Nobelpreise „Kühn und erfinderisch“: Literaturnobelpreis für Anne Carson

Julia Wäschenbach und Sabrina Szameitat, dpa
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Von Julia Wäschenbach und Sabrina Szameitat, dpa
| 08.10.2026 04:35 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Cool und gelassen: So beschreibt ein Verleger Literaturnobelpreisträgerin Anne Carson. (Archivbild) Foto: Pontus Lundahl/TT News Agency/AP/dpa
Cool und gelassen: So beschreibt ein Verleger Literaturnobelpreisträgerin Anne Carson. (Archivbild) Foto: Pontus Lundahl/TT News Agency/AP/dpa
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Die kanadische Autorin Anne Carson bringt antike Mythen in die Gegenwart. Den Literaturnobelpreis findet die 76-Jährige „verrückt“. Die Nachricht davon erreicht sie bei einer ungewöhnlichen Tätigkeit.

Die kanadische Dichterin und Autorin Anne Carson wird in diesem Jahr mit dem prestigeträchtigen Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Wie die Schwedische Akademie in Stockholm bekanntgab, bekommt die 76-Jährige die Auszeichnung für ihr „kühnes und erfinderisches Werk, das im spielerischen Dialog mit der klassischen Tradition neue Formen für die zeitgenössische Literatur geschaffen hat“.

Sie habe kurz mit der Preisträgerin am Telefon sprechen können, berichtete die Ständige Sekretärin der Akademie, Ingrid Carlberg, bei der Preisbekanntgabe. „Sie war sehr überrascht. Wir hatten nicht viel Zeit zu reden, aber sie hat mir erzählt, dass sie gerade in Island ist, um dem Wind zuzuhören.“ In einem Interview des isländischen Fernsehens sagte die Preisträgerin später: „Man kann hier gar nicht anders, als dem Wind zuzuhören.“ Laut dem Sender RUV hat die Autorin seit 2022 auch die isländische Staatsbürgerschaft. Das Gespräch mit der Akademie beschrieb Carson als „eher stockend“, den Nobelpreis an sie als „verrückt“: „Ich finde, sie sind alle verrückt. Es ist verrückt.“

Liebe zur griechischen Sprache schon in der Schule

Carson gilt laut dem Verlag S. Fischer in Kanada und den USA als eine der wichtigsten Stimmen der Gegenwart. Geboren wurde sie 1950 in Toronto. Ihre Liebe zur griechischen Sprache sei bereits in der Schule entfacht worden, erzählte Literaturkritiker Denis Scheck. „Eine Highschool-Lehrerin hat ihr in der Mittagspause privat Griechisch beigebracht“, sagte er. Es sei das Wichtigste gewesen, das ihr im Leben begegnet sei.

Carson studierte Griechisch. Während ihrer gesamten Laufbahn habe sie „das Verfassen von Gedichten mit Übersetzungsarbeit und Lehrtätigkeit an verschiedenen Universitäten verbunden“, sagte der Vorsitzende des Nobelkomitees für Literatur, Anders Olsson. „Ihre Übersetzungen aus dem Altgriechischen können als eigenständige Werke betrachtet werden.“

Mehr als ein Dutzend Bücher hat Carson veröffentlicht. Mit dem langen Essay „Eros the Bittersweet“ habe sie 1986 die Basis für ihr schriftstellerisches Schaffen gelegt, sagte Olsson. Das Werk ist eine Mischung aus Roman, Poesie und altphilologischer Abhandlung. 

„Autobiography of Red“ gilt als größtes Werk der Kanadierin - hier zusammen mit dem Nachfolger „Red Doc“ und Carsons Essay „Eros the Bittersweet“.  Foto: Soeren Stache/dpa
„Autobiography of Red“ gilt als größtes Werk der Kanadierin - hier zusammen mit dem Nachfolger „Red Doc“ und Carsons Essay „Eros the Bittersweet“. Foto: Soeren Stache/dpa

Parallelität von Antike und Gegenwart durchzieht Werk

„Autobiography of Red“ wird von vielen als ihr Meisterwerk gefeiert, auf Deutsch kam das Buch 2019 zusammen mit dem Nachfolger „Red Doc“ als „Rot. Zwei Romane in Versen“ beim Verlag S. Fischer heraus. In dem Werk versetze sie den berühmten griechischen Mythos des Riesen Geryon, der eine Herde roter Rinder hüte, in die Gegenwart und mache daraus eine „todtraurige schwule Liebesgeschichte“, sagte Literaturkritiker Scheck. 

