Südbrookmerland

Rotes Tuch Bahnausbau

Heino Hermanns Karin Böhmer
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Von Heino Hermanns und Karin Böhmer
| 04.08.2021 22:35 Uhr | 2 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Das Gleis führt mitten durch Moordorf und wird von Autofahrern und Radfahrern an verschiedenen Stellen gekreuzt. Foto: Karin Böhmer
Das Gleis führt mitten durch Moordorf und wird von Autofahrern und Radfahrern an verschiedenen Stellen gekreuzt. Foto: Karin Böhmer
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Während Aurich von Personenzügen träumt, sind die Stimmen in Südbrookmerland ablehnend. Die Argumente sind verschieden. Die Kritiker eint allerdings der Zweifel, dass die Landbevölkerung den Zug nutzt.

Südbrookmerland/Aurich - Jens Reinecke, Chef der Eisenbahninfrastrukturgesellschaft Aurich-Emden (EAE), will die Bahnstrecke Aurich–Emden voranbringen. Er sieht aber auch Probleme, wenn die Strecke für den Schienenpersonennahverkehr (SPNV) reaktiviert werden soll. „Moordorf ist das Nadelöhr.“ Dort müssten nicht nur Bahnübergänge geschlossen werden. Es müsste auch Platz für Haltestellen geschaffen werden. „Es gibt aber an der Strecke keine großen Grundstücke mehr.“ Denn der Bahnsteig müsste lang genug werden. Außerdem brauche man Platz für Parkplätze und Fahrradständer.

Reinecke: Zweites Gleis erforderlich

Personenzüge haben Vorrang vor Güterzügen. „Das heißt, wir brauchen ein zweites Gleis in Moordorf“, so Reinecke. Ein solches müsste auch an der künftigen Zentralklinik eingerichtet werden. Reinecke setzt in das neue Krankenhaus große Hoffnungen. Es könnte einen Schub für die weitere Reaktivierung der Schiene geben. Er weiß aber auch: „Ohne Akzeptanz in Moordorf wird es schwer für den Personenverkehr.“

In Südbrookmerland ist Akzeptanz jedoch Mangelware, wenn es um den Ausbau der vorhandenen Gleisanlagen geht. Thomas Erdwiens kündigte an, dass die FWG erneut eine Bürgerbeteiligung in Südbrookmerland initiieren werde, sollten die nun geäußerten Ideen jemals konkret werden. Schon 2014 habe die FWG sich gegen den damals geplanten Ausbau gesträubt und einen Bürgerentscheid angestrebt. Dieser sei dann überflüssig geworden, als der Bahnausbau ad acta gelegt wurde.

FWG: Lieber Wasserstoff-Busse

Eine Reaktivierung sei aus seiner Sicht aufgrund des hohen Aufwandes bei den Sicherheitsmaßnahmen für die vielen Zufahrten unverhältnismäßig und mit enormen Kosten verbunden, so Erdwiens. Die FWG setze sich oft für Umwelt- und Klimaschutz ein, doch bei der Reaktivierung des SPNV sehr er keinen ökologischen Nutzen, wenn die Bahnreisenden mit dem PKW anreisen und durch die Bahn der Stopp-and-go-Verkehr erhöht werde. Die FWG sei stattdessen für den Einsatz von elektronischen oder mit Wasserstoff betriebenen Linienbussen.

Dass sich Südbrookmerland gar finanziell an einer Reaktivierung des SPNV für Aurich beteiligen werde „schließt die FWG absolut aus“. Sie trage wegen der Unterhaltung der Knotenpunkte ohnehin schon ihren Teil bei.

Anwohnerin: Die, die die Reaktivierung fordern, wohnen hier nicht

Ein Anwohnerin der Bahn kann sich noch gut an eine Infoveranstaltung über die Machbarkeitsstudie zu Reaktivierung des SPNV erinnern, die sie im Auricher Familienzentrum besucht habe. Der Tenor damals: „Es ist nicht möglich.“

