Aurich

Gutachter: „Er ist in seinen Gedanken gefangen“

| | 10.08.2021 19:26 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
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Ein 35-Jähriger schlug in der Emder Psychiatrie einen dementen Mitpatienten so heftig, dass dieser starb. Ein Psychiater diagnostizierte einen religiösen Wahn – und sieht hohe Wiederholungsgefahr.

Aurich - Er sei ein Prophet, der wiedergeborene Jesus, der Führer der Menschheit. Er habe sieben Gebote erlassen. Er sei die Lösung von Corona. Von solchen religiösen Wahnideen eines Beschuldigten berichtete am Dienstag Gutachter Prof. Here Folkerts, Chefarzt der Psychiatrie des Klinikums Wilhelmshaven, vor dem Auricher Landgericht.

Der 35-Jährige hatte nach Überzeugung von Staatsanwalt Jan Wilken im Januar dieses Jahres einen dementen älteren Mitpatienten auf der Psychiatrie des Klinikums Emden so heftig ins Gesicht geschlagen, dass dieser später an den Folgen verstarb. In einem Telefongespräch habe der 35-Jährige ihm erklärt, als Prophet stehe es ihm zu, andere Menschen zu bestrafen, berichtete Folkerts. Der Experte diagnostizierte bei dem Mann, der 2016 von der Elfenbeinküste nach Deutschland kam, einen starken Realitätsverlust und eine paranoide Schizophrenie. Daher sei er schuldunfähig. „Er ist in seinen Gedanken geradezu gefangen“, so Folkerts.

Mann sieht nicht ein, dass er krank ist

Ein großes Problem sei, dass der Mann nicht einsehe, dass er krank ist. Auch deshalb gebe es ein hohes Risiko für weitere Gewalttaten. Das Verhalten des 35-Jährigen zeige eine Eskalation. So hatte er geäußert, er werde für jeden Behandlungstag auf der Psychiatrie jemanden umbringen.

Der Mann war bereits seit 2018 in psychiatrischer Behandlung. Damals hatte er berichtet, Stimmen zu hören. Der 35-Jährige hatte Mitbewohner seiner WG in Rhauderfehn bedroht. Später wurde er im Uniklinikum Hamburg behandelt, weil er in der dortigen Innenstadt „Alluha Akbar“ (Gott ist groß) gerufen hatte. Im August 2019 wurde er aus der Psychiatrie entlassen – doch schon im Januar 2020 landete er wieder dort. Der 35-Jährige hatte, gekleidet mit einem grünen Turban, in mehreren Gottesdiensten in Rhauderfehn islamische Parolen und „Ihr seid alle tot“ gerufen – und damit für Angst und Schrecken gesorgt. Einige Gottesdienstbesucher verließen panisch die Kirchen, heißt es in einem Polizeibericht.

35-Jährige wolle andere missionieren

Der 35-Jährige hatte außerdem mehrere Frauen in Supermärkten sexuell belästigt. Bei der Sparkasse bekam er Hausverbot, weil er eine Mitarbeiterin angeschrien hatte – die in Tränen ausgebrochen war.

Ein Berufsbetreuer berichtete, dass der 35-Jährige viele Hilfsangebote nicht angenommen habe. Auch Medikamente verweigerte der Mann, sodass der Betreuer irgendwann bei Gericht eine Zwangsmedikation beantragte. Immer wieder habe er von seiner Religion gesprochen, so der Betreuer. „Er wollte einen missionarischen Auftrag erfüllen.“ Der 35-Jährige hatte seine sieben „Gebote“ auf Zettel geschrieben und verteilte diese in Rhauderfehn an Haustüren. Man habe versucht, ihn in eine muslimische Gemeinde zu integrieren, doch ohne Erfolg, berichtete der Betreuer. Auch in der Emder Psychiatrie kam es offenbar immer wieder zu tätlichen Angriffen auf Mitpatienten, berichtete Gutachter Folkerts. Er empfahl deshalb weiterhin die dauerhafte Unterbringung in der Psychiatrie.

Rechtsmediziner hält auch Tritte für möglich

Rechtsmediziner Dr. Benedikt Vennemann (Oldenburg) berichtete von seiner Begutachtung des später verstorbenen Opfers der Schläge in der Psychiatrie. Der demente Senior sei zunächst noch am Leben gewesen, allerdings schon nicht mehr ansprechbar. Die Verletzungen im Gesicht deuteten auf heftige Schläge oder sogar Tritte, so Vennemann. Wenige Tage nach der Attacke wurde der Senior vom Klinikum in ein Hospiz verlegt, wo er kurz darauf verstarb. Bei der Obduktion wurde auch eine schwere Lungenentzündung festgestellt, die laut dem Rechtsmediziner durchaus eine indirekte Folge der Schläge gewesen sein kann. Ein Sturz des Opfers, von dem der Beschuldigte gesprochen hatte, sei „kaum denkbar“, so Vennemann.

Der Neuropathologe Prof. Christian Hartmann von der Medizinischen Hochschule Hannover sagte, die Kombination des durch die Demenz stark vorgeschädigten Gehirns mit den heftigen Schlägen und der Lungenentzündung sei die wahrscheinliche Todesursache.

Staatsanwalt: Vorwürfe vollständig bestätigt

Staatsanwalt Jan Wilken sagte in seinem Plädoyer, die Vorwürfe gegen den 35-Jährigen hätten sich vollständig bestätigt. Er habe eine Körperverletzung mit Todesfolge begangen – allerdings im Zustand der Schuldunfähigkeit. Ein möglicher Sturz des Opfers sei wiederlegt. Zudem habe der 35-Jährige die Tat zwar nicht in der Verhandlung – aber gegenüber zwei Gutachtern eingeräumt. Die Eskalation des Verhaltens im Laufe der Jahre sei eine gefährliche Dynamik, so Wilken. Daher sei eine dauerhafte Unterbringung in der Psychiatrie notwendig.

Verteidigerin Anja van der Pütten konnte dem nicht widersprechen. Die beste Lösung für ihren Mandanten könne nur die dauerhafte Unterbringung in einer Klinik sein. Dort könne ihm geholfen werden, „schrittweise zurück in die Normalität“ zu finden.

Der Beschuldigte selbst sagte am Dienstag im Auricher Gerichtssaal: „Ich bin nicht krank, ich bin guter Gesundheit.“ Den Gutachter kenne er gar nicht.

Die Schwurgerichtskammer mit dem Vorsitzenden Richter Stefan Büürma will ihr Urteil am Donnerstag, 12. August, 9 Uhr, verkünden.

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