Osnabrück  Mord aus Schwulenfeindlichkeit? Ein Verbrechen in Osnabrück und die Geschichte dahinter

Markus Pöhlking
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Von Markus Pöhlking
| 05.04.2026 05:48 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Ein kleines Symbol der Trauer: An einer Litfaßsäule gegenüber des Tatortes war für mehrere Tage diese Bild angebracht. Menschen legten Blumen und Kerzen nieder. Foto: privat
Ein kleines Symbol der Trauer: An einer Litfaßsäule gegenüber des Tatortes war für mehrere Tage diese Bild angebracht. Menschen legten Blumen und Kerzen nieder. Foto: privat
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Im November 2025 stirbt in Osnabrück ein 44-Jähriger an den Folgen mehrerer Messerstiche. Am Tag zuvor hatte er sich noch an die Polizei gewandt. Dort war der Tatverdächtige auch schon zuvor auffällig geworden. Womöglich handelte er aus religiös motiviertem Hass auf Homosexuelle.

Es ist dunkel und kalt, auf der Natruper Straße rauscht der Verkehr vorbei. Oleg* (Name von der Redaktion geändert) steht auf dem Parkplatz vor einem Haus unweit des Eversburger Platzes. Ein hagerer Mann, der an einer Zigarette zieht, den Rauch inhaliert und in einen dunklen Winterabend ausstößt. Aufgewühlt und etwas ratlos blickt er durch ein Fenster in das Haus. „Da liegen noch seine Sachen“, sagt er. Sein Blick geht nach unten, zu einem Kellerfenster. „Und das muss die Küche sein, da ist es wohl passiert.“

Einige Wochen zuvor, am 9. November, steht ein Mann in dieser Küche. In seiner Hand: ein Messer. Und vor sich, am Boden: ein anderer Mann, der aus mehreren Wunden am Oberkörper blutet. Ungefähr so muss die Szene gewesen sein, als der Mann mit dem Messer den Notruf wählt. Kurz darauf eilen Polizei und Rettungskräfte die Natruper Straße entlang. Die Polizisten werden den Mann mit dem Messer festnehmen. Die Rettungskräfte kämpfen unterdessen um das Leben des anderen Mannes. Ihr Einsatz zahlt sich nicht aus: Der Mann, er heißt Andrij* (Name von der Redaktion geändert), stirbt wenig später im Krankenhaus.

Und jetzt, an einem Winterabend, steht Oleg ein paar Meter entfernt vom Tatort und hadert. Andrij, glaubt er, hätte nicht sterben müssen. Die Polizei wusste doch um die Gefahr.

Tatsächlich waren die beiden Männer am Vortag auf der Wache am Hafen. Sie gaben eine Anzeige auf, weil der Mitbewohner zuvor das Auto von Oleg zerkratzt und die beiden Männer bedroht hatte. Dessen Drohungen hatten schon zuvor die Polizei auf den Plan gerufen. Und deswegen ist Oleg auch mit seinem Wagen zu dem Haus an der Natruper Straße gekommen. Er will Andrij unterstützen.

Die beiden Männer verbindet viel. Fast zehn Jahre lang waren sie ein Paar. Im Herbst 2025 geht ihre Beziehung in die Brüche. Die Herzen, so wirkt es in Olegs Schilderungen, hingen wohl noch aneinander. Doch im Kopf ist klar, dass es nicht weitergehen kann. Sie wollen Distanz. Das ist auch der Grund, warum Andrij überhaupt in dieses Zimmer an der Natruper Straße gekommen ist.

Eigentlich hat er bereits eine neue Wohnung in Lüstringen. Doch er kann sie nicht wie geplant beziehen, ein paar Arbeiten verzögern sich. Seinem Vermieter gehört auch jenes Haus in der Natruper Straße. Andrij könne dort ein paar Tage unterkommen, bis die Wohnung in Lüstringen bezugsfertig sei, schlägt der Vermieter vor. Andrij willigt ein.

Er bezieht das Zimmer, mit leichtem Gepäck. Schnell kommt es zu unangenehmen und bedrohlichen Begegnungen mit dem 34-jährigen Mitbewohner. Andrij nimmt es hin, es ist ja nur für ein paar Tage. „Er war Arzt. Er werde es schon schaffen, einen schwierigen Typen für ein paar Tage im Zaum zu halten, hat er gesagt“, erinnert sich Oleg. Eine Fehleinschätzung – mit fatalen Folgen.

