Osnabrück  Vom Stadionsprecher zur Pressekonferenz: So lief der Inklusionsspieltag beim VfL Osnabrück

Marcel Bechtel
|
Von Marcel Bechtel
| 28.04.2026 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
„Er kann gerne immer wiederkommen“, sagt Stadionsprecher Carsten Thye über Michael Günzler von der HHO. Foto: Helmut Kemme
„Er kann gerne immer wiederkommen“, sagt Stadionsprecher Carsten Thye über Michael Günzler von der HHO. Foto: Helmut Kemme
Artikel teilen:

Der VfL Osnabrück bekam rund um den Spieltag beim 2:1-Heimsieg gegen den SC Verl Unterstützung durch die Heilpädagogische Hilfe Osnabrück. 14 Menschen mit Handicap mitgeholfen - vom Catering bis zur Pressearbeit. So lief der „Inklusionsspieltag“.

Ein kleiner Stand zwischen dem VIP-Eingang der Bremer Brücke und dem Fanshop, direkt vor dem Eingang zur Südtribüne. Zwischen den vorbeigehenden Menschenmassen in lila-weiß geht der Stand fast unter. Der Stand gehört der Heilpädagogischen Hilfe Osnabrück (HHO). Die hatte am Spieltag zwischen dem VfL Osnabrück und dem SC Verl am vergangenen Samstag eine ganz besondere Rolle. Denn es ist Inklusionsspieltag.

Seit 2018 unterstützen einmal pro Saison Werkstattmitarbeiter den VfL bei Aufgaben rund um den Spielbetrieb. 14 Menschen mit Handicap sind heute im Einsatz. Der Spieltag ist der Gipfel einer ganzen Inklusionswoche zwischen der HHO und dem VfL Osnabrück. Organisiert wird der Tag seit 2020 von Benno Bührs und seinem Team. Der 36-Jährige ist „Abteilungsleitung Arbeit inklusiv“ bei der HHO. Dieser Inklusionsspieltag sei wichtig für die Sichtbarkeit der HHO und deren Arbeit, erklärt Bührs.

Der Abteilungsleiter ist selbst VfL-Fan, war früher häufig im Stadion. In Ruhe das Spiel genießen, wird er allerdings nicht. Mit vier seiner Kollegen ist er nämlich heute im Einsatz und springt zwischen den Helfern hin und her. Wenn es zu Problemen oder Fragen kommt, müssen sie ansprechbar sein und reagieren.

In der Vergangenheit beispielsweise habe eine Person mit Beeinträchtigung im Affenfelsen angefangen zu schreien. Der Grund: Der ältere Herr wurde in seinem Leben aufgrund seiner Behinderung eingesperrt, die Gitterstäbe vor der Tribüne haben in ihm Flashbacks ausgelöst, erinnert sich Bührs. Solche Zwischenfälle wird es am heutigen Spieltag nicht geben.

Die Zuteilung, welche Werkstattmitarbeiter, welche Aufgaben übernehmen, übernimmt der Zufall. Per Losverfahren wird entschieden, wer beispielsweise beim Catering oder auch bei der Fanbetreuung hilft.

Rene Keuter wurde die Spieltagsorganisation zugelost. Bei der HHO arbeitet er in der Küche, heute begleitet er Marisa Strodt – Teamleiterin des Spielbetriebs beim VfL Osnabrück. Obwohl der Anpfiff erst um 14 Uhr erfolgt, ging der Tag für die beiden schon um kurz vor 10 Uhr los. Bereits bevor die ersten Fans ins Stadion kommen, muss schon einiges organisiert werden. Das Spieltags-Duo läuft zuerst das Stadion ab, spricht mit der anwesenden Polizei, ist bei der Sicherheitsbesprechung und hat dem Einlasspersonal letzte Instruktionen gegeben.

Im letzten Jahr half Rene Keuter in der VIP-Louge beim Catering. Die Spieltagsorganisation gefällt ihm aber etwas besser, denn hier ist er noch näher am Geschehen, sagt er. Viel Zeit für ein Gespräch bleibt aber nicht, die beiden haben nämlich auch rund anderthalb Stunden vor Anpfiff noch einiges zu tun.

