Erdbebenkatastrophe Mehr als 1.900 Tote in Venezuela - Kleinkind gerettet
Ein Kind wird nach sechs Tagen lebend aus Trümmern geborgen – doch die Hoffnung für weitere Rettungen schwindet. Bei Angehörigen wachsen Verzweiflung und Wut.
Nach den Erdbeben in Venezuela ist die Zahl der Toten auf mindestens 1.943 gestiegen. Das teilte der Präsident der Nationalversammlung, Jorge Rodríguez, mit. Inmitten von Tod und Zerstörung gibt es jedoch noch kleine Hoffnungsschimmer. Laut einem X-Post der jordanischen Polizei wurde nach sechs Tagen ein dreijähriges Kind in der Hauptstadt Caracas von einem Team aus Jordanien aus den Trümmern eines eingestürzten Gebäudes gezogen.
Salvadorianische Einsatzkräfte erreichten zudem in der Nacht auf Dienstag (Ortszeit) einen 44-Jährigen unter den Trümmern eines Einkaufszentrums in der Küstenstadt Maiquetía, wie El Salvadors Präsident Nayib Bukele auf der Plattform X schrieb. Der Mann sei über einen Schlauch mit Wasser versorgt worden, während die Rettungsarbeiten andauerten.
Laut Rodríguez wurden bei dem Doppel-Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5 am Mittwochabend (Ortszeit) mehr als 10.500 Menschen verletzt, zahlreiche werden vermisst. In nur zwei Städten von La Guaira - Catia La Mar und Caraballeda - hätten sich nach Schätzungen der Behörden zum Zeitpunkt der Erschütterungen rund 30.000 Menschen befunden. Davon hätten sich rund 13.500 selbst in Sicherheit bringen können, und rund 6.400 weitere seien in den Tagen danach von Rettungskräften gerettet worden, sagte Rodríguez. Zu den fehlenden rund 10.000 Menschen machte er keine Angaben.
Kaum noch Hoffnung auf Überlebende
Knapp eine Woche nach den Beben schwindet die Hoffnung auf die Bergung von Überlebenden. Rund 855 Gebäude wurden vollständig zerstört oder schwer beschädigt. Einsatzkräfte aus Venezuela und zahlreichen anderen Staaten suchen weiter unter eingestürzten Gebäuden nach Verschütteten. Nach einer Modellrechnung der US-Erdbebenwarte USGS könnte die Zahl der Toten in die Zehntausende gehen.
Venezuela befand sich vor den Erdbeben ohnehin schon in einer schwierigen Lage. Seit Jahren leidet das Land unter politischen Spannungen, wirtschaftlichen Problemen und einer der größten Migrationskrisen der Welt. Im Januar führte Washington einen Militäreinsatz im Land durch, bei dem der autoritäre Machthaber Nicolás Maduro gefangen genommen wurde. Die derzeitige Staatschefin Delcy Rodríguez war Vizepräsidentin in der Maduro-Regierung.
Verzweiflung und Wut
Die Verzweiflung und die Wut der Angehörigen nimmt inzwischen zu. Videos zeigen, wie Menschen vor den Trümmern verärgert ein entschlosseneres Vorgehen der Behörden verlangen. Viele haben zudem Angst vor Plünderungen beschädigter Wohnhäuser, wie die Zeitung „El Nacional“ berichtet.
„Es sind meine Kinder, ich möchte sie zurückhaben - ob lebendig oder tot -, aber ich will sie bei mir haben! Man wird sie nicht in ein Massengrab werfen“, fordert ein Mann in der schwer getroffenen Stadt Tanaguarena im Bundesstaat La Guaira lautstark, wie in einem Video der venezolanischen Journalistin Maryorin Méndez zu sehen ist.
Ein anderes Video zeigt, wie ein Mann bewaffnete Soldaten, die dort patrouillieren, wütend auffordert, mit Spitzhacken und Schaufeln zu helfen. Daraufhin hätten die Soldaten angefangen, Trümmer wegzuräumen, berichtete die Journalistin.
In den vergangenen Tagen wurde Kritik an der geschäftsführenden Präsidentin laut. Nachdem sie am Freitag bei einem Rundgang in der Hauptstadt Caracas ausgebuht worden war, wurde sie am Sonntag in sozialen Netzwerken wegen eines lediglich protokollarischen Treffens mit internationalen Rettungsteams in einer kritischen Phase kritisiert.