Aurich

Vom Pflegevater missbraucht

Franziska Otto
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Von Franziska Otto
| 03.07.2020 20:17 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
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Als ihr Pflegevater sich an Lena verging, hieß sie noch Patrick. Die Südbrookmerlanderin änderte ihr Geschlecht in der verzweifelten Hoffnung, dadurch den Übergriffen zu entgehen. Für seine Taten wurde der Mann im vergangenen Jahr vom Auricher Landgericht verurteilt.

Aurich. Im Alter von 15 Jahren hat es langsam angefangen. „Er streichelte mich und atmete schwer. Ich habe mich so geekelt.“ So beschreibt Lena, die damals noch Patrick hieß, einen der Übergriffe ihres ehemaligen Pflegevaters. Vor ungefähr acht Jahren ließ Patrick sich zur Frau umoperieren, in der verzweifelten Hoffnung, dass der Mann von ihm ablässt. Ein Irrtum, wie Lena später feststellen musste. Heute ist sie 28 Jahre alt und schildert ihr Martyrium. Der Mann, der ihr das angetan hatte, wurde deswegen und noch 88 weiteren Fällen von Missbrauch an Kindern und Jugendlichen im vergangenen Jahr vor dem Auricher Landgericht zu zehn Jahren und drei Monaten Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.

Mit 15 Jahren kam Patrick in eine Jugendeinrichtung in Großheide, wo auch der spätere Pflegevater arbeitete. In seiner leiblichen Familie hatte Patrick es nicht leicht: Gewalt und Alkohol seien Alltag gewesen. Er hatte das Gefühl, dass er in der Familie nur störte. Ihm fehlten Zuneigung und Anerkennung. „Ich dachte bei meiner Familie, dass sie mich nie gewollt hat.“ Der sensible Junge fand auch in der Einrichtung keine Ruhe. Die anderen Jugendlichen waren einfach zu viel für ihn. Er konnte keine emotionale Bindung zu ihnen herstellen, geschweige denn Freunde finden. Die einzige Vertrauensperson war ein Mann aus dem Personal.

Der Mann flüsterte dem Jungen Komplimente ins Ohr

Nach und nach näherte sich der Mann Patrick an. „Er hat immer so sexistisch gesprochen.“ Lena schildert, wie der Mann vorging. Häufig trat er nah an Patrick heran, flüsterte ihm Komplimente ins Ohr. Manchmal leckte er an der Ohrmuschel. Patrick ekelte sich, wollte nichts davon hören. Dennoch wehrte er sich nicht, denn in der Einrichtung empfand er das Verhalten des Mannes als normal. Auch unter den Jugendlichen sei das gang und gäbe gewesen.

Lenas Erinnerungen an die einzelnen Taten sind nicht immer eindeutig. Manche sind ihr aber im Gedächtnis geblieben. Zum Beispiel die erste körperliche Annäherung des Mannes. Als Patrick eines Tages Rückenschmerzen hatte, bot der Mann an, ihm die Schultern zu massieren. Rückblickend stellt Lena heute fest, dass dieser Kontakt bereits mehr als unangebracht war. Als Jugendlicher reagierte sie jedoch nicht. „Er fing dann an, Räucherkerzen anzuzünden. Für mehr Atmosphäre und Entspannung.“

„Ich fühlte mich, als wäre ich gar nicht mehr da.“

Als Patrick ungefähr 16 Jahre alt war, ging der Mann einen Schritt weiter. „Ich sollte mich auf den Rücken legen.“ Der Mann streichelte Patrick erst den Bauch und griff ihm dann in die Hose. In diesem Moment war Patrick schockiert, lag völlig reglos auf dem Bett. „Ich fühlte mich, als wäre ich gar nicht mehr da.“ Er wollte das Unglaubliche nicht wahrhaben.

Als Jugendlicher konnte Lena nicht das Ausmaß der Taten verstehen. Hilfe suchte sie sich nicht. „Ich hatte Angst, wenn ich etwas sage, dass ich dann auf der Straße sitze.“ Immer wieder habe der Peiniger gedroht, dass sie beide aus der Einrichtung rausfliegen, wenn andere von den Übergriffen erführen. Der Mann sagte, er hätte dem Jugendlichen dann nicht mehr helfen können. Er wäre ganz allein. Patrick wurde abhängig von dem Mann, wurde manipuliert. „Er hatte so eine Macht über mich. Er sagte: ‚Ohne mich bist du nichts.’“ Der Mann wurde alles für ihn. Der einzige Mensch, dem der Junge sich anvertrauen konnte. Aus diesem Grund zog der Jugendliche bei ihm ein. Der Mann und seine Frau wurden zu Patricks Pflegeeltern.

