Mysteriöser Schwund in Berlin Das Tschilpen verstummt - Spatzen „wie in Luft aufgelöst“
Spatzen gehören zu den beliebtesten Vögeln - und wohnen wegen vieler schmuddeliger Ecken besonders gern in Berlin. Bei den gefiederten Wonneproppen liegt etwas böse im Argen: Sie verschwinden.
Richtig gut geht es dem Haussperling - oft einfach Spatz genannt - schon lange nicht mehr. Seit einigen Jahren aber beobachtet der Biologe Jörg Böhner in Berlin eine beunruhigende Entwicklung: Die Zahl der Haussperlinge sei immens geschrumpft. „Sie liegt inzwischen rund 70 Prozent niedriger als noch 2021.“ Auch der Naturschutzbund (Nabu) Berlin berichtet basierend auf der Zählung „Stunde der Gartenvögel“ von einem „freien Fall“ der Spatzenbestände in der Stadt. „Und das Schlimme ist: Wir wissen immer noch nicht, was die Ursache ist“, heißt es.
Nahrungsmangel müsste auch anderen Singvogelarten zu schaffen machen, doch bei ihnen gebe es keinen auch nur annähernd vergleichbaren Rückgang, erklärt Böhner, Mitglied der Berliner Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft (BOA). Fehlende Nistplätze können demnach ebenfalls nicht der Hauptgrund sein - viele geeignete Niststätten bleiben einfach leer. „Es ist, als hätten sich die Spatzen in Luft aufgelöst“, heißt es beim Nabu.
Berlin ist Spatzenhauptstadt
Berlin gilt als Spatzenhauptstadt Deutschlands. „Anders als in vielen anderen Städten wie Hamburg und Köln ging die Zahl der Vögel hier lange nicht zurück“, sagt Böhner. Ein Grund dafür: „Berlin ist weniger steril.“ Grünflächen würden vergleichsweise selten gemäht, vielerorts sei fressbarer Abfall zu finden. Was so manche Bewohner und Gäste unangenehm finden, freut gefiederte Berliner: „Je schmuddeliger, desto besser für den Spatz.“
Rund 190.000 Brutpaare des Haussperlings (Passer domesticus) gab es nach BOA-Hochrechnung 2021 in der Stadt. Warum sinken die Bestände seither drastisch, obwohl Berlin Böhner zufolge in den letzten Jahren kaum an Schmuddelreiz verloren hat? Der Vogelkundler hat vor allem wegen des schnellen und massiven Rückgangs einen bestimmten Verdacht: Eventuell dezimiere eine Seuche die Bestände.
Infrage kommen zum Beispiel bestimmte sogenannte Plasmodien, die Verursacher der Vogelmalaria. „Die Erreger und die Überträger - Stechmücken - fühlen sich bei höheren Temperaturen wohler und entwickeln sich schneller, der Klimawandel begünstigt ihr Vorkommen“, erklärt Böhner.
Für London zeigte eine 2019 im Fachjournal „Open Science“ vorgestellte Studie einen Zusammenhang zwischen Plasmodium-Infektionen und den Überlebensraten von Spatzen. „Die Plasmodien töten die Vögel meist nicht direkt, aber sie können ihre Fitness vermindern“, erklärt Böhner. Für Berlin gebe es eine solche Analyse bisher nicht - angedacht sei sie aber.
Der vielleicht zahlreichste Wildvogel weltweit
Weltweit bedroht ist die Art nicht: „Von allen wild lebenden Vogelarten hat der Haussperling die weltweit größte Ausbreitung, vielleicht ist er sogar die zahlreichste Vogelspezies der Welt“, erklärt der Evolutionsbiologe Glenn-Peter Sætre in seinem gerade erschienenen Buch „Der Spatz“. „Es gibt ihn auf allen Kontinenten mit Ausnahme der Antarktis.“
Dabei querte das gefiederte Pummelchen nicht selbst die Ozeane: Der Mensch nahm ihn mit, oftmals ganz gezielt, selbst nach Südamerika, Südafrika und Australien. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Haussperlinge aus England in die USA importiert - als Mittel gegen Insektenplagen, wie Sætre erklärt. „Der Gedanke an zwitschernde Spatzen in den Straßen der Städte weckte zudem nostalgische Gefühle bei vielen Einwanderern aus Europa.“ Binnen 35 Jahren habe sich der Spatz fast über das halbe Land verbreitet.
Das Auto ließ die Bestände schwinden
Doch dann kam: das Auto. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ertranken die Straßen Londons und anderer Großstädte noch förmlich in Pferdemist, was sie zu einem Mekka für den Haussperling machte, wie Sætre erklärt. Ab den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts schwanden die Bestände jedoch, als das Auto das Pferd zu ersetzen begann. Damit gab es kaum noch Getreide als Futter, das in Ställen und halb verdaut in Pferdeäpfeln gelegen hatte.
Eine Weile habe es so ausgesehen, als würde sich der Bestand auf einem niedrigeren Niveau wieder einpendeln. Doch vor allem in urbanen Regionen Westeuropas sei er dann dramatisch weiter zurückgegangen. Zu den diskutierten Faktoren zählen demnach der Verlust an möglichen Nistplätzen bei moderner Bauweise, zunehmende Umweltverschmutzung, mehr Räuber wie Katzen und der immense Insektenschwund.
Zänkisch, frech - und hoch sozial
Es ist ein herzerwärmender kleiner Geselle, der aus unseren Städten verschwindet. „Der Hausspatz ist ein sehr sozialer Vogel“, sagt Böhner. Eine größere Brutkolonie bestehe oft aus 20 bis 30 Paaren und ihrem Nachwuchs. Wo sich der Schwarm gerade befindet, ist stets deutlich zu hören: Spatzen tschilpen und zetern nahezu unentwegt. Zudem sei der Spatz ein sehr sesshafter Vogel. Manche Trupps hielten sich fast ausschließlich direkt an einer Würstchenbude auf.