Aurich/Wiesmoor

Mordprozess: Zeuge beschrieb Angeklagten als „tickende Zeitbombe“

Aike Ruhr
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Von Aike Ruhr
| 26.02.2021 12:49 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
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Ein 22-jähriger Wiesmoorer muss sich derzeit vor dem Auricher Landgericht wegen eines brutalen Mordes verantworten. Am Freitag sagte ein Kneipier aus, der bereits eigene Erfahrungen mit dem Angeklagten gemacht hatte.

Aurich/Wiesmoor. „Wie eine tickende Zeitbombe“, so hat ein Großefehntjer Kneipier vor dem Auricher Landgericht den 22-jährigen Angeklagten im Mordprozess beschrieben. Dem Wiesmoorer wird vorgeworfen, wie berichtet, einen Gleichaltrigen im September vergangenen Jahres an einer Wiesmoorer Tankstelle brutal ermordet zu haben. Im Zuge der Befragungen war auch der Wirt der Kneipe vor Gericht geladen, in der der Angeklagte und das spätere Opfer am Vorabend der Tat waren. Der Kneipier sagte aus, dass er sich gut an den Angeklagten erinnern könne. Er sei relativ regelmäßig zu Gast gewesen, immer allein. Meistens habe er sich unauffällig verhalten. Bis auf eine Situation, an die er sich noch genau erinnern könne.

Der Kneipier sprach davon, dass er dem Angeklagten eines Abends, einige Wochen vor der Tat, in der Bar ein Spezialgetränk namens „Gehirnmassaker“ ausgeschenkt habe. Eine Mischung aus Absinth und Sambuca. Diese sei dem Angeklagten nicht bekommen, er habe sich übergeben. Grundsätzlich sei das für den Kneipier kein Problem, wie er sagte. Ruhig und sachlich habe er ihn damit konfrontiert, Eimer und Wischer bereitgestellt und gebeten, das Malheur zu beseitigen: „Da wurde er ganz steif. Ganz angespannt. Hatte einen Psychoblick“, so der Kneipier vor Gericht. Nur durch seine „jahrelange Erfahrung“ habe der Kneipier die Situation deeskalieren können. Da habe er gemerkt, dass der Angeklagte auch „ganz anders“ sein könne. Aber eine Tat, wie sie sich am 21. September 2020 zutrug, habe er ihm nicht zugetraut.

Elf Messerstiche in Gesicht, Hals-, Nacken-, Rücken- und Bauchbereich

Was am Tattag passierte, ist genau dokumentiert. Insgesamt elf Mal stach der Angeklagte mit einem Messer auf das Opfer ein. Unter anderem in das Gesicht, den Hals-, Nacken- und Rückenbereich. Auf einer Videoaufnahme ist auch zu sehen, wie das Opfer im Tankstellen-Bistro Hilfe sucht. Er fällt hinein, liegt auf dem Rücken und der Angeklagte sticht ihm in den Unterbauch und zieht das Messer nach oben. Dabei entstanden lebensgefährliche Verletzungen. Unter anderem traten „sichtbar Eingeweide aus“, wie die Staatsanwältin in der Anklageschrift zu Prozessbeginn darstellte. Der Grund für die Messerattacke lag womöglich in einem geplatzten Autoreifen.

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Wiesmoorer steht wegen Mordes vor Gericht
26.02.2021
Kurz vor dem Übergriff kehrten das Opfer und der Angeklagte in dessen Auto zur Tankstelle zurück. Zuvor hatten sie dort gegen kurz nach 7 Uhr angehalten, um Alkohol zu kaufen. Hinter ihnen lag zu diesem Zeitpunkt schon eine gemeinsame Kneipennacht. Nach dem Alkoholkauf fuhr allerdings nicht der Angeklagte selbst sein Auto, sondern das Opfer. Dieser soll, so sagte der Angeklagte aus, gegen einen Bordstein gefahren sein. Dabei platzte der rechte Vorderreifen. Als sie zur Tankstelle zurückkehrten, versuchten sie, den Reifen wieder aufzupumpen. Ohne Erfolg. Daraufhin soll ein Streit zwischen den beiden entbrannt sein. Der Angeklagte habe sich nicht ernst genommen gefühlt, wie er vor Gericht aussagte. Zwar habe der Geschädigte zugesichert, dass er sich um den Schaden kümmern werde, allerdings habe das dem Angeklagten nicht gereicht. Er habe das so „salopp“ formuliert. Und „gelächelt“.