Selbstverletzung und Suizidgedanken wurden alltäglich

Noch heute findet Lena Argumente für diesen Schritt. „Er war ja eigentlich ein toller Mensch.“ So sei der Mann ansonsten gut mit Kindern umgegangen. Ausflüge in Freizeitparks am Wochenende mit der gesamten Familie gehörten zum Programm. Sein zweites Gesicht zeigte er bei nächtlichen Besuchen, die Patrick über sich ergehen lassen musste.

In der Pflegefamilie entwickelte Patrick eine Essstörung, Selbstverletzung und Selbstmordgedanken wurden alltäglich. Mit 17 Jahren zog er deshalb übergangsweise in eine eigene Wohnung, wo er von Betreuern unterstützt wurde. Doch auch dort wurde seine Situation nicht besser. Immer wenn der Mann nicht bei ihm gewesen sei, habe er ihn mit Anrufen und Nachrichten terrorisiert. Patrick hielt es nicht mehr aus und versuchte, sich umzubringen. Er schluckte eine Überdosis Tabletten. Kurz danach packte ihn die Angst und er rief einen Betreuer an. Eigentlich wollte er sich gar nicht umbringen. Er wollte, dass sein Leid gesehen wird. „Es war, glaube ich, ein Hilferuf.“ In seiner Wohnung bedrückte ihn die Einsamkeit. In seiner Verzweiflung zog er zurück zur einzigen Bezugsperson, die er kannte: seinem Pflegevater.

Patrick hoffte, wenn er eine Frau wäre, würde der Mann das Interesse verlieren

In der Pflegefamilie hatte Patrick vermutet, dass der Mann auch anderen Jungen zu nah kam. Patrick wagte einen verzweifelten Schritt. Er hoffte, wenn er eine Frau wäre, dass der Mann das Interesse an ihm verlöre. „Ich habe es nur gemacht, weil ich dachte, es gibt keine andere Hilfe.“ Mit 21 Jahren begannen erste Gespräche mit Ärzten. Immer dabei: der Pflegevater. Er habe immer den Drang gehabt, allen Leuten zu erzählen, dass aus seinem Sohn nun eine Tochter wird. „Er war ganz stolz darauf, dass ich diesen Schritt ging.“ Noch bevor Lena aus der Narkose erwacht war, habe er ihre leibliche Mutter angerufen und damit geprahlt, dass Lena erst in seiner Obhut ihre wahre Identität gefunden habe.

Zehn Operationen ließ Lena über sich ergehen. Während der Krankenhausaufenthalte habe der Mann sie ständig angerufen und besucht. Ihren neuen Namen habe die Pflegemutter ausgesucht. Ihr sei der Name völlig egal gewesen, solange die Umwandlung nur schnell ginge, sagt Lena. Doch ihr verzweifelter Entschluss lohnte sich nicht.

Die Geschlechtsumwandlung verhinderte nicht die Übergriffe

Auch nach der Geschlechtsumwandlung habe der Mann versucht, sie zu missbrauchen. Lena schildert, wie sie sich nackt auf den Bauch legen sollte. Der Mann versuchte vergeblich, in sie einzudringen. In diesen Momenten wünschte sie sich, dass einfach nur alles schnell vorbeigeht. Als der Mann schließlich aufgab, sagte er zu ihr, dass Kuscheln und Küssen ihm auch reichen würden.

Die Taten des Pflegevaters kamen erst ans Licht, als sein Neffe, an dem er sich ebenfalls verging, im Jahr 2018 sich seiner Familie anvertraute. Er trank Alkohol, weinte und berichtete, was der Onkel ihm als Kind angetan hatte. Die Familie bestärkte den jungen Mann, zur Polizei zu gehen. Das Jugendamt holte daraufhin die restlichen Kinder aus der Pflegestelle des Täters heraus.

