Osnabrück  SV Wehen Wiesbaden erwartet Rekordkulisse - dank des VfL Osnabrück

Benjamin Kraus
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Von Benjamin Kraus
| 01.05.2026 06:50 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Daniel Scherning, Trainer des SV Wehen Wiesbaden Foto: imago/Huebner
Daniel Scherning, Trainer des SV Wehen Wiesbaden Foto: imago/Huebner
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Vielleicht braucht der VfL Osnabrück beim SV Wehen Wiesbaden noch einen Punkt zum Aufstieg, wahrscheinlich braucht es einen Sieg zur vorzeitigen Sicherung der Meisterschaft - bei einem Team, das zu Beginn der Rückrunde selbst noch Ambitionen nach oben hegte. Die Lage beim Gegner vor dem Spiel am Sonntag.

Sie sind eigentlich so etwas wie der Schatten des VfL Osnabrück, aber wahrscheinlich werden sich in diesem Sommer die Wege vorerst trennen: der SV Wehen Wiesbaden. Gegen keinen anderen Verein hat der VfL Osnabrück in den letzten 20 Spielzeiten so oft gespielt wie gegen Wehen - und wohl auch gegen keinen anderen so schlecht ausgesehen, was die Bilanz betrifft. Seit 2007 haben die beiden Vereine mit zwei Ausnahmen in jeder Saison in derselben Liga gespielt; das laufende Spieljahr ist das 17. gemeinsame.

Die statistischen Werte vor dem 34. Duell an diesem Sonntag sind aus VfL-Sicht wenig erbaulich: Neun Osnabrücker Siegen stehen 18 Niederlagen gegenüber, bei sechs Unentschieden und einem Torverhältnis von 32:51 aus Sicht des VfL. Auch das Hinspiel, in dem der VfL Osnabrück zwar dominierte, aber vor dem Tor die Effektivität vermissen ließ, ging mit 0:1 verloren. Ein Traumtor von Mehmet Kaya aus 26 Metern machte den Unterschied. Klar ist: Es wird keine Selbstverständlichkeit, diese Bilanz zu durchbrechen, wenn der VfL aus eigener Kraft an diesem Sonntag den vielleicht entscheidenden Sieg zur Meisterschaft einfahren möchte.

Vier Duelle gab es seit 2007 zwischen den Klubs in der 2. Bundesliga, 29 in der 3. Liga, zweimal ist man gemeinsam auf- und zweimal gemeinsam abgestiegen: 2008/09 und 2023/24 stiegen die Rivalen gemeinsam ab, 2018/19 und 2022/23 ging es für beide nach oben. Dass sich in diesem Sommer die Wege trennen werden, ist relativ sicher: Vor allem, weil das Team von Ex-Trainer Daniel Scherning die gute Serie zu seinem Einstieg im Frühjahr nicht mehr halten konnte.

Im letzten Heimspiel gegen Waldhof Mannheim etwa verspielte Wiesbaden eine 3:0-Halbzeitführung zum 3:3-Endstand, danach gab es ein 2:2 beim FC Erzgebirge Aue, womit der Abstieg Sachsen in die Regionalliga besiegelt wurde. Der letzte Sieg in der Liga datiert vom 7. März (2:1 gegen Stuttgart II, damals der siebte Heimsieg in Serie). Seither gab es drei Remis und vier Niederlagen, darunter teils deftige wie die 1:4-Heimpleite gegen Abstiegskandidat Havelse oder das 0:3 in Aachen.

Noch am 21. Spieltag Ende Januar rangierte Wiesbaden nach dem 2:1-Sieg gegen Verl in der Tabelle nur zwei Zähler hinter dem VfL, ehe das Team das Fahrwasser der Lila-Weißen verlor. Inzwischen hat der VfL 23 Punkte mehr, für Wehen sind Aufstieg und die DFB-Pokal-Qualifikation über die Liga verspielt. Nur ein Sieg im Landespokal-Finale gegen Regionalligist SG Barockstadt Fulda-Lehnerz am Finaltag der Amateure kann die Scherning-Elf noch in den DFB-Pokal hieven und für ein einigermaßen versöhnliches Saisonende beim Tabellen-Neunten und Tabellenführer der ewigen Drittliga-Tabelle (vor dem VfL auf Rang zwei) sorgen.

Nach missglücktem Saisonstart und der Trennung von Nils Döring hatte der Ex-VfL-Coach ab November noch so etwas wie Aufbruchstimmung bei den Hessen erzeugt: Das eher auf Kampfkraft, Kompaktheit, Wucht und die Qualitäten seiner Einzelkönner in der Offensive gepolte Team hatte zwar spielerisch selten richtig überzeugt, aber recht lange konstant gute Ergebnisse eingefahren. Zuletzt aber traten die Probleme im Kadergefüge zutage: Der lange Ausfall von Stammkeeper Florian Stritzel, dessen Ruhe und Erfahrung der 20-jährige Noah Brdar trotz ordentlicher Leistung nicht vollständig ersetzen konnte. Die defensiven Leistungsträger Florian Hübner (35, zuletzt mit Gehirnerschütterung ausgefallen) und Sascha Mockenhaupt (34) sind inzwischen in die Jahre gekommen, während die eher junge Offensive zu starken Formschwankungen unterliegt.

Wobei der aus Wehen/Taunusstein in die Hessische Landeshauptstadt verpflanzte Klub von den Namen her hier richtig Qualität aufbieten kann: Neben dem technisch versierten Kaya (26, 10 Saisontore) - für Drittliga-Verhältnisse ein Ausnahmestürmer - sind hier vor allem der robuste Zielspieler Moritz Flotho (23, 12 Tore) oder der zumeist von der Bank kommende Nikolas Agrafiotis (26. 7 Tore) oder der vor der Saison mit viel Zweitliga-Erfahrung vom 1. FC Nürnberg gekommene Lukas Schleimer (26, 4 Tore) zu nennen. Dahinter sind mit Niklas May, Tarik Gözüsirin und Donny Bogicevic drei 24-Jährige unterwegs, die wie der Ire Ryan Johansson (25) noch einiges an Entwicklungspotenzial mitbringen.

Klar ist: Für den mächtige Klubpräsidenten und Hauptsponsor Markus Hankammer, der seinen Trainern stets einen der bestdotiertesten Etats der 3. Liga zur Verfügung stellt, zählt in der kommenden Saison nur der Aufstieg in die 2. Bundesliga. Er will nicht noch einmal erleben, dass der Zuschauerschnitt im eigenen Stadion im Saisonverlauf von über 6.000 in den ersten Heimspielen auf unter 2.500 wie zuletzt sinkt - und nur die Faninvasion des vor dem Aufstieg stehenden Konkurrenten aus Osnabrück mit über 5.000 mitreisenden Fans dem SVWW die Rekordkulisse der Saison bescheren wird.

Dementsprechend will auch Scherning gegen seinen Ex-Klub die Saison nicht sang- und klanglos auslaufen lassen, weil das die Basis für den geplanten Angriff in der kommenden Spielzeit gefährden und nicht zuletzt den Spielraum für ihn selbst bezüglich schlechter Ergebnisse zum Saisonstart einengen könnte. Wehen Wiesbaden geht angeschlagen ins Duell mit dem VfL, was den Osnabrücker Angstgegner aber nicht ungefährlicher macht – vor allem, wenn man die starken Einzelkönner zur Entfaltung kommen lässt.

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