Oleg ahnt die Brisanz der Lage womöglich schon, als er mit Andrij die Beschädigungen an seinem Wagen zur Anzeige bringt: Der Mitbewohner von Andrij, ein 34-Jähriger, sei besessen von der Idee, Homosexuelle töten zu müssen. Er behaupte, Gott habe ihm das aufgetragen. All das erzählt Oleg der Polizei.

Die diensthabenden Beamten, so sagt es Oleg, hätten erklärt, sie könnten den Mann deswegen nicht einfach verhaften oder in die Psychiatrie bringen. Ein paar Stunden später liegt Andrij tödlich verletzt am Boden – attackiert wohl von dem Mann, vor dem Oleg und Andrij zuvor noch gewarnt hatten.

Oleg ist erschüttert, auch Monate später noch. Nicht allein, weil er Andrij verloren hat. Sondern auch, weil er sich fragt, ob die Polizei das nicht habe verhindern können. Tatsächlich war der 34-Jährige dort bereits aktenkundig: Am 20. Oktober soll er eine andere Person attackiert haben. Es läuft bereits ein Verfahren wegen Körperverletzung. Hat die Polizei hier ein Risiko falsch eingeschätzt?

Eine Frage, die auch im Strafverfahren eine Rolle spielt, das gleich nach dem Vorfall in der Natruper Straße anläuft. Die Staatsanwaltschaft prüft darin, ob sich Polizeibeamte vor dem Tötungsdelikt falsch verhalten haben könnten. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass ihnen kein Vorwurf zu machen ist.

Auf der Wache hätten die Polizisten demnach Andrij gesagt, er solle nicht allein in die Wohnung an der Natruper Straße zurückkehren. Am kommenden Tag könne die Polizei ihn begleiten, um ein paar Sachen abzuholen. „Diesen Rat hat er leider nicht beherzigt“, heißt es von der Staatsanwaltschaft.

Tatsächlich muss aus polizeilicher Sicht an jenem Samstag trotz der Drohungen und trotz der Vorgeschichte keine unmittelbare Gefahrenlage bestanden haben. Eine mögliche Gefahr im Sinne des Niedersächsischen Polizei- und Ordnungsbehördengesetzes war schließlich mit einem konkreten Ort – der Wohnung in der Natruper Straße nämlich – verknüpft. Hätte Andrij an jenem Wochenende diesen Ort gemieden, wie von der Polizei empfohlen, wahrscheinlich wäre nichts passiert.

So bestand nach Einschätzung der Beamten vermutlich keine Lage, die ein unmittelbares Einschreiten erforderlich gemacht hätte. Die Polizei Osnabrück selbst will zu dem Fall nicht viel sagen, die Kommunikationshoheit liegt bei der Justiz.

Ein Sprecher der Polizeiinspektion teilt lediglich allgemein mit, dass die Polizei Hinweise auf Bedrohungslagen und Gefährdungen ernst nehme und nach festgelegten Kriterien die gebotenen Maßnahmen ergreife.

Andrij stammt eigentlich von der Krim. „Homosexuell und ein ukrainischer Patriot“, so beschreibt Oleg ihn. 2014, als russische Truppen die Halbinsel besetzten, habe Andrij daher die Flucht angetreten. Er landet irgendwann in Moskau, lernt dort Oleg kennen. Der stammt eigentlich aus Osnabrück, ist russischsprachig aufgewachsen. Er arbeitet in der Kreativbranche. Das Klima in der russischen Hauptstadt gilt lange als vergleichsweise liberal und so verlegt Oleg seinen Lebensmittelpunkt für einige Jahre an die Moskwa, ist dort erfolgreich.

Andrij und er, eine Liebe auf den ersten Blick, so beschreibt es Oleg ein gutes Jahrzehnt später. Andrij, der Arzt von der Krim, der leicht, manchmal auch leichtfüßig durchs Leben gelaufen sei und durch eine Welt, die sich verfinsterte. Nach der Annexion der Krim und im sogenannten „russischen Frühling“ hätten sich die Freiräume in Moskau zusehends verengt, so beschreibt es Oleg.

