Fußball-Nationalmannschaft Klopps Kosmos mit Kimmich als Königspersonalie
Während letzte Details am Bundestrainer-Vertrag von Jürgen Klopp ausgearbeitet werden, lohnt ein Blick auf das, was den designierten DFB-Chefcoach danach erwartet: gravierende Personalentscheidungen.
Gleich nach der Landung postete Jürgen Klopp noch ein paar Strahlemann-Fotos als glückliche WM-Erinnerung. „Wieder zurück in Deutschland nach sieben Wochen - wow, was für ein unglaubliches Erlebnis“, schrieb er unter sein Social-Media-Fotoalbum aus Amerika mit TV-Kollegen und den Megastars Lionel Messi und Kylian Mbappé.
Der große Funfact war aber das Selfie von Klopp mit weißer Beauty-Maske im Gesicht. „Now time to recharge“, stand auf Englisch dabei. Zeit, die Batterien aufzuladen? Weit gefehlt. Denn jetzt folgte für Klopp der endgültige Switch vom WM-Experten zum Bald-Bundestrainer mit der letzten Detailarbeit für sein großes DFB-Engagement.
Berater, Juristen und Funktionäre werkeln gerade unter Hochdruck an einem Vertrag bis zur WM 2030. Dass die Einigung kurz bevorsteht, hatte Klopp noch in Amerika bestätigt. „Wir sind nicht weit davon entfernt, etwas verkünden zu können. Das sollte in den nächsten Tagen passieren“, sagte der 59-Jährige zum Zeitplan, der spätestens am Freitag zur Bundestrainer-Präsentation führen soll.
Das sind die Knackpunkte für Klopp
Als Bundestrainer wartet auf Klopp viel mehr als Detailarbeit. Das weiß er längst. Denn die mal wieder maximal enttäuschte deutsche Fußball-Nation erwartet jetzt von ihm Antworten, wie und vor allem mit wem die riesige Lücke zum spanischen Fußball-Imperium zu schließen ist.
Königspersonalie Kimmich
Joshua Kimmich als rechter Außenverteidiger. Diese Personalentscheidung dürfte als Kardinalfehler von Julian Nagelsmann im Kapitel 2026 der deutschen WM-Historie stehen bleiben. Klopp weiß als Verfechter des Dominanzfußballs, dass er sein Team von den (wenigen) Stärken her denken muss. Eine Rück-Verschiebung des Kapitäns, der ganz sicher nicht an Rücktritt denkt, in die Zentrale ist ein erwartbares Statement.
Doch damit wäre nur ein Problem gelöst. Denn durch den Zug des Königs in die Zentrale klafft hinten rechts die Lücke. Im Schachbild verbleibend hat Klopp dort nur ein paar Bauern als Figuren. Ridle Baku und Josha Vagnoman erwiesen sich als zu leichte Kandidaten. WM-Hoffnung Nathaniel Brown von links nach rechts zu verschieben, wäre Flickschusterei. Vielleicht schafft der Leipziger Benjamin Henrichs ein DFB-Comeback.
Vielleicht ist ein Wort, dass Klopp beim Neuaufbau nicht überstrapazieren sollte. Eine Umstellung auf eine Dreierkette ist auch unwahrscheinlich - sie entspreche nicht dem bisherigen Trainerleben Klopps.
Generationenfrage im Tor
Manuel Neuer hat keinen Stress. Der Rekordtorwart, der seine einmalige DFB-Karriere mit dem WM-Aus endgültig beendet hat, postete zuletzt fleißig Urlaubsbilder. Doch wer wird sein Nachfolger? Seit 2010 gab es bei neun Turnieren keine andere deutsche Nummer eins. Klopp muss eine strategische Entscheidung treffen.
Neuanfang mit Jonas Urbig (22), Neuers designiertem Torwart-Erben beim FC Bayern, der bei der WM als Trainingsschlussmann reinschnupperte, aber auch in der kommenden Saison in München nur das Backup ist? Oder Routine mit dem treuen Oliver Baumann, dem für seine Langmut nach der Degradierung durch die Neuer-Rückkehr die Sympathien zuflogen? Doch Baumann ist schon 36. Das klingt nicht nach Neuanfang. Oder kommt sogar Marc-André ter Stegen (34) zurück? Der große, weil ständig verletzte, deutsche Torwart-Pechvogel.
Ratschläge von Toni Schumacher bis Timo Hildebrand bekam Klopp via „Bild“-Zeitung schon. Die Torwartfrage ist für den deutschen Fußball-Fan ein Sakrileg. Da kann der neue Bundestrainer punkten oder viel verlieren. „Eine Challenge für Klopp, eine Entscheidung zu treffen“, sagte Lothar Matthäus bei RTL/Sky.
Powerfußball und Strukturen
Von Einzelpersonalien abgesehen: Die überbordende Frage ist die nach dem Grundniveau des deutschen Fußballs. Viele neue Impulse wird Klopp kaum setzen können, mal abgesehen von Lennart Karl oder Said El Mala, die auch in Amerika bei besserem Fußball-Schicksal schon hätten glänzen können. Einige junge Spieler rücken nach. Doch Jugend allein wird es nicht richten. „Es wird nicht nur mit jungen Spielern klappen. Wir brauchen Erfahrung, wir brauchen Führungsqualität“, sagte Rekordnationalspieler Matthäus.
Böse Kommentare gingen in die Richtung, dass kein Jamal Musiala, kein Florian Wirtz und auch kein Kai Havertz bei den Topteams aus Spanien und Frankreich in der Startelf stünde. Zu Argentiniens Fußball-Kneipenschlägern könnte vielleicht David Raum passen. Aber auch nur optisch mit seinen vielen Tattoos. Der Leipziger ist ein grundanständiger Kerl.
DFB-Stars zu soft?
Zu viel Anstand hat die DFB-Elf aber auch nicht weit gebracht. Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann, der beim WM-Sommermärchen 2006 mit markigen Sprüchen seine Spieler heiß machte, hatte die aktuelle Generation gerade für „zu weich“ befunden.
Klopp kann genau diese Form der klaren Ansprache auch. Sein Energielevel ist immer hoch. Beim FC Liverpool hatte er Erfolg mit Powerfußball. Nonstop drauf. Es wird gerade auf seine Motivationskünste ankommen, denn so viele Trainingseinheiten wie im Club-Fußball hat er als Bundestrainer nicht.