Viraler Hit KitschKrieg in New York: Ein Song geht um die Welt
„Gut genug“ sorgt nicht nur im Netz für Furore: Der Song läuft bei der Fußball-WM, US-Stars feiern ihn und die halbe Welt singt deutsche Zeilen mit. Ein Treffen mit den Machern in New York.
Der weltweite Erfolg kam nicht über Nacht – aber er fühlte sich für KitschKrieg genau so an. Mit „Gut genug“ hat das Berliner Produzententeam einen Song geschaffen, der sich von einem unscheinbaren Demo zu einem globalen Phänomen entwickelte. Ein Lied mit dem Musikduo Blumengarten und Rapperin Shirin David, das plötzlich überall ist: auf Schulhöfen, in Instagram-Reels, in den Feeds amerikanischer Superstars – und das sogar bei der Fußball-WM eine Rolle spielt.
Ein Treffen mit Christoph Erkes (Fizzle) und Christian Meyerholz (Fiji Kris) von KitschKrieg Ende Juni in einem Park im New Yorker Stadtteil Greenwich Village. Dort verbringen sie einige Tage, um ihren viralen Hit weiterzutransportieren. Die beiden, seit über zehn Jahren ein Team, sprechen darüber, warum mittlerweile die ganze Welt den Refrain von Sänger Rayan Djima mitsingt: „Du bist gut genuuuuuuuuug“.
Die Geschichte beginnt vergleichsweise unspektakulär. „Der Song ist entstanden aus einem unveröffentlichten Demo von Blumengarten, das sie noch in der Schublade liegen hatten“, erzählt Erkes. „Wir haben sie darum gebeten, diese Schublade mit Demos und Ideen für uns zu öffnen und haben dort dann „Gut genug“ entdeckt.“ Es sollte die erste Single für das neue Album „KITSCHKRIEG ZWEI“ werden.
Was zunächst nur eine Skizze ist, bekommt im Studio eine neue Dimension. „Die Hookline war schon so im Demo, aber wir haben die Akkorde verändert, also es fühlt sich anders an“, erklärt Meyerholz. „Also das Feeling war etwas anders, aber die Hauptwörter, die man jetzt hört, waren schon da.“
Ein lockerer Spruch wird zur Wahrheit
Der Kern blieb, das Gefühl wurde größer - und genau dieses Gefühl sollte später der Schlüssel zum Erfolg werden. „Es gab frühe Textmessages zwischen uns und Rayan, wo wir gesagt haben: Das ist ein Welthit. Was man halt so sagt. Wir wussten natürlich nicht, dass es wirklich so kommen würde“, erinnert sich Meyerholz.
Schon nach der Veröffentlichung im Mai beginnen Nutzerinnen und Nutzer in sozialen Medien, die mit wiedererkennbar hoher Kopfstimme gesungene Hookline unter ihre Clips zu legen. Es gibt bis heute diverse Abwandlungen, die sich phonetisch mit dem Originaltext decken, wie „Arbeitszeitbetruuuuuuuug“ oder während der tagelangen Hitzewelle: „Es ist warm genuuuuuuuug“.
„Das ist wild“ - so wird der Song in den USA zum viralen Hit
Eins dieser Memes erreicht offensichtlich die Internet-Community in den USA. Eines Morgens wachen die Berliner Produzenten auf, schalten ihre Smartphones ein und entdecken, wie sie auf Instagram und TikTok von ungewöhnlich vielen Nutzerinnen und Nutzern aus den USA markiert wurden. „Die haben offenbar alle einen der „Gut genug“-Clips auf Instagram entdeckt. Von da aus ging die Reise los.“
Es ist der Startschuss für eine globale Welle mit der Dynamik der Internetkultur. Plötzlich posten auch US-Stars wie Lizzo, Doja Cat und Wiz Khalifa Videos, unterlegt mit den deutschen Wörtern „Du bist gut genug“. „Das ist natürlich schon relativ wild, ne? Das ist schon sehr lustig“, sagt Erkes ungläubig.
Und es kommt noch besser: Da die amerikanische Internetwelt den deutschen Text nicht kennt, versteht sie einen Kauderwelsch aus den Wörtern „Doobie Scoot Canoe“. Diese lautmalerische Umdeutung wird auf TikTok und Instagram zu einem weiteren Meme. Die Welle rollt daraufhin zurück nach Deutschland.