Währenddessen bereitet sich in der Sprecherkabine auf der Nordtribüne Stadionsprecher Carsten Thye vor. Ihn unterstützt heute Michael Günzler – selbst Vollblut-VfL-Fan. Die beiden kennen sich bereits, denn Günzler ist bei nahezu jedem Heim- und Auswärtsspiel auf der Tribüne. „Ein sehr, sehr angenehmer Zeitgenosse, er fährt für den VfL in die hinterste Ecke“, sagt Thye über ihn.

Für Günzler ist es ein besonderes Gefühl auf dem Rasen zu stehen und zu den Fans zu sprechen, neben denen er sonst auf der Nordtribüne sitzt. Über einen möglichen Aufstieg in die 2. Liga würde er sich freuen: „Ich hoffe wir bleiben dann auch ein bisschen“, sagt er. Zuerst müssen aber seine Lila-Weißen gegen Verl abliefern. Günzler steht hinter dem VfL-Pult, welches auf dem Rasen aufgebaut wurde. Carsten Thye hält ihm das Mikrofon unter die Nase – der Moment ist gekommen, der (Fast-)Allesfahrer begrüßt die Schiedsrichter der heutigen Partie und liest ihre Namen für das Publikum vor.

Michael Günzler begrüßt die Schiedsrichter im Stadion

Und während Günzler die Schiedsrichter über die Lautsprecher begrüßt, muss jemand anderes die Schiedsrichterbetreuung übernehmen. Diese Aufgabe bekam Mario Merchel zugelost – und das bereits zum zweiten Mal in Folge. Auch letztes Jahr kümmerte er sich um die Unparteiischen. Der VfL-Fan sitzt regelmäßig auf der Tribüne, gegen den Schiedsrichter hat er nach eigenen Aussagen aber nie gewettert.

Und auch heute hat er keinen Grund dazu, gravierende Fehlentscheidungen von Referee Tobias Reichel gab es keine. Das Spiel sieht Merchel von einem kleinen Tisch am Spielfeldrand aus – gemeinsam mit Thorsten Meyer, dem Schiedsrichterbetreuer des VfL Osnabrück.

„Es ist Inklusionsspieltag, da gewinnen wir eigentlich immer“, versprach Benno Bührs vor dem Spiel. Zur Halbzeit steht es 1:0 für Verl und auch, wenn der VfL Osnabrück bereits kurz nach Wiederanpfiff ausgleichen konnte, sieht es bis zur 95. Minute nicht nach einem Sieg aus. Dann ein langer Ball, Bernd Riesselmann läuft alleine auf den Torwart zu, umkurvt ihn und bringt die Bremer Brücke mit seinem Siegtreffer zum Beben.

Von diesem Spektakel bekommt einer allerdings nichts mit – Marc Hoffmann. Er leitet heute die Pressekonferenz nach dem Spiel und wollte sich schon mal darauf vorbereiten. Nervös sei er aber nicht. Bei der HHO-Fußballmannschaft war er Torwart und mit derselben Devise möchte er auch seiner heutigen Aufgabe nachkommen: „Ich lasse das auf mich zukommen und reagiere dann“, erklärt Hoffmann, während draußen noch die Fans den Sieg feiern und in der VfL-Kabine schon seit einigen Minuten Malle-Hits laufen.

„Guten Mittag und herzlich Willkömmchen“, eröffnet Hoffmann die Pressekonferenz, bevor er das Wort an den Gästetrainer Tobias Strobl gibt. Trotz bitterer Niederlage lobt er den Inklusionsspieltag, bevor er über das Spiel spricht: „Cool, die Aktion, die ihr unter der Woche gemacht habt, habe ich auf Instagram gesehen, war schön. Plus, dass wir das dann heute auch in dieses Spiel mit reingetragen haben und wir Teil davon waren.“

Hoffmann beendet die Pressekonferenz nach mehreren Zwischenfragen der „schreibenden Zunft“, wie er die Redakteure im Raum mit einem Augenzwinkern anmoderiert hat, mit ein paar persönlichen Worten: „Ich möchte mich an dieser Stelle mal bedanken. Ein Dankeschön an den VfL, dass er uns seit mehreren Jahren hier ermöglicht im Rahmen der Inklusionswoche Praktika zu machen und in verschiedene Bereiche mal reinzuschnuppern. Das ist eine geile Erfahrung. Danke an den VfL.“

Ähnliche Artikel