Wiesbaden VfL Osnabrück: Aufstieg auf dem Sofa, aber Party auf dem Rasen nach „Heimspiel“ in Wiesbaden
Die Spannung war bereits vor der Partie des VfL Osnabrück beim SV Wehen Wiesbaden raus. Und dennoch begleiteten über 5000 Fans die Lila-Weißen nach Hessen - um den Aufstieg in die 2. Fußball-Bundesliga zu feiern und die Drittligameisterschaft.
Als es in der 23. Minute aus dem Gästeblock schallte „steht auf, wenn ihr Osnabrücker seid“, erhob sich in Wiesbaden fast das ganze Stadion. Der VfL Osnabrück und seine Fans hatten beim am Sonntag die Brita-Arena fest im Griff. Über 5000 begleiteten die Mannschaft nach Wiesbaden ins mit 7867 Zuschauern besetzte Stadion.
Die VfL-Fans sangen schon vor dem Spiel und machten auch während der Partie, die der VfL Osnabrück mit 3:2 gewann, keine Pause. Mit nach Wiesbaden gebracht hatten sie alle beliebten Songs der vergangenen Jahre. Immer wieder erklang vor allem ein Wunsch der Fans: „Nie mehr 3. Liga!“ Das Ergebnis des Spiels war schon vorher zur Nebensache geworden - für die Fans, die Mannschaft, ja selbst für Trainer Timo Schultz.
Schon am Abend vorher hatte dieser angekündigt, die Vorbereitung auf die Party angesichts des durch die 1:6-Niederlage von Rot-Weiss Essen beim VfB Stuttgart II feststehenden Aufstiegs etwas anders anzugehen. „Wir werden es krachen lassen. Die Jungs werde ich vermutlich nicht mehr einfangen“, hatte Schultz nach der Ankunft im Hotel gesagt und erklärt, seine Aufstellung des Sonntags „nach Tagesform“ zu wählen.
Offenbar hatte er elf spielfähige Profis gefunden. Vielleicht war die Party nach dem Aufstieg am Tag zuvor im Bus aber auch gar nicht so wild gewesen. Entgegen kam einigen Spielern sicherlich die späte Anstoßzeit, die auch zur Folge hatte, dass der VfL vor dem Spiel in Wiesbaden nicht nur als Rekordaufsteiger, sondern auch als Rekordmeister der 3. Liga feststand.
Durch das 1:2 von Energie Cottbus beim MSV Duisburg holte sich der VfL zum insgesamt dritten Mal den Titel in der 2008 gegründeten Spielklasse. Die Partie in Duisburg verfolgten viele der mitgereisten Fans auf einer Großbildleinwand in der Straße vor dem Gästeblock. Angesichts der tags zuvor gefallenen Aufstiegsentscheidung emotionalisierte die Übertragung den Anhang naturgemäß weniger. Zum Anstoß verfolgten vielleicht 500 Osnabrücker die Partie der Konkurrenten, in deren zweiter Halbzeit allerdings waren schon bestimmt 4000 Fans da.
Richtig Stimmung kam auf bei den Duisburger Treffern - und natürlich, wenn der meist unzufriedene Energie-Trainer Claus-Dieter Wollitz im Bild gezeigt wurde. Der Gassenhauer „Wollitz hat gesagt wir steigen auf“ durfte naturgemäß nicht fehlen. Den Spruch hatten die Fans schon zuvor auf ein Banner gemalt, dass sie vor die Leinwand hängten. Nach dem Abpfiff zogen die Fans ins Stadion ein, um die Mannschaft gebührend zu empfangen.
Schon die Torhüter um Lukas Jonsson wurden mit großem Applaus bedacht. Während des Spiels zählten die Fans immer wieder einen Countdown runter. Da Aufstieg und Meisterschaft bereits zuvor festgestanden hatten, wollten sie im Stadion zumindest so tun, als würde die Freude eskalieren. Ein witziger Moment, der allerdings dreimal getoppt wurde: Bei den Toren für den VfL.
In der 34. Minute war Wiesbaden zwar durch einen Treffer von Tarik Gözüsirin in Führung gegangen, doch nach der Halbzeitpause drehte der VfL die Partie. Der eingewechselte Ismail Badjie sorgte für viel Schwung und den Ausgleich. In der 59. Minute erzielte der schnelle Offensivspieler für das 1:1. Robin Meißner hatte dem 20-Jährige den Ball per Kopf vorgelegt.
Nur zwei Minuten später hatte Badjie die nächste Chance. Nach einem Pass von David Kopacz umkurzvte er Wehens Torhüter Florian Stritzel, traf aber nur das Außennetz. Auch am 2:1 in der 69. Minute war er beteiligt. Nach einem schönen Solo legte er den Ball zu Meißner, dessen Schuss aber nur Stritzel traf. Der Ball landete beim VfL. Kai Pröger und Bjarke Jacobsen spielten Doppelpass und einen Schuss des Ex-Wiesbadeners Jacobsen lenkte Wiesbadens Jordy Gillekens ins eigene Tor.
Auch wenn das Ergebnis nichts mehr an den wichtigen Saisonentscheidungen änderte, der VfL wollte ungedingt gewinnen. In der 85. Minute kassierte die Mannschaft das 2:2 durch Nikolas Agrafiotis, doch die Osnabrücker setzten noch einmal nach. Ausgerechnet Routinier Robert Tesche erzielte in der 93. Minute den 3:2-Siegtreffer.
Für den VfL war es der 23 Saisonsieg, der 14. in einer überragenden Rückrunde. 44 Punkte holten die Lila-Weißen bisher schon im Jahr 2026: Das ist Vereinsrekord. Bisher lag die Rückrunden-Bestmarke bei 42 Punkten in der Saison 2022/23. Insgesamt sammelte der VfL schon jetzt 76 Zähler und stellte auch damit einen Vereinsrekord aus der Saison 2018/19 ein. Noch zwei weitere Siege fehlen den Osnabrückern, um als dritter Drittligist die 80-Punkte-Marke zu übertreffen.
Zuzutrauen ist es der Mannschaft, die sich in Wiesbaden nicht einmal von einer Aufstiegsparty am Abend zuvor aufhalten ließ, ebenso wenig wie ihre Fans von den Ordnungskräften. Mehrfach versuchten diese die Fans von einem Platzsturm abzuhalten, am Ende bahnten sich der lila-weiße Anhang dennoch den Weg aufs Feld. Torhüter Lukas Jonsson wurde als erster auf den Schultern getragen. Auch wenn der VfL am Tag zuvor auf dem Sofa augestiegen war, am Ende feierten Fans und Mannschaft doch gemeinsam Arm in Arm auf dem Platz – beim „Heimspiel“ in Wiesbaden.