Victorbur

Gemeindehaus: Bald kommen die Bagger

| | 30.08.2021 19:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die ersten Fenster sind bereits ausgebaut: Das alte Victorburer Gemeindehaus wird demnächst abgerissen. Foto: Holger Janssen
Die ersten Fenster sind bereits ausgebaut: Das alte Victorburer Gemeindehaus wird demnächst abgerissen. Foto: Holger Janssen
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Die Tage des alten Victorburer Gemeindehauses sind gezählt. Nach über 100 Jahren hat das Gebäude ausgedient. Beim Neubau gibt es eine Premiere.

Victorbur - Es ist ein Stück Geschichte, das in Victorbur schon bald dem Erdboden gleichgemacht wird: Der Abriss des Gemeindehauses der St.-Victor-Gemeinde steht bevor. Nachdem die Arbeiten für den Neubau direkt nebenan auf der Zielgeraden sind, soll das alte Haus Platz machen. Unter anderem für neue Parkflächen. Bei vielen Mitgliedern der Kirchengemeinde dürfte das für gemischte Gefühle sorgen; wehmütige Erinnerungen an das alte Haus und Vorfreude auf das Neue.

Wie viele Konfirmanden in den vergangenen Jahrzehnten in den Räumen des bisherigen Gebäudes Psalmen, Vaterunser und Glaubensbekenntnis gelernt haben, lässt sich wohl nur schwer sagen. Mehr als 100 Jahre ist das Gebäude alt geworden. In dieser Zeit ist es immer wieder an die jeweiligen Gegebenheiten angepasst worden, sagt Pastor Jürgen Hoogstraat. Der jetzige Neubau ist dagegen gewissermaßen eine Premiere: Erstmals wird in Victorbur ein Gebäude errichtet, das von Anfang an als Gemeindehaus geplant wurde.

Noch ist das neue Gemeindehaus nicht fertig. Wie es einmal aussehen wird, ist aber schon deutlich sichtbar.
Noch ist das neue Gemeindehaus nicht fertig. Wie es einmal aussehen wird, ist aber schon deutlich sichtbar.

Gemeindehaus wurde im Kriegsjahr 1914 errichtet

„Die zahlreichen Vorgängerbauten an derselben Stelle waren immer als Pastorei erbaut worden, die gleichzeitig einen Konfirmandensaal beherbergten“, so Hoogstraat. Im Archiv der Kirchengemeinde sei dazu noch viel Material zu finden. Das bisherige Gemeindehaus wurde im Kriegsjahr 1914 errichtet. Und fast wäre es zu einer erneuten Anpassung gekommen. Ursprünglich hatte sich der Kirchenvorstand zur Zeit der Jahrtausendwende in Victorbur eine gründliche Instandsetzung des alten Gebäudes und einen Anbau gewünscht. Doch daraus wurde nichts. Zu marode war die Bausubstanz und schnell wurden erste Pläne für einen Neubau geschmiedet.

Dasselbe war laut Hoogstraat bereits 1914 passiert, wie aus alten Protokollen es Kirchenvorstandes hervorgeht. In einer Sitzung am 3. April beschlossen Pastor Hermannus Siefkes (1872-1938) und die Kirchenvorsteher Janssen, Damm, Haren, Klugkist, Balssen und Peters, den Plan für „Reparatur und Umbau des Pfarrhauses“ aufzugeben und sich für einen Neubau stark zu machen. Schon im Herbst ging es damit los. Beauftragt wurden für die Maurer- und Zimmererarbeiten die Firma Hollwedel aus Uthwerdum, für die Tischlerarbeiten die Firma Komus aus Georgsheil und für die Klempnerarbeiten die Firma Fischer aus Aurich. Überschattet wurden die Arbeiten vom Ersten Weltkrieg, in dem auch der Bauunternehmer Hollwedel zwei Söhne verlor.

Pastor mit neuem Haus „geködert“

Im Victorburer Pfarrhaus lebte Pastor Siefkes mit seiner Familie bis 1937 und starb nach nur wenigen Monaten Ruhestand 1938 in Leer. Nach ihm und seiner Familie bewohnten das Pastorenehepaar Valborg und Hermann Brunken das Haus bis 1960. In ihrer Zeit hat die alte Pastorei viele neue Gesichter gesehen: infolge der Wohnungsnot durch den Zuzug vieler heimatvertriebener Familien wurden gleich mehrere Wohnungen zusätzlich eingerichtet, um obdachlos gewordenen Familien ein Dach über dem Kopf zu geben. 1962 schließlich zogen wieder neue Bewohner ein: der frisch verheiratete Pastor Reinhard Schmidt (1934-2017) zog mit seiner Frau Rosel ins alte Pfarrhaus ein. Sie blieben nur sieben Jahre dort: 1969 wurde eine neue Pastorei errichtet, da man das alte Pfarrhaus künftig als Gemeindehaus nutzen wollte. Von Generation zu Generation änderten sich die Anforderungen an das Gebäude: Während um 1970 hauptsächlich der Gemeindesaal genutzt wurde, entstand im ersten Stock eine Wohnung für die in der Gemeinde auszubildenden Vikare. Zu Beginn der 1980er Jahre kam es zur Gründung immer neuer Gruppen und Kreise, die sich über eigene Gruppenräume freuten. Das Dachgeschoss wurde seit 1991 von Jugendlichen in Eigenleistung ausgebaut und mehrfach verändert. Besonders daran Mitgewirkt hatte der damalige Jugendkreissprecher Sven Gladosch (1978-2003).

Der frühere Pastor Hoppe war in Victorbur sehr beliebt. Foto: Foto: Sammlung Kirchengemeinde Victorbur
Der frühere Pastor Hoppe war in Victorbur sehr beliebt. Foto: Foto: Sammlung Kirchengemeinde Victorbur

Wenige Meter vom Neubau des Jahres 1914 entfernt war bereits 1796 ein neues Pfarrhaus errichtet worden, von dem es auch noch Abbildungen im Pfarrarchiv gibt. Alten Erzählungen in der Gemeinde zufolge wurde dieses Haus damals errichtet, um den sehr beliebten Pastor Arend Hoppe in Victorbur zu halten und ihn für eine lange Amtszeit zu „ködern“. Verschiedene ostfriesische Gemeinden hatten versucht, den als besonders freundlich und ausgleichend beschriebenen Hoppe abzuwerben. Doch die Versuche blieben erfolglos. Hoppe blieb in Victorbur und hält bis heute mit 38 Jahren den Rekord der längsten Amtszeit in der Gemeinde.

Eine alte Postkarte zeigt das frühere Victorburer Pfarr- und Gemeindehaus. Foto: Sammlung Kirchengemeinde Victorbur
Eine alte Postkarte zeigt das frühere Victorburer Pfarr- und Gemeindehaus. Foto: Sammlung Kirchengemeinde Victorbur

Gut möglich, dass Pastor Jürgen Hoogstraat diesen Rekord in einigen Jahren einstellt. Daran denkt in Victorbur bislang aber noch kaum jemand. Viel wichtiger ist derzeit die Fertigstellung des neuen Gemeindehauses. Offiziell eingeweiht werden soll das Gebäude voraussichtlich im Januar.

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