Die beiden Männer beschließen, die russische Hauptstadt gegen Osnabrück zu tauschen. Für Oleg ist es eine Rückkehr in seine Heimat, für Andrij ein Schritt in eine neue Welt. Er versucht, darin Fuß zu fassen, und kommt doch nie so richtig an. Wer Oleg beim Erinnern zuhört, bekommt den Eindruck: Die Beziehung der beiden Männer war Andrijs Halt in Deutschland und ein Halt in einem Leben, das im Herbst 2025 bitter und abrupt endet.

Dem Mann, der Andrij getötet haben soll, wirft die Staatsanwaltschaft Osnabrück mittlerweile Mord vor und Körperverletzung in einem weiteren Fall. Die Ermittlungen sind abgeschlossen, die Anklage liegt beim Landgericht Osnabrück. In einigen Wochen könnte dort ein Strafprozess Klarheit über die Tat und über ihre Hintergründe schaffen.

Andrijs Tod hat Oleg aufgewühlt, aber auch viele andere Leute. Der 34-Jährige, den die Staatsanwaltschaft angeklagt hat, entstammt einer Familie von Spätaussiedlern. Auch er ist russischsprachig aufgewachsen. In ukrainisch- und russischsprachigen Kreisen in der Region gibt es nach der Tat Stimmen, die einen politischen Zusammenhang vermuten.

Doch dass ein Putin-Sympathisant Andrij getötet haben könnte, weil der sich zur Ukraine bekennt, können die Ermittler nicht feststellen. Ein politisches Motiv schließen sie aus.

Vielmehr sind die Motive der Tat wohl in der sexuellen Orientierung von Andrij zu suchen – so, wie Oleg es von vornherein geschildert hatte: In ihrer Anklageschrift geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass der Angeklagte Andrij wegen seiner Homosexualität aus religiöser Überzeugung getötet habe. Und womöglich aus wahnhaftem Erleben: Nach Informationen unserer Redaktion soll in einer Hauptverhandlung durch eine Begutachtung auch geprüft werden, ob und in welchem Umfang der 34-Jährige schuldfähig ist.

Eine Frage, die Oleg vor dem Haus an der Natruper Straße wenig interessieren. Er verspürt Wut auf den 34-Jährigen. Und er hadert mit der Polizei und damit, dass aus der Trennung im Herbst 2025 ein unwiderbringlicher Verlust wurde.

Fast täglich kommt Oleg hierher an die Adresse. Manchmal legt er ein paar Blumen nieder, die ein Hausmeister dann stets schnell wegräumt. Auf der Straßenseite gegenüber hatte er im Herbst an einer Litfaßsäule einen Zettel in einer Klarsichtfolie angebracht, um an Andrijs Tod zu erinnern. Ein paar Leute legten Blumen und Kerzen ab. Auch das kam bald weg.

Als die Justiz die Leiche von Andrij freigab, ließ Oleg sie verbrennen und schickte sie auf die Krim, wo noch Andrijs Mutter lebt. Es war ihr Wunsch, ihren Sohn in der Erde der Heimat zur Ruhe zu legen. Kein einfaches Unterfangen, eine Urne aus Europa durch Russland auf die besetzte Halbinsel zu schicken, sagt er. Es habe einige Tricks und viel Vertrauen in verschiedene Botendienste gebraucht.

Auf seinem Handy zeigt er ein Bild des Grabes: Ein Holzkreuz mit den Lebensdaten von Andrij, darunter, schwarz gerahmt, sein Porträt: ein jugendlich wirkender Mann, blondes Haar, dunkle, ernste Augen, ein leichtes Lächeln um den Mund. Auf das Grab haben Angehörige etwas Obst und ein paar Süßigkeiten gestellt – ein im östlichen Europa weit verbreiteter Brauch, um die Toten ins Leben einzubeziehen.

Ob und wann Oleg etwas an Andrijs Grab wird bringen können – es ist unklar. Zur Trauer bleibt ihm vorerst nur der kleine Parkplatz vor dem Haus an der Natruper Straße. Und der Blick auf das Fenster, hinter dem Andrij sein Leben verlor.

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