Bundesweiter Stillstand Technikpanne legt Bahn lahm – Tausende steckten fest
Das Kürzel GSM-R dürfte vielen bisher kein Begriff gewesen sein. Es ist der Name für das digitale Funksystem der Bahn, das gestern Abend ausfiel – und mit ihm der gesamte Zugbetrieb. Was war passiert?
Weil Leitstellen und Lokführer plötzlich nicht mehr miteinander über Funk kommunizieren konnten, steckten am späten Dienstagabend Tausende Fahrgäste der Deutschen Bahn über mehrere Stunden fest. Nach gut zwei Stunden rollte der Verkehr in der Nacht zwar wieder an. Am Tag danach ist der bundeseigene Konzern aber weiter mit der Ursachensuche beschäftigt. Derweil bringen sich Kritiker aus Politik und der Branche in Stellung – und monieren die überalterten Systeme der Bahn.
Bahnfunksystem ist europäischer Standard
Tatsächlich ist das betroffene digitale Bahnfunksystem GSM-R weit mehr als 20 Jahre alt. Die Abkürzung steht für „Global System for Mobile Communications - Railway“ und ist den Angaben der Bahn zufolge nach wie vor Standard in allen europäischen Ländern.
Ein Nachfolgesystem gibt es zwar, das sogenannte Future Railway Mobile Communication System (FRMCS). Doch noch gibt es dafür keine Zulassung von der EU. Ausgerollt werden soll es erst in den kommenden Jahren.
Bei der Wartung einer Kernkomponente des Bahnfunks sei am späten Dienstagabend ein Fehler aufgetreten, sagte der Chef der Bahn-Infrastrukturgesellschaft DB InfraGo, Philipp Nagl. Bevor die für solche Fälle vorgesehenen Rückfallebenen hätten genutzt werden können, habe man erst die Ursache finden müssen, betonte er.
Zugbetrieb bundesweit eingestellt
Deshalb sei der bundesweite Zugbetrieb eingestellt worden. Betroffen waren der Fern-, Regional- und Güterverkehr der Bahn und anderer Verkehrsunternehmen. Was bei dem Tausch der technischen Komponente genau schiefgelaufen ist, werde derzeit untersucht, betonte Nagl. Einen Cyberangriff schließt die Bahn aus.
In der Nacht waren in der Folge zahlreiche Reisende an Bahnhöfen gestrandet, vor Bahnhofsinformationen hatten sich sehr lange Warteschlangen gebildet. Viele Reisende saßen durch den Ausfall fest. Zwar wurden laut einem Bahnsprecher Taxi- und Hotelgutscheine ausgegeben – teils konnten Menschen aber keine freien Hotelzimmer mehr buchen, etwa in Frankfurt.
Auch bei der Kommunikation mit den betroffenen Fahrgästen zeigten sich Mängel auf. Ein ICE nach Mannheim und Stuttgart fuhr vom Frankfurter Hauptbahnhof nahezu ohne Passagiere los – niemand hatte den vielen Wartenden vor der Abfahrt Bescheid gegeben. Unter anderem am Berliner Hauptbahnhof beklagten Fahrgäste, dass es keine Auskünfte gab.
Einmaliges Ausmaß
Klar ist: Zu Ausfällen und Fehlern im Zugfunk GSM-R kommt es immer wieder. In diesem Ausmaß waren die Probleme bisher aber einmalig. Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) forderte am Morgen von dem bundeseigenen Konzern eine umfassende Aufklärung. Sollte es sich um Probleme mit Hardware-Komponenten oder um ein Problem beim Update eines Servers handeln, müsse die Bahn ihre Systeme so aufstellen, dass sich das nicht wiederhole, sagte der CDU-Politiker der Deutschen Presse-Agentur.
Für Bahnchefin Evelyn Palla kam der Vorfall zur Unzeit. Am Morgen gab sie zunächst im Verkehrsausschuss des Bundestages Auskunft zur erneuten Verschiebung der Eröffnung des Fernbahnhofs Stuttgart 21 – nun musste sie ein weiteres Problem im ohnehin kriselnden Bahnbetrieb erklären.
Bahn muss technisch besser werden
Die Ausfälle zeigten, dass die Systeme der Bahn dringend modernisiert werden müssten, sagte der Vorsitzende des Verkehrsausschusses, Tarek Al-Wazir (Grüne), vor der Sitzung des Gremiums. „GSM ist das, was man heute 2G nennen würde und wir sind ja gerade beim Übergang von 5G auf 6G“, betonte er mit Blick auf das betroffene System. „Natürlich ist für uns die spannende Frage eher langfristig: Wie sorgen wir dafür, dass unsere Systeme widerstandsfähiger werden?“
Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende des Fahrgastverbands Pro Bahn, Detlef Neuß: „Die Bahn muss endlich besser werden, auch technisch“, sagte er der „Rheinischen Post“. „Wir erwarten von der Bahn, dass sie auch beim Zugfunk für mehr Resilienz sorgt.“
Auch Nordrhein-Westfalens Verkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) forderte von dem bundeseigenen Konzern eine „lückenlose Aufklärung“ des Vorfalls. „Es kann nicht sein, dass wegen des Ausfalls eines Systems Zehntausende Menschen die Nacht in Zügen und Bahnhöfen verbringen müssen“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Der NRW-Minister äußerte auch Kritik am Notfallmanagement. Nötig seien Notfallmechanismen, die ein solches Desaster in Zukunft vermieden.
Verkehr rollt um kurz nach Mitternacht wieder an
Das technische Problem hatte die Bahn am späten Abend vergleichsweise schnell im Griff. Nach gut zwei Stunden, gegen 0.30 Uhr, fuhren die ersten Züge wieder. Danach lief der Verkehr am frühen Morgen Schritt für Schritt wieder an. Sämtliche Strecken seien inzwischen uneingeschränkt befahrbar und das volle Zugangebot im Regional- und Fernverkehr fahre weitestgehend planmäßig, hieß es.
Im Güterverkehr kritisierten die Wettbewerber der Bahn hingegen anhaltende Auswirkungen. „Seit Mitternacht rollen zwar vereinzelt wieder Züge“, teilte die Geschäftsführerin des Wettbewerberverbands Die Güterbahnen, Neele Wesseln, mit. „Circa die Hälfte unserer Güterzüge steht aber verteilt im Land und an den Grenzen noch immer still.“ Die Lage sei extrem angespannt, weil Güter-, Nah- und Fernverkehr gleichzeitig auf Weiterfahrt warteten. „Es wird Tage dauern, diesen Logistik-Stau abzuarbeiten“, betonte Wesseln.
Auch Regional- und S-Bahnverkehr betroffen
Betroffen waren neben dem Fern- und Güterverkehr auch Regional- und S-Bahnen. In Nordrhein-Westfalen lief der Verkehr am Morgen wieder weitgehend normal. Am Duisburger Hauptbahnhof waren einige Züge leicht verspätet, Ausfälle gab es aber fast keine. An den anderen Bahnhöfen im bevölkerungsreichsten Bundesland war das Bild ähnlich: In Köln und Düsseldorf lief der Betrieb völlig normal, wie Reporter der dpa berichteten.
In Berlin rollte der S-Bahn-Verkehr am Morgen ohne größere Einschränkungen. „Bisher sind keine größeren Verspätungen mehr feststellbar. Hoffen wir, dass es so bleibt“, teilte das Unternehmen auf X mit.