Aurich

Linke kritisiert hohe Baupreise im „Timp“

| | 31.08.2021 21:19 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Grundstücke im rund 23 Hektar großen Neubaugebiet „Im Timp“ sind nun im Verkauf. Archivfoto: Bernd Heiken
Die Grundstücke im rund 23 Hektar großen Neubaugebiet „Im Timp“ sind nun im Verkauf. Archivfoto: Bernd Heiken
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Die Grundstücke im neuen Baugebiet in Aurich kosten zwischen 145 und 220 Euro pro Quadratmeter. Der Investor verweist im Gegenzug zur Kritik der Fraktion auf hohe Auflagen, die die Politik gemacht hat.

Aurich - Entsetzt ist die Stadtratsfraktion der Linken über „die extrem hohen Grundstückspreise“ im neuen Auricher Mega-Baugebiet „Im Timp“ mit rund 250 Wohneinheiten. Wie Fraktionsvorsitzender Hendrik Siebolds in einer Pressemitteilung schreibt, müssten Käufer nach Auskunft der Anbieter für die Baugrundstücke dort zwischen 180 und 220 Euro pro Quadratmeter zahlen. Als Begründung seien die zentrale Lage, die hohen Einkaufspreise für die Flächen sowie die Kosten für Ausgleichsmaßnahmen angegeben worden. „Für die Fraktion Linke sind aber sogar sehr teure Ankaufs- und Erschließungskosten keine ausreichende Begründung, um derart hohe Verkaufspreise zu erklären. Hinzu kommt wahrscheinlich eine sehr hohe Gewinnspanne“, mutmaßt Siebolds.

Udo Fuhrmann, der den größten Teil des Baugebietes entwickelt, korrigierte auf ON-Nachfrage die genannten Zahlen etwas. Die Grundstücke kosten ihm zufolge zwischen 145 und 220 Euro pro Quadratmeter. Der Preis hänge davon ab, ob auf den Bauplätzen Mehrparteienhäuser geplant sind, wie groß die Parzellen sind und wie attraktiv ihre Lage im Wohngebiet ist, so Fuhrmann. Es seien bewusst auch Grundstücke so geschnitten worden, dass sie für unter 150 Euro verkauft werden können.

Investor: Ungewöhnlich hoher Anteil an Grünflächen vorgeschrieben

Fuhrmann führt die verhältnismäßig hohen Preise darauf zurück, dass der Auricher Stadtrat etliche Vorgaben gemacht habe, die in der Umsetzung teuer seien. Diese Kosten müssten am Ende umgelegt werden. Allein für die Kompensationsflächen habe er mehr als eine Million Euro investieren müssen. 30 Prozent des Gebietes sei als Grünanlage und als Regenrückhaltebecken und ähnliches festgeschrieben. Auf einem Drittel der Fläche lasse sich also kein Grundstück verkaufen. „Das ist extrem viel, sonst liegt der Anteil meist bei 17 oder 18 Prozent“, so Fuhrmann. Zudem sei die Fläche in der zentralen Lage auch vor der Erschließung schon teuer gewesen.

Hinzu komme die politische Auflage, dass 25 Prozent der rund 250 Wohneinheiten als Sozialwohnungen vermietet werden müssen. Auch das koste Geld. In anderen Städten werde nur eine Quote von zehn Prozent vorgegeben. Auch diese Kosten müssten umgelegt werden.

900 Interessenten für die Grundstücke

Laut Fuhrmann tun die Preise der Nachfrage keinen Abbruch. 900 Anfragen gebe es für die Grundstücke, die nun nach und nach abgearbeitet würden. Dabei seien junge und alte Bewerber und eine Reihe von Menschen, die beispielsweise aus Nordrhein-Westfalen nach Aurich ziehen und Laufkraft in die Stadt bringen, so Fuhrmann. Bisher habe es kaum Klagen über die Höhe des Preises gegeben und nur gut ein Prozent der Interessenten sei wegen der Kosten angesprungen, sagte der Emder Unternehmer.