Eine Parallelität von Antike und Gegenwart durchzieht ihr ganzes Werk. „Sie war so fasziniert von antiker griechischer Literatur, dass sie diese in die Gegenwart übersetzt und in fulminanten Werken zu neuem Leben erweckt hat“, sagte Scheck. „Die Literatur von Anne Carson macht uns deutlich, dass wir Zwerge auf den Schultern von Riesen sind.“

Sie verstehe nicht, wie Menschen Dinge läsen, sagte die Preisträgerin selbst über ihr Werk. „Ich hoffe nur, dass sie es mögen. Und vielleicht tun sie es, vielleicht haben sie es diesmal getan. Es ist ein bisschen ein Mysterium.“ Über ihre Lyrik sagte Carson: „Ich denke, es ist im Moment wahrscheinlich nützlicher als Prosa, weil es schneller zu lesen ist und alle in Eile sind. Also grundsätzlich denke ich, dass es gut ist, weil es kurz ist. Außer Homer - Homer ist nicht kurz.“

Kanadischer Premier: „stolzer Moment für Kanada“

Lektor Hans Jürgen Balmes vom Verlag S. Fischer sagte auf der Frankfurter Buchmesse, es gebe keine lebende Lyrikerin, die durch ihre Arbeit als Altphilologin so viel über Poesie wisse. Wenn sie schreibe, trage jedes Wort zwei Koffer. „Der eine Koffer voller antiker Referenzen“ und der andere Koffer mit dem Leben, das jeder mit sich herumschleppe. Der Verlag sagte über die Auszeichnung Carsons: „Ihre Gedichte leisten, was große Literatur fordert: Sie bringen unsere Gewissheiten ins Wanken: das Selbst, die Form, die Identität, das Geschlecht.“

Für Verleger Andreas Rötzer vom Verlag Matthes & Seitz Berlin, in dem vier Lyrik-Werke von Carson erschienen sind, kam die Auszeichnung relativ überraschend. „Wir haben in den letzten Jahren immer wieder damit gerechnet, weil sie immer wieder auf den Listen war und sehr hoch positioniert war“, sagte er. Doch wenn das so oft geschehe, verliere man irgendwann den Glauben daran. Deshalb sei die Verkündung schon „sehr toll“ gewesen.

Auch der kanadische Regierungschef Mark Carney gratulierte Carson zum Nobelpreis und beschrieb diesen bei X als „stolzen Moment für Kanada“. „Mit Scharfsinn, Fantasie und einem ganz eigenen Stil hat die kanadische Dichterin Anne Carson die Klassiker neu gedacht“, schrieb Carney. „Sie hat antike Geschichten einem neuen Publikum zugänglich gemacht und unsere Sicht auf Literatur verändert.“

Beim Poesiefestival in Berlin war Carson erst im Mai zu Gast. (Archivbild) Foto: Natalia Reich/Haus für Poesie/dpa
Beim Poesiefestival in Berlin war Carson erst im Mai zu Gast. (Archivbild) Foto: Natalia Reich/Haus für Poesie/dpa

Scheck: Preis „absolut verdient“ - mit kleinem Wermutstropfen

Der Literaturnobelpreis gilt als wichtigste literarische Auszeichnung der Welt. 2025 hatte die Schwedische Akademie den ungarischen Schriftsteller László Krasznahorkai geehrt. Nachdem die Jury damit einen europäischen Mann ausgezeichnet hatte, hatten viele vor der diesjährigen Vergabe spekuliert, dass nun eine Frau von einem anderen Kontinent zum Zug kommen könnte.

Der Preis für Carson sei „absolut verdient“, die Kanadierin eine „wunderbare Autorin“, sagte Literaturkritiker Scheck. Nur einen einzigen Wermutstropfen habe die Auszeichnung: „Ich hätte es noch besser gefunden, wenn sie den Preis mit Margaret Atwood geteilt hätte.“ Atwood - ebenfalls Kanadierin - gilt seit vielen Jahren als heiße Anwärterin auf den berühmten Preis. 

In den vergangenen Jahren war der Preis immer abwechselnd männlichen und weiblichen Literaten zugesprochen worden. Zuletzt war der Preis 2013 nach Kanada gegangen, an die 2024 gestorbene Autorin Alice Munro. Letzter deutschsprachiger Literaturnobelpreisträger war der Österreicher Peter Handke, der die Auszeichnung 2019 bekam. Die letzten deutschen Preisträger waren Herta Müller 2009, Günter Grass 1999 und Heinrich Böll im Jahr 1972. 

In Stockholm verkündete die Ständige Sekretärin der Schwedischen Akademie, Ingrid Carlberg, die Nobelpreisträgerin.  Foto: Christine Olsson/TT News Agency/AP/dpa
In Stockholm verkündete die Ständige Sekretärin der Schwedischen Akademie, Ingrid Carlberg, die Nobelpreisträgerin. Foto: Christine Olsson/TT News Agency/AP/dpa

Der Literaturnobelpreis ist wie die anderen Nobelpreise in diesem Jahr mit zwölf Millionen schwedischen Kronen und damit einer Million Kronen mehr als in den Vorjahren dotiert. Umgerechnet entspricht das mehr als einer Million Euro. Überreicht werden die Nobelpreise traditionell am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters und Dynamit-Erfinders Alfred Nobel (1833-1896).

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