Sorge vor Winter Hunger in Afghanistan: „Die Angst kommt in unser Haus“

Mathis Richtmann und Jawad Kohnaward, dpa
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Von Mathis Richtmann und Jawad Kohnaward, dpa
| 07.11.2026 06:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Mit dem nahenden Winter warnen die Vereinten Nationen vor einer Hungerkrise in Afghanistan.  Foto: Jawad Kohnaward/dpa
Mit dem nahenden Winter warnen die Vereinten Nationen vor einer Hungerkrise in Afghanistan. Foto: Jawad Kohnaward/dpa
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Die humanitäre Lage in Afghanistan ist seit Jahren angespannt. Jetzt warnen die Vereinten Nationen vor einer sich zuspitzenden Hungerkrise im Winter. Was berichten die Menschen in Kabul?

Imran Ullah steht mitten in Kabul hinter einem riesengroßen Topf Hühnersuppe. Die verkauft er nachmittags in kleinen Pappbechern. „Ich lächle vor meinen Kunden und meinen Kindern, weil ein Vater seine Angst nicht zeigen darf. Aber ich ertrinke in Sorgen“, sagt Ullah.

In den vergangenen zwei Stunden war nur ein Kunde bei ihm gewesen. Er verdiene kaum genug, um Brot zu kaufen, berichtet er. Dabei sei vor einigen Monaten noch alles gut gewesen - vor der Abschiebung aus Pakistan nach Afghanistan.

Viele Gründe für Hungerkrise

Die Vereinten Nationen befürchten mit Blick auf den anstehenden Winter eine sich zuspitzende Hungerkrise in Afghanistan. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen haben sich die Spannungen zwischen den beiden Nachbarländern Afghanistan und Pakistan zuletzt verschärft. Millionen von Menschen mit afghanischen Wurzeln wurden in ihr Heimatland zurückgedrängt. Seit gut einem Jahr sind wegen kriegerischer Auseinandersetzungen Grenzübergänge geschlossen - und damit ist auch eine wichtige Importroute für Afghanistan unterbrochen. 

Hinzu kommt der Krieg im anderen Nachbarland, dem Iran, der die Preise für Lebensmittel weltweit steigen lässt. Außerdem brechen seit Jahren die internationalen Hilfsgelder massiv ein. Außer für Abschiebungen aus Europa wollen westliche Regierungen kaum mit den regierenden islamistischen Taliban zusammenarbeiten - auch aufgrund von deren Missachtung von Frauenrechten. Mit schwindenden Spenden streichen Organisationen immer wieder Leistungen für Afghanen.

UN haben Sorge vor Hunger im Winter

Nahrungsmittel seien derzeit in Afghanistan zwar durchaus verfügbar. Menschen könnten sie sich jedoch schlicht nicht leisten, sagte Olga Cherevko von der UN-Koordinierungsstelle für Afghanistan Mitte Oktober. Ein Drittel der knapp 49 Millionen Afghaninnen und Afghanen lebe jetzt schon in akuter Nahrungsmittelunsicherheit - diesen Winter könnten es gar 19,2 Millionen Menschen werden, knapp zwei Millionen mehr als im vergangenen Jahr.

„Wenn der Wind kalt wird, kommt die Angst in unser Haus, bevor es der Winter tut“, sagt Safiullah Khan. Foto: Jawad Kohnaward/dpa
„Wenn der Wind kalt wird, kommt die Angst in unser Haus, bevor es der Winter tut“, sagt Safiullah Khan. Foto: Jawad Kohnaward/dpa

Besonders Reis und Mehl sind im vergangenen Jahr teurer geworden, berichtet das Welternährungsprogramm (WFP). Aber auch Kartoffeln kosten jetzt 37 Prozent mehr als im Vorjahr. Das ist für viele schwer zu bezahlen, auch weil Arbeit im Land knapp ist. Nach WFP-Angaben findet derzeit ein ungelernter Tagelöhner nur an zwei Tagen in der Woche Arbeit. Am Tag verdiene er im Schnitt 300 Afghani - umgerechnet etwa vier Euro. Dafür bekommt er in Kabul nicht ganz drei Kilogramm Reis niederer Qualität.

