Russlands Krieg Abschied von Oleschky – Ukrainer und Russen in Sicherheit
Oleschky erhielt durch die von US-First-Lady Melania Trump vermittelte Waffenruhe weltweit Aufmerksamkeit. Nun haben Russen und Ukrainer gemeinsam viele Menschen gerettet. Ist das ein Weg zum Frieden?
In einer von den Kriegsparteien als „historisch“ bezeichneten Rettungsaktion haben sich Dutzende Menschen aus der von Russland kontrollierten Frontstadt Oleschky in Sicherheit bringen lassen. Oft nur mit ein paar Beuteln und dem Haustier im Käfig verließen sie die abgeriegelte Zone in dem von Moskau annektierten Teil des Gebiets Cherson. Viele von ihnen sind im fünften Kriegsjahr ausgezehrt, einige verwundet, andere bewegen sich mit nur einem Bein an Krücken oder sitzen im Rollstuhl. Die Rettung kam rechtzeitig vor dem Wintereinbruch.
Bei der Abfahrt aus der verminten Trümmerstadt flossen noch Abschiedstränen. Bei der Ankunft auf von Kiew oder Moskau kontrolliertem Gebiet weinte mancher vor Glück. Die Ukraine feierte ihre Leute wie Befreite aus russischer Kriegsgefangenschaft. Die ebenfalls zahlreichen Menschen, die auf russisches oder von Moskau kontrolliertes Gebiet ausreisten, sehen sich hingegen auch als Opfer ukrainischer Angriffe. Zahlen zu Geretteten nannten die Seiten nicht.
US-First Lady Melania Trump und Papst Leo XIV. haben diese bislang längste und störungsfreie Waffenruhe samt Evakuierung vermittelt. Ein beispielloser Kraftakt sei das gewesen, sagt der Menschenrechtsbeauftragte der Ukraine, Dmytro Lubinez. Er begleitete die humanitäre Hilfsaktion mit seiner russischen Kollegin Jana Lantratowa. Sie zeigen sich nun so zufrieden, dass sie sich weitere Missionen in anderen Frontgebieten vorstellen könnten.
Weitere humanitäre Hilfsaktionen angekündigt
Lubinez meint sogar, dass solche Schritte den Weg zu einem Frieden bereiten könnten. Die beiden Vertreter Moskaus und Kiews dankten nicht nur Melania Trump mehrfach für ihr Oleschky-Engagement. Sie lobten sich auch gegenseitig, dass beide Seiten die Vereinbarungen einhielten - ein Novum in den sonst aggressiven Wortgefechten der Staatsführungen.
Lubinez und Lantratowa ließen sich mit geretteten Kindern fotografieren, umarmten die Geflüchteten. „Die Mission ist beendet. Aber leider bleiben die Lebensbedingungen in Oleschky äußerst schwierig“, sagt Lantratowa. „Wir unternehmen alle Anstrengungen, um die Einwohner zu unterstützen.“ Mit Lubinez habe sie deshalb weitere regelmäßige Hilfsaktionen vereinbart. „Das ist ein wichtiger Schritt“, betont sie.
Vor dem Krieg hatte Oleschky noch 24.000 Einwohner. Jetzt sind es wohl noch deutlich über 1.000. Warum bleiben so viele in der Todeszone der Trümmerstadt?
Trotz Todesgefahr bleiben viele Menschen in Oleschky
Wer bleibt, kann nun dank der Tonnen an Hilfslieferungen mit Lebensmitteln, Medikamenten, Hygieneartikeln und Kraftstoff etwas aufatmen. Manche in Oleschky sind vom Fleisch gefallen, andere leben noch vergleichsweise gut von eigener Ernte auf dem fruchtbaren Boden oder aus ihren Gewächshäusern. Strom gibt es von Solaranlagen, die an vielen Stellen zu sehen sind - meist neben den Häusern, weil die Dächer durch Drohneneinschläge zerstört sind.
Eine 71-Jährige erzählt auf ihren Fahrradlenker gestützt, dass sie bleibe, weil sie zu alt sei, um zu gehen. Sie kümmert sich auch um ihren 22 Jahre alten Enkel, der ein Bein verloren hat. Und der russische Staat zahle eine gute Rente: 31.000 Rubel (344 Euro) monatlich - deutlich mehr als in der Ukraine.
Viele harren aus, weil sie andere Menschen, die nicht gehen wollen oder im Krankenhaus liegen, nicht im Stich lassen wollen. Aber mancher wie der frühere Lehrer Oleh werden nachdenklich. „Wenn so viele gehen, wird es nicht einfacher hier“, sagt er. Oleh zeigt sich dankbar für die internationale Aufmerksamkeit, die Melania Trump Oleschky beschert hat. „Das hilft sehr.“ Moskaus Außenministerium hat zu der vom Verteidigungsministerium organisierten Reise in die Frontstadt auch ausländische Medien eingeladen, darunter die Deutsche Presse-Agentur.
Komplizierte Evakuierung über Russland und Belarus
Die Menschen konnten beim Abschied von Oleschky wählen zwischen weißen Bussen mit der Aufschrift Ukraine oder Russland. Diejenigen, die sich für ein Leben unter ukrainischer Führung entschieden haben, konnten nicht den kurzen, aber verminten Weg über den Dnipro-Fluss auf die andere Seite im Gebiet Cherson nehmen. Stattdessen führte der Weg über die Krim und die russische Schwarzmeerstadt Anapa.
Auf dem Weg raus aus der Todeszone stechen vor allem die vielen Ruinen ins Auge. Und die über die Straße gespannten Abfangnetze für die Drohnen. In den Netzen hängen Kadaver von Vögeln, die sich im feinen Garn verfangen haben.
Vier russische Militärmaschinen flogen Kiews Missionschef Lubinez und die Geretteten nach Gomel in Belarus. Von dort ging es wieder in Bussen weiter über die Grenze in die Ukraine. Der älteste Flüchtling sei 94, der jüngste gerade ein Jahr alt, erzählt Lubinez nach der Ankunft. Auch Hunde, Katzen, ein Papagei und sogar ein Waschbär seien mit im Tross gewesen.
Leiden in Oleschky geht weiter
Die 50 Jahre alte Wera erzählte noch in Oleschky, dass sie sich am meisten auf ein Wiedersehen mit ihrem 30 Jahre alten Sohn freue, der in Polen lebe. Seit Kriegsbeginn hat sie ihn nicht mehr gesehen. Sie und ihr Mann Sascha wollen ein neues Leben in Mykolajiw anfangen. „Da gibt es auch endlich wieder Arbeit für uns“, sagt der 60-Jährige.
In Oleschky aber drohen nach der bis Sonntagabend angesetzten Waffenruhe neue Kämpfe. Allgegenwärtig bleibt für die Menschen in Oleschky neben der Mangelversorgung vor allem die Gefahr, von einer Drohne getroffen zu werden oder auf eine Mine zu treten.