Ihm zufolge seien auch im Baugebiet Erdbeerweg/Heiratsweg für einige Grundstücke Preise von 200 Euro pro Quadratmeter aufgerufen worden – ohne den hohen Anteil an Grünflächen. Und wenn jemand ein Grundstück an der Oldersumer Straße zur Lückenbebauung kaufen wolle, müsse er rund 300 Euro pro Quadratmeter inklusive der Nebenkosten zahlen, so Fuhrmann.

Informationen über den Bedarf an Sozialwohnungen bei der Stadt abgefragt

Die Kritik von Siebolds kann Fuhrmann nicht nachvollziehen. Die Politik habe Vorgaben gemacht, die die Preise für die Grundstücke in die Höhe treiben. Er habe inzwischen von der Stadt Aurich Informationen abgefragt, für welche Mieter und welche Haushaltsgrößen Sozialwohnungen gebraucht werden. „Es bringt ja nichts, am Bedarf vorbeizuplanen“, so Fuhrmann. Man wolle bei der Anlage konzeptionell und ganzheitlich herangehen. Dass nun jemand im Stadtrat über die Kaufpreise überrascht sei, könne er sich kaum vorstellen. Er habe an mehreren Sitzungen teilgenommen. Auch die Linken-Fraktion hätte ihn mit Ideen gerne im Vorfeld ansprechen können.

Die Linke kritisiert mit ihrer Pressemitteilung vor allem die „verfehlte Baupolitik der Stadt Aurich und des Rates“, wie Siebolds schreibt. Anstatt selbst frühzeitig Bauland aufzukaufen, zu bevorraten, zu erschließen und zu vermarkten, werde allein auf Investoren und den freien Markt vertraut. Bauland werde oft nur dort geplant und erschlossen, wo Verkaufsbereitschaft der Landeigentümer bestehe, aber nicht nach städtebaulichen Erfordernissen. Trotz der steigenden Nachfrage nach günstigen Wohnungen, bleibe die Stadt bei der Baulandvermarktung und dem sozialen Wohnungsbau selbst nahezu untätig.

Linke hält Stadt Ulm für vorbildlich: Sie verkauft Land an Investoren mit Auflagen beim Verkaufspreis

Für die Linke sei es daher dringend erforderlich, dass die Stadt selbst aktiver werde und eine Baupolitik verfolge, die dem überschäumenden Markt entgegensteuert. „Viele andere Städte, wie zum Beispiel Ulm, tun dies schon erfolgreich seit Jahrzehnten. Ulm kauft selbst Boden an und überplant nur Flächen, deren Eigentümer einen vernünftigen Rohbaulandpreis akzeptieren“, so Siebolds. Die Stadt Ulm bevorrate so langfristig Bauland und vergebe es an Bauherren und Investoren günstig nur unter Auflagen, die dem Allgemeinwohl dienen und die Nachfrage erschwinglich bedienen.

„Investoren sollen und dürfen Gewinne machen“, so Siebolds. Wenn jedoch in Aurich mit Baugebieten Millionen verdient würden, während Hausbauer Baugrundstücke nicht mehr bezahlen können und Mieter horrende Mieten bis 10 Euro pro Quadratmeter zahlen müssten, dann müsse die Stadt ihrer Aufgabe der Daseinsfürsorge nachkommen. Das Baugesetz biete dazu eine große Vielfalt an Instrumenten. Schließlich bestimmten die Stadt und der Rat, wo überhaupt Bauland entsteht, und könnten so viele Details der Gestaltung, Vermarktung und Bepreisung festsetzen. Insbesondere mit einer zu gründenden kommunalen Wohnungsbaugesellschaft könnte die Stadt Baulandgewinne im Interesse des Gemeinwohls abschöpfen, um günstiges Bauland anzubieten, eigene Sozialwohnungen zu bauen, flächensparende Wohnformen zu fördern oder öffentliche Grünanlagen und Kindergärten zu schaffen.

Vor jeder Wahl werde von vielen Parteien bezahlbarer Wohnraum für alle versprochen, so Siebolds: „Die Linke ist gespannt, wer nach der Wahl wirklich handelt oder wieder nur geheuchelt hat.“

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