Osnabrück Hohe Mieten, wenig Sozialwohnungen – das spürt der Mieterverein: „Wir werden überrannt“
Der Bauturbo werde nicht zu sinkenden Mieten führen, warnt der Chef des Osnabrücker Mietervereins, Carsten Wanzelius. Er kritisiert eine zunehmende Kapitalisierung des Wohnungsmarktes. Was würde helfen?
Der Chef des Osnabrücker Mietervereins hat wenig Hoffnungen auf eine Entspannung bei den steigenden Mietpreisen. „Es geht alles in die richtige Richtung“, sagt Carsten Wanzelius mit Blick auf die städtische Wohnungsbaugesellschaft Wio, die bis 2030 rund 1000 bezahlbare Wohnungen bauen will und mit Blick auf den Bauturbo des Bundes. Dahinter setzt Wanzelius jedoch ein großes „Aber“: „Der Bauturbo führt zu geringeren Kosten, aber er wird nicht zwingend zu geringeren Mieten führen.“
Sein Kritikpunkt: Mietwohnungen würden heute zunehmend von internationalen Investoren als Kapitalanlage mit dem Ziel der Gewinnmaximierung genutzt. „Der Staat finanziert momentan die hohen Mieten quer“, mahnt Wanzelius mit Blick aufs Wohngeld. „Da muss eingegriffen werden. Ich kämpfe dafür, die Leute darauf hinzuweisen, dass unser Markt eigentlich anders funktioniert.“
Die Mehrheit der Vermieter in Deutschland seien immer noch Privatpersonen. „Die machen das nicht zur Kapitalmaximierung“, so Wanzelius. Er kenne einen alten Eigentümer, der in der Dodesheide eine ganze Häuserzeile zu 3,80 Euro pro Quadratmeter vermiete und seine Mieter gut kenne. Aber solche Eigentümer würden weniger und die gewerbliche Wohnungswirtschaft sei auf dem Vormarsch.
Wohnungsgesellschaften wie Wio, aber auch die WGO, hätten ein Interesse an ihren Mietern und Genossen. „Die Vonovia nicht“, nennt er ein Beispiel. Seit etwa 20 Jahren beobachte er eine „schleichende Kapitalisierung“ auf dem Wohnungsmarkt, so Wanzelius. „Eigentlich sollte es uns zu denken geben, wenn internationales Kapital in Wohnungen in Deutschland investiert wird und wir keine Aufsichtsbehörde haben.“
Die Osnabrücker SPD-Ratsfraktion hatte Wanzelius bei einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung zum Thema bezahlbarer Wohnraum mit aufs Podium geladen. Dort saßen auch Wio-Geschäftsführer Bernd Wortmeyer und Wio-Immobilienmanagerin Lena-Marie Berg. Wortmeyer verbreitete Zuversicht, dass die Wio nicht nur das Ziel von 1000 bezahlbaren Wohnungen bis 2030 erreichen werde, sondern 2027 schon in die Planung für noch mehr Wohnungen gehen könnte.
Die Nachfrage nach geförderten Wohnungen für Menschen mit Wohnberechtigungsschein sei enorm, berichtete Lena-Marie Berg. Die Mieten für diese Sozialwohnungen sind gedeckelt, im Gegenzug erhält die Wio zinsfreie Kredite vom Land Niedersachsen und zum Teil auch Tilgungsnachlässe. Bei den Neubauwohnungen, die die Wio derzeit im Landwehrviertel vermarktet, liegen die Mieten bei 6,10 Euro pro Quadratmeter im ersten Förderweg (Geringverdiener) und bei 7,50 Euro im zweiten Förderweg (Menschen mit mittlerem Einkommen).
Bis Ende 2026 sollen allerdings erst 350 Wio-Wohnungen fertig sein. Die Mehrheit der Mieter in Osnabrück muss sich daher auf dem privaten Wohnungsmarkt umschauen, wenn sie nicht das Glück haben, bei WGO oder Heimstättenverein zum Zuge zu kommen. Selbst bei älteren Gebäuden würden von privaten Vermietern auf Immobilienportalen bei Neuvermietungen zehn bis zwölf Euro pro Quadratmeter verlangt, warnte SPD-Oberbürgermeisterkandidat Robert Alferink.
Die Not der Mieter spürt der Mieterverein täglich. „Wir werden überrannt“, sagte Geschäftsführer Carsten Wanzelius. Und nicht nur in Osnabrück sei das so. „Alle unsere Vereine verzeichnen Zuwächse, dass einem Hören und Sehen vergeht.“ Die Wartezeit auf einen Termin in Osnabrück betrage derzeit drei bis fünf Wochen.
„Was ich erlebe, ist erschreckend“, berichtete Wanzelius. Die Stadt bräuchte eigentlich 1700 Sozialwohnungen allein für Geringverdiener, betonte er. In seine Sprechstunde kämen viele Rentner. Er erzählte von einem alteingesessenen Osnabrücker, der seit mehr als 40 Jahren in seiner Mietwohnung lebe und jetzt 1500 Euro für Nebenkosten nachzahlen sollte. „Der sagt: ‚Urlaub mache ich dieses Jahr nicht. So viel Rente habe ich nicht.‘“