Sie habe mit Bedacht erst nach dem Scheitern der Pläne ihr Haus saniert. Nun komme der nächste Reaktivierungsvorstoß. Dabei gehe es aus ihrer Sicht nur darum, Auricher nach Emden und Emder nach Aurich zu bringen. „Wer fährt denn aus Moorhusen zum Schwarzen Weg, sucht sich einen Parkplatz und wartet dann auf einen Zug, um nach Emden zu kommen?“, so die Moordorferin rhetorisch. Für den Berufspendler- und Schülerverkehr sei eine Bahnverbindung kaum geeignet, weil immer noch Folgewege zurückzulegen seien. Und selbst Touristen wollten wohl nicht in großer Zahl nach Aurich kommen und dort dann festsitzen. Ohnehin sei dann für Aurich eine Anbindung nach Leer besser. „Wer fährt denn über Moordorf und Emden, wenn er dann eine Stunde verliert?“, so die Anwohnerin. Aus ihrer Sicht seien die Moordorfer nicht grundsätzlich gegen die Bahn. „Aber die, die die Reaktivierung fordern, wohnen hier nicht. Wir sind diejenigen, die wissen, wie das Leben an der Bahnstrecke ist.“

Kleinert: Es geht hier um die Interessen Aurichs

Stefan Kleinert (SPD) steht „mindestens sehr reserviert“ einem Ausbau gegenüber. Den vom Auricher Bürgermeister Horst Feddermann in einem ON-Bericht genannte Vorteil für Südbrookmerland sehe er nicht. Es sei kaum vorstellbar, dass sich in Moordorf ein Platz für einen Bahnsteig finden lasse, so Kleinert. Stattdessen wäre ein regelmäßig verkehrender Zug eher eine Belastung für die Ortsdurchfahrt, für die erhebliche Umbaumaßnahmen nötig seien. Zufahrten müssten umgelegt werden, das sei ein erheblicher Eingriff in Eigentumsrechte. Auch Kleinert bezweifelt, dass Wiegboldsburer oder Forlitzer nach Moordorf fahren, um dort die Bahn nach Emden oder Aurich zu nehmen. Und falls sie es doch tun würden, dann vermutlich mit dem Auto, das dann in Moordorf abgestellt werden müsse. Es gebe sehr, sehr viele Fragen, die in den derzeitigen Auricher Vorstellungen noch unbeantwortet seien, so Kleinert. „Herr Feddermann mag sagen, dass man die Fragen später klärt und zunächst auf den Hype um die Bahn aufspringt. Auf diesem Hype bin ich allerdings noch gar nicht“, so der Moordorfer Ortsvorsteher. Auch hinsichtlich einer gemeinsamen Finanzierung widerspricht Kleinert Feddermann: „Es geht hier um die Interessen Aurichs. Das sind aber nicht die Südbrookmerlander Interessen.“ Das einzige Argument, das er anerkennen könne, sei die notwendige Anbindung der Zentralklinik an der ÖPNV. „Aber das muss der Landkreis planen.“

Gerdes: „Das würde einen Sturm der Entrüstung der Bürger entfachen“

Hilko Gerdes (CDU) findet es in Ordnung, dass der Landkreis seine Machbarkeitsstudie zum SPNV aktualisiert und neue Zahlen erhebt. Er halte eine Reaktivierung aber für „sehr unrealistisch“, allein schon aufgrund der nachfolgenden Betriebskosten. „Dafür mag es Fördermittel geben, aber wie lange?“, so Gerdes. Der Aufwand beim Umbau der Ortsdurchfahrt sei zudem riesig. Zufahrten müssten umgelegt, Bahnübergänge geschlossen und eine Parallelstraße angelegt werden. „Das würde über die Kräfte der Gemeinde gehen und einen Sturm der Entrüstung der Bürger entfachen“, so Gerdes.

Er glaube nicht, dass die Einwohner der Ortsteile nach Moordorf begeben, um dort in einen Zug zu steigen. Schon gar nicht, wenn beispielsweise auf dem Weg zum VW-Werk in Emden noch ein Umstieg nötig wäre. Es zeige sich, dass die Busse auf der Strecke schon nicht voll seien. Und das Argument, dass eine Bahn zur Anbindung der Zentralklinik gebraucht werde, überzeuge ihn auch nicht. Er habe schon viel Zeit am Auricher Krankenhaus verbracht. Dort sei kaum jemand mit dem Bus angekommen, sondern nahezu alle Besucher der Klinik mit dem Auto.

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