mit Mia (Zweite von links) und Kilian (Zweiter von rechts) zur Veranstaltung mit dem Ministerpräsidenten. An der Realschule Aurich ist die Nachfrage nach Plattdeutschunterricht riesig, wie sie sagte. Foto: Romuald Banik
Mit Moin allein ist es aber nicht getan. Seit Jahren setzt die Ostfriesische Landschaft auf AGs und Immersionsunterricht in Schulen. Gabriele Scheel als Vertreterin der Regionalen Landesämter für Schule und Bildung berichtete, dass sich vor zehn Jahren zehn Schulen als Projektschulen für Plattdeutsch beworben hätten. Inzwischen seien es 106. Dazu zählen im Kreis Aurich unter anderem die Grundschulen Wallinghausen, Moordorf, Rechtsupweg und Middels, die Förderschule für körperliche und motorische Entwicklung Aurich sowie die KGS Hage-Norden.Lehrerin Traute Hartmann war mit drei Schülern der Realschule Aurich gekommen. Kilian, Ben und Mia haben beim plattdeutschen Lesewettbewerb gut abgeschnitten. Plattdeutsch kennen alle drei aus der Familie. Bis zum Kindergarten habe er nur Plattdeutsch gesprochen, sagt Kilian. Ben und Mia haben Großeltern, die Wert darauf legen, dass die Sprache die Enkel erreicht. Das hat Folgen.

Interesse an Wahlpflichtkurs Plattdeutsch riesig

Doch auch ohne familiäre Katalysatoren sei das Interesse von Kindern am Plattdeutschen groß, sagt Hartmann. Ihr Wahlpflichtkurs im 7. Jahrgang, in dem es am Ende auch Noten gibt, sei mit 28 Schülern ausgebucht. Sie habe alleine von den Siebtklässlern 60 bis 70 Anfragen gehabt, so Hartmann. „Das Interesse ist riesig – auch bei den anderen Jahrgängen“, so Hartmann. „Aber ich bin nur eine, das kann ich nicht bedienen.“

Die Berufsschüler aus Wittmund lernen Plattdeutsch zum Teil vom ersten Wort an, weil sie davon ausgehen, es im Berufsalltag zu brauchen. Foto: Romuald Banik
Die Berufsschüler aus Wittmund lernen Plattdeutsch zum Teil vom ersten Wort an, weil sie davon ausgehen, es im Berufsalltag zu brauchen. Foto: Romuald Banik
Was lernen die Kinder? Laut Ben gehören Gespräche über Farben, das Zuhause, Einkaufen, Familie und Kleidung zum Unterricht, ebenso wie zwei Klausuren, ein Video, in dem die Kinder Plattdeutsch sprechen, und Sketche. Und wie erzählen die drei Oma und Opa von ihrer Spielekonsole, dem Mountainbike und dem neuen Longbord? Mit Fremdworten in den plattdeutschen Sätzen – es hilft ja nichts. Nur für einige moderne Gegenstände hat das Plattdeutsche inzwischen eigene Worte geprägt, wie beispielsweise Mobieltje oder Spegelplaat.

Grietje Kammler vom Plattdüüskbüros der Landschaft sagt, dass gerade bei den Berufsbildenden Schulen der Anteil an Schülern groß sei, der von Haus aus Platt kenne. Zudem wüssten die Schüler, dass es im Beruf in der Regel Vorteile habe, die Sprache zu sprechen. Das gelte für viele Handwerksberufe, besonders aber in der Pflege. Und die kommenden Ärzte, Richter und Apotheker? Sind die Gymnasiasten das Sorgenkind der Plattdeutsch-Arbeit? Ein bisschen, sagt Kammler. Oft liege es daran, dass es dort wenig Lehrkräfte gebe, die die Sprache beherrschen. Die Landschaft müsse zusehen, dass sie stärker den Fuß in die Tür bekomme.

Ähnliche Artikel