Hinrichsfehn

Wie ein Badener in Ostfriesland zum Fußballer und Dichter wurde

| | 24.08.2021 16:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
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Franz Krieger aus Baden-Württemberg ist seit mehr als einem halben Jahrhundert Mitglied beim SV Großefehn. Einer der nicht nur Fußball spielt.

Hinrichsfehn – Wenn es sich Franz Krieger richtig gut gehen lässt, dann gönnt er sich einen Trollinger. Der deutsche Rotwein schmeichelt seiner badische Seele. Er hat seinen Heimatort Stein am Kocher in Baden-Württemberg schon vor mehr als einem halben Jahrhundert verlassen und sich in Ostfriesland niedergelassen.

Der 73-Jährige hat hier nicht nur beruflich Fuß gefasst, sondern auch sportlich eine neue Heimat gefunden. Er gehört seit mehr als 50 Jahren dem SV Großefehn an. Dafür wurde er kürzlich auf der Jahresversammlung geehrt. Mit Blumenstrauß und Urkunde. „Als ich 1966 nach Ostfriesland kam, da wollte ich mich beim SV Großefehn fithalten. Aber daraus ist dann doch mehr geworden“, erzählt Krieger im Gespräch mit den Ostfriesischen Nachrichten.

Am Barren gezaubert

Er kann sich noch gut an seine erste Sportstunde mit Gymnastik und Turnen an einem Montagabend beim SVG erinnern. Der Übungsleiter bat Krieger, doch mal etwas vorzuturnen. In der Halle stand der Barren. Der junge Krieger turnte den Mitstreitern, die allesamt deutlich älter als er waren, einige Übungen auf dem Gerät vor. Die Kollegen staunten. Sie zeigten Respekt und Krieger hatte den Aufnahmetest bestanden.

Was die Fehntjer damals noch nicht wussten: Krieger hatte schon als Kind mit dem Geräteturnen begonnen. Er turnte damals in seinem Heimatdorf in einer Leistungsriege. Sein Vater wollte es so. Er war auch Turner. Der Barren wurde das Lieblingsgerät des jungen Leistungsturners.

Turnen im Tanzlokal

„Die Anfänge waren behelfsmäßig. Wir turnten im Saal eines Tanzlokals. Mitten auf dem Saal stand der Bock oder Barren“, erinnert sich Krieger. Er war ehrgeizig, wollte sich ständig verbessern. Nach einem Turnfest schwor Krieger dem Turnen jedoch von einem zum anderen Tag ab. Was war passiert? Der Sohn eines Turnfunktionärs bekam deutlich bessere Noten, als ihm zustanden. Das stieß Krieger mächtig auf. „Das fand ich damals total ungerecht und unfair. Für mich war Turnen damit erledigt. Zu Hause bekam ich Ärger mit meinem Vater. Aber ich blieb dabei“, so Krieger.

Zuvor hatte er auch Fußball gespielt. Lange Zeit hinter dem Rücken seines Vaters, der nichts vom Ballsport hielt. Krieger junior hatte aber mit seinem Friseur einen Fürsprecher. Er schenkte ihm die ersten Fußballschuhe. So konnte er ohne Mitwissen seines Vaters mit seinen Kumpels spielen. Das ging einige Zeit gut. Als der Schwindel aufflog, durfte Krieger zwar weiter spielen, aber er durfte das Turnen nicht vernachlässigen. Das war der Deal mit seinem Vater. Als Krieger nun beim Turnen ausstieg, verbot im der Vater endgültig das Fußballspielen. Für Krieger ein misslicher Zustand. Kein Sport, und zwar für die nächsten vier Jahre. Er überbrückte diese bewegungsarme Zeit beim Spielmannszug. Als Trommler zusammen mit seinem Bruder. Erst der Umzug seiner Eltern nach Ostfriesland öffneten ihm wieder die Türen zum Sport.

