Südbrookmerland
Gutachten: Stifte waren die Ursache für Deckeneinsturz
In einem Wohnheim in Bedekaspel ist vor einem Monat ohne Vorwarnung eine Leichtbaudecke herabgestürzt. Nun steht fest: Der Fehler liegt Jahrzehnte zurück. Zur Zukunft gibt es hingegen offene Fragen.
Südbrookmerland - Falsche Stifte zur Fixierung der Leichtbaudecke an der Holzbalkenlage sind nach dem Urteil eines Gutachters die Ursache für den Einsturz der Decke im Wohnheim in Bedekaspel. Das sagte Prof. Burghardt Zirpins, der Geschäftsführer der Ostfriesischen Beschäftigungs- und Wohnstätten GmbH (OBW), die das Wohnheim für Menschen mit Beeinträchtigungen betreibt.
Wie berichtet, war am 8. Juli gegen 20.20 Uhr die Decke des Gemeinschaftsraumes beinahe am Stück herabgefallen. Laut Zirpins wurde sie vor 40 bis 50 Jahren eingezogen, allerdings nicht fachgerecht. Es seien glatte Stifte verwendet worden, was laut Gutachter schon damals nicht zulässig gewesen sei.
Abtransport durch Fachfirma steht bevor
Laut Zirpins beginnt in der kommenden Woche der Abtransport der Decke und des Schutts durch eine Fachfirma. Dann könne man wieder an das Hab und Gut einiger Bewohner heran, die nun vorübergehend in der früheren Küstenfunkstelle in Utlandshörn untergebracht sind. Der Landkreis Aurich hat das zeitweise als Flüchtlingsunterkunft genutzte Gebäude nach dem Unglück kurzfristig als Notunterkunft für die rund 20 Bewohner des Wohnheims zur Verfügung gestellt.
Eine Dauerlösung ist das laut Zirpins natürlich nicht. Wie die langfristige Lösung aussieht, sei aber noch nicht bekannt. Gut sei, dass der Schaden weder auf Probleme mit dem Fundament noch auf morsche Balken zurückgehe, wie es zunächst geheißen hatte, und dass die Statik in Ordnung sei. „Wir werden zunächst prüfen, mit welchem Aufwand das Gebäude wieder bewohnbar gemacht werden könnte“, so Zirpins. Das Wohnheim gebe es seit 50 Jahren in Bedekaspel. Die Bewohner seien im Dorf sehr gut aufgenommen und fühlten sich dort wohl. Die Nachbarn hätten oft geholfen und unterstützt.
Finanzierung muss mit dem Land geklärt werden
Allerdings geht es vor einer Entscheidung darüber, wie es am Warfsweg in Bedekaspel weitergeht, zunächst die Verhandlungen über die Finanzierung mit dem Land Niedersachsen als Kostenträger, so der OBW-Geschäftsführer. „Es geht darum, eine möglichst optimale Wohnsituation für die Bewohner zu schaffen.“ In Bedekaspel lebten Menschen mit hohem Hilfebedarf. Gerade für diesen Personenkreis sei die finanzielle Abdeckung durch die Eingliederungshilfe oft nicht ausreichend, sagte Zirpins.
Gebäudekosten würden über Investitionsbeiträge für den jeweiligen Standort finanziert. In Bedekaspel habe die OBW einen Standort mit geringer Pacht. „Wenn wir jetzt baulich eine Menge machen wollen oder müssen, müssen wir die Finanzierung erstmal mit dem Land regeln“, so Zirpins. Vielleicht sei es auch eine Option, für eine gewisse Zeit in das Gebäude zurückzukehren und einen Neubau zu planen.
Bewohner haben sich in Norddeich eingelebt
Der Landkreis sei sehr hilfsbereit und immer zur Stelle gewesen, wenn es in Norddeich etwas zu tun gebe. Den Bewohnern geht es laut Zirpins in ihrem Übergangszuhause ganz gut. Es sei natürlich alles ungewohnt. Einige hätten sich sehr gut eingelebt, andere brauchten noch etwas mehr Zuspruch und Unterstützung. Ein Teil der Gruppe sei allerdings auch auf einer ohnehin geplanten Reise und derzeit nicht in Norddeich. Für die Mitarbeiter sei die Umstellung auch groß. Nicht nur das Gebäude sei anders, auch die Anfahrtswege seien länger. „Aber die Mitarbeiter sind sehr engagiert und mit Herzblut dabei. Weil sich alle schon so lange in Bedekaspel kennen, ist das wie eine große Familie“, sagte Zirpins.
Vorermittlungen durch Staatsanwaltschaft und Polizei
Über die anonymen Aussagen eines Mitarbeiters gegenüber der Ostfriesen-Zeitung, dass das Gebäude komplett marode sei, habe er sich zunächst geärgert, so Zirpins. In der OBW brauche kein Mitarbeiter Angst zu haben, auf eventuelle Probleme bei der Sicherheit hinzuweisen. Im Gegenteil - dazu seien alle ausdrücklich aufgefordert. Diese Aussagen des Mitarbeiters seien nun allerdings auch widerlegt. Die Ursache des Schadens sei festgestellt.
Die Staatsanwaltschaft hat in der Sache routinemäßig Ermittlungen aufgenommen, wie Staatsanwaltschaftssprecher Jan Wilken auf Nachfrage mitteilte. Es werde aber nicht wegen einer Straftat oder gegen Personen ermittelt, sondern nur im Stadium der Vorermittlung, was nach solchen Vorfällen üblich sei.
Ortsvorsteherin besuchte Bewohner in Norddeich
Wilhelm Ubben vom Kirchenrat der Kirchengemeinde Bedekaspel, der das Gebäude des Wohnheims gehört, hat nichts mehr über die Ursache des Unglücks am 8. Juli gehört, wie er den ON auf Nachfrage sagte. Der Kirchenrat habe sich vorgenommen, nach der Urlaubszeit bei der OBW nachzuhaken, wie es weitergehe, sofern bis dahin keine Nachricht von dort komme. „Uns war schnell klar, dass die Substanz des Gebäudes gut ist und dass es nur an der Decke gelegen haben kann“, so Ubben. Der Kirchenrat als Verpächter sehe sich nicht in der Verantwortung, Kosten für die Instandsetzung zu übernehmen.
Bedekaspels Ortsvorsteherin Helga Gloger besuchte die Bewohner der evakuierten Wohnstätte unterdessen in Utlandshörn und überraschte sie mit dem Eiswagen David aus Hinte. „Ich wollte mich persönlich davon überzeugen, dass es den Bewohnern gut geht, und habe mir gedacht, dass ich sie mit einem leckeren Spaghettieis überrasche. Denn es ist ja bekannt: Ablenkung ist noch die beste Medizin“, so Gloger: „Alle Bewohner sind wohlauf und freuten sich sehr über das gesponserte Eis.“
Sie habe sich mit ihnen ihre Arbeit in den OBW-Stätten unterhalten und erfahren, dass einige bald in den wohlverdienten Urlaub gehen werden. Natürlich hätten auch die Betreuungskräfte ein Spaghettieis als Dankeschön für ihren unermüdlichen Einsatz und ihre hingebungsvolle Pflege der Menschen mit Beeinträchtigungen bekommen.
Gloger dankt der Feuerwehr aus Südbrookmerland und lobt die Nachbarschaft des Wohnheims. „Hand in Hand wurde gemeinsam in einer Notlage tatkräftig ohne Wenn und Aber mit angepackt.“