„Das Opfer hatte Angst“

Anders beschrieb die Mitarbeiterin der Tankstelle, die am Tattag Zeugin des Streits wurde, die Situation: „Das Opfer hatte Angst“, sagte sie. Der Geschädigte habe sie um Hilfe gebeten, der Angeklagte aber immer wieder auf ihn eingeredet. Er soll ihm gesagt haben, dass er ruhig sein solle, schilderte die Zeugin. Unmittelbar nachdem sie das erste Mal auf die beiden aufmerksam geworden war und die Verletzung durch den Faustschlag gesehen habe, habe sie die Polizei gerufen: „Ich hatte so ein komisches Bauchgefühl“, sagte die Zeugin. Im weiteren Verlauf entfernten sich die beiden kurzzeitig vom Tankstellengelände, schilderte die Zeugin.

Vor dem gegenüberliegenden Restaurant habe der Angeklagte das Opfer „am Schlawittchen“ gepackt: „Der hat sich richtig vor ihm aufgebaut“, sagte die Zeugin. Und dann sei das Opfer weggerannt, in Richtung Tankstelle. Beide seien an ihr vorbeigelaufen und sie habe sie aus dem Blickfeld verloren. Kurz danach sei der Angeklagte wieder zurückgekommen und habe nur vor sich hingestarrt und „Scheiße“ gesagt. Kurz danach habe sie den Geschädigten im Bistro liegend entdeckt: „Dann habe ich das ganze Elend gesehen.“ Ein Tankstellen-Besucher, der eigentlich seine Zeitung wie an jedem Sonntagmorgen abholen wollte, sprach davon, dass der Geschädigte in einer „riesengroßen Blutlache“ gelegen habe. Sämtliche Versuche, die Blutungen zu stillen, seien fehlgeschlagen. Der 22-Jährige verstarb noch am Tatort.

Opfer sei „nett, aufrichtig, freundlich“ gewesen

Dass sich das Opfer über den Angeklagten lustig gemacht haben könnte, konnte sich auch die damalige Freundin, die am Freitag vor Gericht aussagte, nicht vorstellen: „Er war nett, aufrichtig, freundlich, nicht auffällig“, sagte die 20-Jährige vor Gericht. Er sei nicht aggressiv gewesen, weder verbal noch phsyisch. Aber er sei auch „sehr gutmütig“ gewesen und habe sich leicht ausnutzen lassen. Zudem glaube sie nicht, dass er sich über jemanden lustig machen würde. Etwas anders äußerte sich ein Freund des Opfers, 41 Jahre alt, der ebenfalls als Zeuge geladen war. Er sprach davon, dass das Opfer „manchmal flapsig“ gewesen sei und ein „ziemlich großes Maul“ gehabt habe. Aber das Opfer habe sich seiner Ansicht nach Fehler eingestanden, auch wenn dies „manchmal ein bisschen schwierig“ gewesen sei. Aggressiv sei er aber niemals gewesen: „Wenn er betrunken war, war er ein wenig unvorsichtig“, so der 41-Jährige vor Gericht.

Er selbst habe das Opfer etwa fünf Jahre vor dem Tattag kennengelernt. Der 41-Jährige gab an, ungelernt und arbeitslos zu sein. Er habe ihn beim „Herumhängen“ an der Schule kennengelernt. Im Laufe der Jahre hätten sie öfter mal zusammengesessen und „Zeit verplämpert“. Meist gegen 15 Uhr, „kurz nach dem Aufstehen“, wie der 41-Jährige es nannte, hätten sie sich getroffen und gemeinsam Alkohol getrunken. Aber er sei „nie aggressiv“ geworden.

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