Literaturwettbewerb „Unübertrefflich“ - Lena Schätte gewinnt 50. Bachmann-Preis
Eine Live-Show mit strenger Jury: Lena Schätte ging mit Sorgen in den Wettbewerb. Nun steht sie als klare Siegerin da. Ihre berührende Erzählung über Freundschaft und Ausgrenzung überzeugt.
Lena Schätte hat das 50. Wettlesen um den renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Die 32-jährige Autorin aus Nordrhein-Westfalen begeisterte Jury und Publikum im österreichischen Klagenfurt mit ihrem sensiblen Text über zwei übergewichtige Freundinnen, die sich als Außenseiterinnen durch das Hauptschul-Leben schlagen.
Die Autorin erzähle weder anklagend noch belehrend von Ausgrenzung. Sie setze ganz auf eine Sprache, „die in ihrer Schönheit und Schlichtheit unübertrefflich ist“, sagte Juror Thomas Strässle in seiner Laudatio. „Der Text von Lena Schätte ist von existenzieller Wucht, er ist wichtig und gewichtig, er ist literarisch bedeutend“, sagte der Schweizer Literaturwissenschaftler. Auch die anderen Jurymitglieder hatten sich in der Live-Debatte (3sat) nach Schättes Vortrag begeistert geäußert.
Für ihre Erzählung mit dem Titel „Was wir tragen“ erhielt Schätte nicht nur den mit 30.000 Euro dotierten Bachmann-Preis der Stadt Klagenfurt, sondern auch den Publikumspreis, der mit einem Schreibstipendium verbunden ist. Die Schriftstellerin zeigte sich überwältigt. „Es ist ein Fiebertraum“, sagte sie in einer ersten Reaktion.
Sichtbarkeit für übergewichtige Menschen
„Ich fand es besonders schön, dass dieses Thema eine gebührende Aufmerksamkeit bekommt“, sagte sie danach über ihren Siegertext. Viele Menschen seien betroffen und von der Gesellschaft nicht gesehen, obwohl sie eigentlich sichtbar seien, meinte Schätte.
Voriges Jahr hatte es Schätte mit ihrem Roman „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“ auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Sie stammt aus Lüdenscheid und lebt in Altena. Sie arbeitete als Psychiatriekrankenschwester, bis sie 2020 ein Studium am deutschen Literaturinstitut Leipzig begann.
Die weiteren Preise
Frauen, Frauenkörper und weibliche Selbstbestimmung standen dieses Jahr auch bei weiteren Preisträgerinnen im Fokus: Die ungarische Poetin und Performancekünstlerin Kinga Toth gewann den Kelag-Preis in der Höhe von 15.000 Euro für ihren Text „OstblockMädl“, in dem sie sich mit Arbeitsmigrantinnen, Macht und Identität auseinandersetzt. Die österreichische Theaterautorin Magdalena Schrefel erhielt den 3sat-Preis (7.500 Euro) für ihre Geschichte „Kirschen, Herz mit Verband“, in der eine Ich-Erzählerin damit kämpft, über ihre Brustkrebserkrankung zu sprechen.
Der Deutschlandfunk-Preis (12.500 Euro) ging an Ozan Zakariya Keskinkilic. Der deutsche Autor und Politikwissenschaftler schilderte in seinem Beitrag „Vater ohne Sohn“ die komplexe Beziehungswelt eines schwulen Mannes, der seinem Sohn deutlich weniger Aufmerksamkeit schenkt als seinem jungen Liebhaber.
Angst vor der Jury
Insgesamt traten 14 Literaturtalente in Klagenfurt an, wo sie mehrere Tage lang ihre Texte vorlasen und sich danach der kritischen Analyse der Jury aussetzten. Schätte hatte ursprünglich Angst vor dieser Situation, wie sie im 3sat-Interview erzählte. „Ich hatte mich ja aufs Schlimmste vorbereitet“, sagte sie. „Aber nichts davon kam!“
Der Bachmann-Preis erinnert an die österreichische Lyrikerin und Prosaautorin Ingeborg Bachmann, die am 25. Juni 100 Jahre alt geworden wäre. Mit ihren Gedichten wie „Die gestundete Zeit“ und Prosawerken wie „Malina“ gilt sie als eine der wichtigsten deutschsprachigen Autorinnen des 20. Jahrhunderts.
Bachmann-Preis als Karriere-Turbo
Das mehrtägige Wettlesen wird seit 1977 veranstaltet. Zu den bisherigen Gewinnerinnen und Gewinnern des Hauptpreises gehören etwa Sten Nadolny, Sibylle Lewitscharoff, Uwe Tellkamp und Helga Schubert.
Im Jahr 2020 hatte Schubert den Wettbewerb im Alter von 80 Jahren erhalten. Dieses Jahr hielt sie die Eröffnungsrede. „Den Bachmann-Preis zu bekommen, das ist eine fundamentale Änderung in der beruflichen Karriere“, sagte Schubert der Deutschen Presse-Agentur kurz vor dem 50. Wettlesen.