„Es hat einen großen Einfluss heutzutage in dieser Internetkultur, was die Ami-Influencer und Kids so machen. Und dann ist es hier auf einmal überall gewesen, auch auf den Schulhöfen. Dann haben wir gespürt, dass der Hype das Internet verlässt und in der realen Welt angekommen ist“, erklärt Meyerholz.
Ein Song, der Sprachgrenzen überwindet
Dass Sprache dabei keine Rolle spielt, verzückt die Macher. „Es ist halt geil zu erfahren, dass diese Emotion, die in etwas steckt, über eine Sprachbarriere hinausgehen kann. Die können ja genug andere Lieder hören, aber entscheiden sich für dieses, weil sie anscheinend etwas fühlen dabei“, sagt Erkes. „Es ist mal wieder eine Bestätigung dafür, dass gute Musik und gute Lieder ihren Weg finden. Man weiß nicht, wo und wann, aber sie finden eigentlich immer ihren Weg.“
Der Erfolg basiert nicht nur auf einem wiedererkennbaren und eingängigen Sound, für den KitschKrieg längst über deutsche Grenzen hinaus bekannt sind. Die Botschaft trifft einen Nerv. Es geht um Selbstzweifel, um Akzeptanz, um das Gefühl, trotz aller Unsicherheiten ausreichend zu sein. Gerade in einer Zeit globaler Krisen entfaltet das offensichtlich eine Wirkung. „Die Leute haben halt jetzt Lust, etwas Schönes zu erleben und ein bisschen Trost zu bekommen“, findet Meyerholz.
Diesen Hype spürt vor allem Blumengarten-Sänger Djima, der das Gesicht und die Stimme des „Gut genug“-Memes ist. Auch die beiden Musiker aus Velbert in Nordrhein-Westfalen halten sich derzeit in den USA auf, um dort den Song weiter zu promoten. Djima wird dabei ziemlich oft erkannt und angesprochen.
So erreicht „Gut genug“ die Fußball-WM
KitschKrieg, die sämtliche Fotos und Videos von sich aus künstlerischen Gründen in Schwarz-Weiß anfertigen lassen, haben in New York mehrere Internet-Formate gedreht und sogar Interviews für das norwegische Fernsehen gegeben. Denn der Songschnipsel wird derzeit von vielen Fußballfans mitgesungen, die in ihrer Landessprache so etwas verstehen wie „Noch ein Tor, Norwegen“. Auch die brasilianische Nationalelf und mehrere DFB-Spieler haben bereits Clips mit dem Song aus Deutschland unterlegt.
„Die WM ist natürlich jetzt gerade offensichtlich das wahrscheinlich medial größte Event der Welt. Da ist es natürlich ein perfektes Timing, in diesem Moment mit einem Song viral zu gehen, der auch weltweit relevant ist“, sagt Erkes.
In New York und Los Angeles basteln die beiden derzeit an einem US-Remix des viralen Hits. Sie hoffen, dafür den ein oder anderen US-Star zu gewinnen, was nicht sonderlich schwer werden dürfte. Die Zahlen sprechen jedenfalls für sich.
Ein historischer Erfolg in den US-Charts
Der Song schaffte gerade mit Platz 129 den Sprung in die Global-200-Charts des US-amerikanischen Musikmagazins Billboard. Laut Plattenfirma Sony ist dies in diesem Jahrtausend noch keinem deutschen Song gelungen und vorher nur wenigen deutschsprachigen Acts wie Nena („99 Luftballons“), Falco („Rock Me Amadeus“), Kraftwerk („Autobahn“) oder Ivo Robić („Morgen“).
In Deutschland steht „Gut genug“ seit zwei Wochen auf Platz Eins und diesen Rang belegte er auch in den weltweiten Charts der Audioanalyse-App Shazam. Mit dem Dienst können Musikfans für sie unbekannte Lieder, die in Ihrer Umgebung oder in Apps wie TikTok, Instagram oder YouTube laufen, innerhalb weniger Sekunden erkennen.
Der Hype um „Doobie Scoot Canoe“ geht also weiter. Memes, Fan-Versionen und neue Bedeutungen entstehen quasi im Sekundentakt. „Gut genug“ ist damit mehr als ein Sommerhit (der übrigens schon für den Januar geplant war). Es ist ein Beispiel dafür, wie Musik heute funktioniert: global, emotional und unvorhersehbar.