Als Schlosser zu Osterkamp

Seine Mutter hatte Wurzeln in Großefehn. Sie lernte seinen Vater während des 2. Weltkrieges in Ostfriesland kennen. Der Badener war hier als Soldat stationiert. Später zog die Mutter ihrem späteren Mann nach Stein am Kocher nach. Dort planten die Kriegers Mitte der 1960er Jahre den Bau eines eigenen Hauses. Der Plan platzte, und so zog es die Kriegers nach Ostfriesland, in die Heimat der Mutter.

Für den jungen Franz begann hier ein interessantes Leben. Der gelernte Kfz-Schlosser fand schnell eine Arbeit bei der Firma Osterkamp in Aurich. Bereits mit 26 Jahren hatte er seinen Meister in der Tasche. Bis zur Rente war er bei verschiedenen Firmen tätig. Zuletzt bei M&S Friedeburg. Krieger, der sich in seiner alten Heimat als Stürmer mit Schusskraft einen Namen gemacht hatte, kickte auch für den SVG. In der zweiten und dritten Mannschaft. „Ich habe es nie in die Erste geschafft, sondern war als Springer unterwegs, da, wo das Personal knapp war“, erzählt Krieger und nennt auch den Grund, weshalb er es nicht bis nach ganz oben geschafft hat: „Mir fehlte einfach die Härte gegenüber meinen Gegenspielern. Mal so richtig hart mit einem Foul oder einer Grätsche in den Zweikampf gehen, das war nicht sein Ding.

Organisator gefragt

So nach und nach lernte Krieger alle Herrenmannschaften kennen. Über die alte Herren und der Alt-Liga (45 bis 60 Jahre), der Ü60 (60 Jahre und älter) und seit einigen Jahren auch die Ü70 (70 Jahre und älter). Krieger war nicht nur sportlich aktiv, er war auch als Organisator für den Spielbetrieb gefragt. Krieger war Ansprechpartner und er löste Probleme. Ein Höhepunkt war 2014 die Niedersachsenmeisterschaft der Ü60. Die wurde in Großefehn ausgetragen, Obwohl Großefehn früh ausschied, überwog das Positive, meint Krieger.

„Alles lief problemlos. Sportlich und auch organisatorisch. Wir haben am Ende auch noch rund 1700 Euro erlöst für die Herzkinder Ostfrieslands. Das einzige Problem war die Hitze. Zeitweise war es 35 Grad heiß. Das war unerträglich.“ Vor zwei Jahren trat Krieger etwas kürzer. Sein Amt als „Staffelleiter für die Ü60“ gab er an Dieter Meyer ab. Mit Folgen: „Das war schon komisch, weil das Telefon kaum noch klingelte. Es wurde merklich ruhiger im Haus.“

Gedanken in Worte gießen

Über Langeweile beklagt sich Krieger nicht. Da ist zum einen der akkurat gepflegte Garten mit einem Teich hinterm Haus und einer einladenden Holzhütte daneben. Als Rentner hat er sich der Friedhofsgruppe in Hinrichsfehn angeschlossen. Sie hübscht den Friedhof auf.

Und Krieger ist ein Typ, der die Kameradschaft pflegt. Einer, der regelmäßig Fahrradtouren mit seinen Fußballern organisiert. Kürzlich waren sie drei Tage im Wangerland unterwegs. Radfahren, essen, trinken und gesellig sein. Und wenn es dann noch Rostbraten mit Spätzle und dazu ein Weizenbier gibt, dann ist Krieger ein glücklicher Mensch.

Und dann gibt es da noch ein anderes Hobby. Wenn er Zeit hat, dann lässt Krieger seinen Gedanken freien Lauf und gießt Worte in Gedichte. Häufig fallen ihm spontan Geschichten vor seiner roten Blockhütte ein. Für runde Geburtstage oder Goldene Hochzeiten. Über Fußball hat er noch nichts gedichtet, aber diese Lücke kann ja zukünftig noch geschlossen werden.

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