Katholikentag in Würzburg Wie politisch darf’s denn sein?
Kriege, gesellschaftliche Spaltung, wirtschaftliche Schieflage: Die Zeiten sind unruhig. Wie soll sich Kirche positionieren: nur beten – oder auch aktiv mitreden?
Die Zeiten sind rau. Das spürt auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) auf dem Katholikentag in Würzburg. Es gibt eine Demo, es gibt Buhrufe im Saal. Als er aber über die Kirchenmeile am Main spaziert, begegnet man ihm überwiegend freundlich. Ein Mann ruft ihm zu: „Schön, dass Sie da sind!“ Ein Kind grüßt: „Hallo, Herr Merz!“
Die Stimmung in den Straßen von Würzburg ist gelassen und heiter, auch wenn das Wetter durchwachsen ist. Die Menschen tragen fröhlich ihre gelben Katholikentag-Schals, überall hängen die Banner mit dem Motto: Hab Mut, steh auf!
Barocker Glanz
Der Katholikentag gastiert im katholischen Stammland, in Unterfranken am Main, wo die Volkskirche und die Verbandsarbeit noch vergleichsweise lebendig sind, wo der barocke Glanz der Kirchen und Klöster besonders schön leuchtet.
Und doch: Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) feiert seinen Katholikentag in unruhigen Zeiten. Das gilt für die Kirche selbst. Und das gilt für die komplette Gesellschaft. Katholikentage und evangelische Kirchentage widmen sich stets auch dem Politischen. Und da stellt sich natürlich die Frage: Wie politisch muss oder darf es denn sein?
Dobrindt: Laut werden beim Lebensschutz
Die Debatte entbrannte im Vorjahr, als die Kirchen die Migrationspolitik der Union kritisch begleiteten. Aus der Politik wurden sofort Stimmen laut, Kirche solle nicht in der Tagespolitik mitmischen.
Nun auf dem Katholikentag sagt Innenminister Alexander Dobrindt (CSU): „Ich würde mir beim Lebensschutz eine viel lautere Stimme der Kirche wünschen“, beim Klimaschutz sei die Kirche eher eine Klimareligion. Grundsätzlich würde er sich bei vielen Fragen eine lautere Kirche wünschen. Kirche habe mit die größte Bindungswirkung in einer Gesellschaft.
Klöckner will nicht, dass Kirche dem Zeitgeist folgt
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) wird deutlicher: Sie findet, Kirchen sollten nicht ständig dem Zeitgeist folgen. „Viele Menschen erwarten von der Kirche vor allem spirituelle Impulse, nicht Austauschbarkeit oder Beliebigkeit. Wenn Kirche dem Zeitgeist gefallen und sich ständig neuen innerweltlichen Trends anpassen will, verliert sie ihr Alleinstellungsmerkmal“, sagte Klöckner der „Augsburger Allgemeinen“.
Kirche müsse stattdessen „sie selbst bleiben, über das Hier und Jetzt hinausweisen und Halt bieten in den grundlegenden Fragen, denen von Anfang und Ende des Lebens“. Mehr Spiritualität, weniger Politik.
Der Papst bietet Trump die Stirn
Und was macht der Papst, ja immerhin der Dreh- und Angelpunkt in der katholischen Kirche? Der, so scheint es, springt mutig hinein ins Haifischbecken Kirche vs. Politik. Er wirbt um Frieden, kritisiert Armut, findet kritische Worte zur Künstlichen Intelligenz (KI) und verlangt Klimaschutz.
Dass er US-Präsident Donald Trump die Stirn bietet, finden viele Menschen in Deutschland gut: Mehr als die Hälfte der Bürger befürwortet es, dass sich Leo XIV. politisch äußert. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov für die Deutsche Presse-Agentur hervor.
Unterschiede gibt es aber bei der Frage, zu welchen Themen er Position beziehen soll: Demnach finden es 46 Prozent der Befragten richtig, dass der Papst grundsätzlich Stellung nimmt zu Themen politischer Relevanz. Weitere 25 Prozent der Befragten gaben an, der Papst solle sich nur zu ausgewählten Fragen politischer Relevanz äußern, also etwa zu Krieg und Frieden.
17 Prozent sind der Meinung, der Papst solle grundsätzlich nicht zu politisch relevanten Themen sprechen. 12 Prozent hatten keine Meinung zu dem Thema. YouGov hat zwischen dem 8. und dem 11. Mai 2.179 Menschen online befragt.
„Das Evangelium ist Politik pur“
Kirche, so sagte es der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Heiner Wilmer, im ZDF, kann gar nicht anders als politisch zu sein. „Das Evangelium ist Politik pur.“ Allerdings: Kirche sei nicht partei- oder tagespolitisch. Sie müsse aber Anwältin sein – auch der Erde. „Kirche muss den Schrei der Schöpfung hören, muss achtsam sein, wenn schäbig mit der Umwelt umgegangen wird.“ Das gelte auch für humanitäre Katastrophen.
Der gastgebende Bischof des Katholikentags, Franz Jung, wird in seiner Predigt vor der Würzburger Residenz ebenso deutlich: Er warnt vor einer religiösen Rechtfertigung von Gewalt. „Überall da, wo Menschen für sich in Anspruch nahmen, im Namen Gottes zu herrschen, haben sie Blutbäder angerichtet.“
Die Kirche setze sich für die Würde des Lebens ein, etwa für Ungeborene sowie für Kranke, Behinderte und Sterbende.
Irme Stetter-Karp, Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), hatte zur Eröffnung des Katholikentags erklärt, es sei Auftrag von Christinnen und Christen, „nicht hinter Kirchentüren zu verschwinden“. Das Leitwort des Treffens – „Hab Mut, steh auf!“ – bedeute: „Wir müssen uns einmischen.“ Eine Kirche, die sich zur Menschenwürde und zur Solidarität bekenne, sei eine politische Kirche.