Bahnkatastrophe Zugunglück in Spanien: 69 Tote und viele offene Fragen
Spanien trauert um die Opfer des schweren Zugunglücks. Während Angehörige verzweifelt auf Gewissheit über das Schicksal ihrer Lieben warten, wächst der Druck, die Ursachen der Katastrophe aufzuklären.
Nach dem schweren Zugunglück in Spanien mit Dutzenden Todesopfern wächst der Druck auf Behörden und die linke Regierung, die Ursache der Katastrophe aufzuklären. Im Zentrum der Ermittlungen stehen der Ausfall des älteren deutschen Systems LZB sowie mögliche Fehlentscheidungen der Bahnleitstelle in Madrid. Die verzweifelte Suche nach Opfern und vermissten Angehörigen und Freunden ging unterdessen auf Hochtouren weiter.
Medien veröffentlichten Mitschnitte des Funkverkehrs, denen zufolge der Lokführer eines Hochgeschwindigkeitszuges von einem Mitarbeiter der Bahnleitstelle angewiesen wurde, den „normalen Fahrbetrieb“ wiederaufzunehmen, obwohl das automatische Zugsicherungssystem noch nicht wieder funktionierte und ein anderer Zug noch auf der Strecke stand.
Verletzte bekommen Besuch der Royals
Beim Unglück waren am Mittwochmorgen zwei Hochgeschwindigkeitszüge kollidiert: Ein Zug der staatlichen Bahngesellschaft Renfe fuhr von hinten auf einen stehenden Zug des privaten Unternehmens Iryo auf. Die Zahl der Todesopfer stieg inzwischen auf 69. Der Präsident der Region Kastilien-La Mancha, Emiliano García-Page, sagte derweil, er sei „vorsichtig optimistisch“, dass man an der Unglücksstelle in Urda in der Provinz Toledo rund 130 Kilometer südlich von Madrid keine weiteren Todesopfer finden werde.
Von den knapp 200 Verletzten lagen nachmittags noch 18 auf Intensivstationen verschiedener Krankenhäuser. König Felipe VI. und Königin Letizia besuchten die Verletzten im Universitätskrankenhaus von Toledo und sprachen dort auch mit Ärzten und Angehörigen. „Das Wichtigste ist jetzt, den Verletzten und ihren Angehörigen beizustehen und ihnen Zuneigung zu zeigen“, sagte Felipe sichtlich bewegt nach dem über anderthalbstündigen Besuch. Die Ermittlungen müssten klären, warum sich die Katastrophe ereignet habe. Anschließend müssten Maßnahmen ergriffen werden, „damit sich so etwas nicht wiederholt“.
Lokführer streiken und fordern unabhängige Untersuchung
Verkehrsminister Óscar Puente hatte die Weiterfahrterlaubnis für den Renfe-Zug als „unerklärliche“ und „falsche“ Entscheidung bezeichnet. Die Lokführerin des Iryo-Zuges soll der Leitstelle zuvor mitgeteilt haben, dass sie wegen Problemen beim Neustart des Systems nicht weiterfahren könne. Ob und in welchem Umfang tatsächlich Fehlentscheidungen und ein menschliches Versagen zum Unglück beitrugen, müssen die Ermittlungen klären.
Am Donnerstag forderte der spanische Lokführerverband SEMAF mit einem eintägigen Streik bessere Sicherheitsvorkehrungen. Sprecher Diego Martín verlangte eine „gründliche und unabhängige Untersuchung“ des Unglücks. Zugleich kritisierte er die Veröffentlichung „verzerrter“ Mitschnitte aus der Leitstelle als „alarmierend und respektlos“. „Schuldzuweisungen lösen keine Tragödien, ihre Ursachen zu ermitteln, schon“, sagte Martín. Es sei derzeit unverantwortlich, nach Schuldigen zu suchen, statt die Ursachen zu klären.
Deutsches System in der Kritik
Martín beklagte zudem, dass immer häufiger mit eingeschränkten oder gestörten Sicherheitssystemen gearbeitet werde. Das beim Unglück ausgefallene Zugsicherungssystem LZB hätte seiner Ansicht nach längst ersetzt werden müssen, weil es wiederholt Probleme gegeben habe.
Die seit 1992 auf der Strecke Madrid-Sevilla eingesetzte deutsche Technik soll durch das europäische System ERTMS - das sonst bereits überall in Spanien eingesetzt wird - abgelöst werden. Auf dem betroffenen Abschnitt hatten wenige Wochen vor dem Unglück Tests begonnen.
Suche nach Opfern und Vermissten geht weiter
Unterdessen setzten die Rettungskräfte die Bergung der zerstörten Waggons fort. Auch die Identifizierung der Toten lief weiter. DNA-Proben von Verwandten sollen helfen, die Identifizierung der Opfer zu ermöglichen. Bisher wurden nur die Namen von vier Toten offiziell bekannt - darunter Ex-Arbeitsministerin Fátima Báñez. 67 Vermisstenanzeigen wurden aufgegeben. Viele Angehörige und Freunde suchten weiterhin in Krankenhäusern und Notunterkünften und auch mit Posts in den sozialen Netzwerken verzweifelt nach ihren Lieben.
Maricarmen, deren 63-jähriger Mann unter den Vermissten war, sagte der Zeitung „El País“ und dem TV-Sender RTVE: „Das Schlimmste ist die Ungewissheit. Wir wissen absolut nichts.“ Der Schauspieler César Vicente sucht verzweifelt nach seinem gleichnamigen Vater. „Ich weiß immer noch nicht, wo er ist“, sagte der 29-Jährige weinend vor der Kamera von RTVE.
Das Auswärtige Amt erklärt: Lage teilweise noch unübersichtlich
Ob Deutsche unter den Opfern sind, ist vorerst nicht bekannt. Das Auswärtige Amt erklärte auf Anfrage, die Lage sei teilweise noch unübersichtlich und nicht alle Identitäten der Passagiere seien zweifelsfrei geklärt. Die deutsche Botschaft in Madrid stehe mit den örtlichen Behörden in Kontakt und sei zur konsularischen Betreuung deutscher Staatsangehöriger bereit.
Die Anteilnahme und Solidarität waren groß. Zahlreiche Menschen folgten im ganzen Land dem Aufruf der Behörden, Blut zu spenden. Lehrer unterbrachen ihren Streik, um Hilfe zu leisten. Bewohner der Unglücksregion halfen den Betroffenen dabei, vermisste Menschen in den Krankenhäusern zu suchen.
Das Unglück weckt Erinnerungen an die Zugkatastrophe von Adamuz in Andalusien, bei der im Januar 46 Menschen ums Leben gekommen waren. Ministerpräsident Pedro Sánchez steht nach der neuen Katastrophe und wegen der Parlamentswahl Ende November unter Druck. Er versprach eine umfassende Aufklärung und eine Verstärkung der Sicherheit im Bahnverkehr.