In der Familie von Hadschi Safiullah Khan haben nur seine zwei Söhne einen Job. Auch er fürchtet sich vor dem Winter. Er kauft gerade das Nötigste in einem kleinen Supermarkt in Kabul ein. Bohnen, Linsen und kleine Hörnchennudeln füllt er mit einer Metallschippe in Plastiksäcke. Besonders Reis sei teuer geworden, erzählt er. Jetzt kauften sie weniger ein, griffen zu günstigeren Produkten und ließen auch mal anschreiben. 

„Wenn der Wind kalt wird, kommt die Angst in unser Haus, bevor es der Winter tut“, sagt Safiullah Khan. „Essen und Miete fressen schon jetzt jeden Afghani auf, den meine Söhne verdienen, und jetzt müssen wir Geld für Kohle, Sprit, für die Wärme aufbringen. Aber woher?“ Heute schon lasse er auch mal eine Mahlzeit aus, damit seine Kinder genug haben. „Ein Mann meines Alters sollte sich ausruhen, respektiert werden. Aber ich verbringe meine Tage beschämt und hilflos und zähle die Münzen, als wären sie Wassertropfen in einer Wüste“, sagt Safiullah Khan.

Rückkehrer aus Nachbarländern erschweren Lage auf Arbeitsmarkt

Zugleich suchen immer mehr Menschen in Afghanistan Arbeit. Aus den Nachbarländern Pakistan und Iran sind nach Angaben der UN-Flüchtlingsbehörde UNHCR allein in diesem Jahr 1,2 Millionen Menschen nach Afghanistan zurückgekehrt - abgeschoben, zur Rückkehr gedrängt oder freiwillig. 

Seit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 sind demnach insgesamt mehr als vier Millionen Menschen zurückgekehrt - etwa ein Zehntel der Bevölkerung des Landes. Beide Nachbarländer straucheln wirtschaftlich und wollen sich die Afghanen im Land nicht mehr leisten.

Die Suppe von Imran Ullah gibt es wahlweise mit hartgekochtem Ei und Chilisoße - er träumt von einem eigenen Restaurant. Foto: Jawad Kohnaward/dpa
Die Suppe von Imran Ullah gibt es wahlweise mit hartgekochtem Ei und Chilisoße - er träumt von einem eigenen Restaurant. Foto: Jawad Kohnaward/dpa

Der Konflikt zwischen Pakistan und Afghanistan, der bis in die britische Kolonialzeit zurückreicht, ist im vergangenen Jahr massiv mit gegenseitigen Angriffen eskaliert. Islamabad wirft den Regierenden in Kabul Terrorunterstützung vor. Die Taliban weisen das zurück. Doch in Pakistan hat sich die Stimmung gegen die Afghanen gedreht. Weitere Zwangsdeportationen in den Grenzprovinzen werden befürchtet.

Imran Ullah, der jetzt Suppe verkauft, ist einer der Vertriebenen. In Haripur - unweit der pakistanischen Hauptstadt Islamabad - habe er als Assistent in einem Goldgeschäft genug verdient, um seine Familie durchzubringen, auch für gelegentliche Geschenke für andere habe es gereicht. Als er Pakistan verlassen musste, habe es sein Selbstvertrauen, seinen inneren Frieden und seine Perspektive auf die Zukunft zerstört, sagt er jetzt in Kabul. „Es hat sich angefühlt, als sei der Boden unter meinen Füßen verschwunden.“

Ullah schöpft seine Hühnersuppe aus dem großen Topf in Pappbecher. Als Beilage können Kunden hartgekochte Eier oder Chilisoße zu der Suppe wählen. Er träumt von einem eigenen Restaurant. Die Träume seien das Licht, an dem er in der Finsternis festhalte. „Wenn ich mir meine Kinder in einem guten Klassenraum, mit Büchern in Händen, sauberen Uniformen und hoffnungsvollen Gesichtern vorstelle, dann blüht es warm in meiner Brust auf und für einen Moment schmerzt es weniger“, sagt Ullah.

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