Lena hatte Angst, dass der letzte Rest der Familie auseinanderbricht

Der Pflegevater zog aus seinem Haus zu Lena. Sie versteht nicht, warum die Festnahme so lange dauerte. „Es hätte nicht so sein dürfen, dass er noch zu mir kommt.“ Der Mann erzählte ihr, was ihm vorgeworfen wurde. Statt zu denken, dass nun endlich alles ans Licht kommt, fühlte Lena nur Angst. Angst davor, dass der letzte Rest von dem, was von ihrer Familie noch übrig war, nun auch auseinanderbricht. Deshalb gewährte sie ihm Unterschlupf.

In den ersten paar Tagen sei das Zusammenleben recht gut verlaufen. Sie ging ganz normal zur Arbeit, während ihr Pflegevater in der Wohnung blieb. Es schien fast so, als wären sie ein Paar. „Er sagte: ‚Jetzt bin ich nicht mehr mit meiner Frau zusammen, jetzt können wir zusammen sein‘.“ Doch die angebliche Zuneigung des Mannes gegenüber seiner Pflegetochter schlug schnell um. Er verlor wieder die Beherrschung. „Er weinte und wurde handgreiflich.“ Er habe ihr damit gedroht, sich umzubringen. „Eines Tages hat er plötzlich so getan, als wäre er blind.“ Einen Blindenstock und eine Armbinde habe der Pflegevater sich besorgt. Für Lena war die Situation völlig absurd. Sie glaubte ihm kein Wort. Hass baute sich in ihr auf. Der Mann habe mit dem Stock auf sie eingeprügelt. Als die Sache ein Jahr später vor Gericht zur Sprache kam, sagte der Mann, Lena habe ihn mit dem Stock geschlagen. Lena bestätigt das. „Es war wie ein Befreiungsschlag. Ich wollte, dass er fühlt, was ich fühle.“ Sie bereut ihre Tat nicht. Im Gegenteil. „Ich konnte mich endlich mal wehren.“

Die Taten des Mannes ereigneten sich in Aurich, Großheide und Großefehn

Patrick und der eigene Neffe waren nicht die einzigen Opfer des Mannes. Andere Pflegekinder missbrauchte er ebenfalls. Im August vergangenen Jahres wurden ihm 110 Fälle von Missbrauch vor dem Auricher Landgericht vorgeworfen. Verurteilt wurde er für 89 Taten. Darunter drei Vergewaltigungen, 68 Fälle von Kindesmissbrauch und 17 Fälle von Missbrauch von Jugendlichen. Die Taten ereigneten sich in Aurich, Großheide und Großefehn. Sein Antrag auf Revision vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe in diesem Jahr wurde abgelehnt.

Ein Gutachter stellte damals bei dem Mann mit der Pädophilie eine schwere seelische Abartigkeit fest. Er handelte nie im Affekt und schaffte Gelegenheiten für die Übergriffe. Er legte sich in der Nacht neben seine Opfer ins Bett oder kam zu ihnen in die Dusche. Die Schwere seiner Taten habe er nie verstanden, sagt Lena. Auch der Missbrauch an ihr sei gar keiner, habe er gesagt. Lena sei bei ihrer Aussage nur wegen ihrer psychischen Probleme verwirrt gewesen. „Er sagte: ‚Meine Tochter ist ja so krank, ich nehme ihr das nicht übel.‘“

Heute bereut Lena die Geschlechtsumwandlung

Die Geschlechtsumwandlung sieht Lena als gewaltigen Fehler. Sie fühlt sich in dem weiblichen Körper nicht wohl, findet sich hässlich. Sie wünschte, sie könnte es rückgängig machen. Ihr neues Aussehen erinnert sie an den Missbrauch. Immer wieder driftet sie in die Verzweiflung, leidet unter Depressionen. Täglich plagen sie Suizidgedanken. Ihre einzige Stütze ist ihr fester Freund.

Oft habe man ihr ihre Geschichte nicht geglaubt. Sie hat eine Vermutung warum. Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen sei ein Tabuthema. Niemand wolle darüber sprechen. Und deswegen dauere es so lange, bis jemand eingreife. „Ich bin mir sicher, dass es manche gewusst haben.“ Doch niemand sei eingeschritten. Heute wünscht sie sich, dass irgendjemand hingesehen hätte. Dass sie als Jugendlicher gewusst hätte, an wen sie sich wenden kann.

Kinder, die selbst Opfer von Gewalt wurden, und Erwachsene, die den Verdacht haben, dass Kinder in ihrem Umfeld missbraucht werden, können sich an die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern mit Praxis für Sprachtherapie der Awo Bezirksverband Weser-Ems unter Tel. (0 49 41)  65 11 1 wenden.

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