Osnabrück VfL Osnabrück durchbricht magische Marke – so kann der Aufstieg vorzeitig gelingen
Vier Spieltage vor Schluss hat der VfL Osnabrück mit dem 1:0-Sieg in Ingolstadt die magische Grenze von 70 Punkten überschritten. Eine Zahl, die in der Vergangenheit oft zum Aufstieg reichte. Der Puffer zu Platz vier beträgt sieben Zähler. Die Lila-Weißen haben die perfekte Ausgangslage im Saisonfinale – und sind weiter auf Rekordjagd.
Die Spieler des VfL Osnabrück kamen am Samstag nach dem 1:0 beim FC Ingolstadt gleich mehrfach zu den Fans. Erst wurde gefeiert, dann wurden noch zwei Mannschaftsfotos gemacht mit der gut gefüllten Gästekurve als Kulisse. Auf einen aber wartete der Anhang vergeblich – trotz lauter Rufe. „Wir woll’n den Trainer seh’n, wir woll’n den Trainer seh’n, wir woll’n wir woll’n den Trainer seh’n“, sangen die gut 1200 Osnabrücker in Ingolstadt noch lange nach dem Spiel. Irgendwann riefen sie noch seinen Namen, um am Ende fast schon trotzig zu betonen: „Ohne Trainer fahr’n wir nicht nach Haus!“
Der Geforderte nahm es gelassen, tat so als hätte er die Rufe nicht gehört und lächelte nur leicht. Timo Schultz ist keiner, der auf den Zaun klettert oder sich davorstellt und feiern lässt. Er hat es mehrfach betont. Da können auch noch so laute Wunschbekundungen nichts daran ändern. „Da gehört die Mannschaft hin“, sagte er nur.
Schultz freute sich lieber erst einmal im kleinen Kreis. Direkt nach dem Schlusspfiff nahm der 48-Jährige sein Trainerteam zusammen, alle hakten sich unter und Schultz sprach kurz ein paar Worte. Was genau, das wollte er nicht verraten. Eine „ganz normale Freude“ über den Sieg sei es gewesen. Doch wer die Szenerie beobachtete, der sah, dass diese kleine Gruppe sehr wohl wusste, dass ihrer Mannschaft an jenem Tag ein riesiger Schritt Richtung 2. Fußball-Bundesliga gelungen war – und eine ganz besondere Marke durchbrochen worden war.
70 Punkte haben die Lila-Weißen nun auf dem Konto. Eine Zahl, die in den vergangenen vier Spielzeiten stets zum direkten Aufstieg in der 3. Liga reichte. Sieben Punkte liegt der VfL damit vor Cottbus auf Rang drei und dem MSV Duisburg auf Rang vier. In zwei Wochen spielen diese beiden Mannschaften gegeneinander.
Durch sind die Osnabrücker damit noch nicht. Doch die Wahrscheinlichkeit eines Aufstiegs wird immer größer. Vier Spieltage sind noch zu absolvieren – und schon am kommenden Wochenende könnte der Verein, bei günstiger Konstellation, die Rückkehr in die 2. Bundesliga feiern: wenn der VfL im Heimspiel gegen Verl siegt und der MSV (am Freitag bei Alemannia Aachen) und Cottbus (am Sonntag bei Viktoria Köln) verlieren. Zumindest kann der VfL sich für die letzten drei Spieltage in eine Matchball-Situation bringen, würde er gegen Verl dreifach punkten.
Möglich gemacht hat es eine weitere besondere Marke, die der VfL in Ingolstadt durchbrach. Mit dem Sieg beim FCI holten die Osnabrücker nun 36 Auswärtspunkte – Vereinsrekord in der 3. Liga. Das gelang bisher nur einmal, in der Saison 2004/05 unter Trainer Claus-Dieter Wollitz. Noch ein Punkt in der Fremde fehlt, um den Rekord zu übertreffen. Erfolgreicher war der VfL seit 1947 nur in der Saison 1998/99 in der Regionalliga Nord. Die Mannschaft von Trainer Gerd-Volker Schock holte auswärts mit 13 Siegen und zwei Unentschieden (bei zwei Niederlagen) 41 Punkte (umgerechnet von der damals noch gültigen Zwei-Punkte-Wertung).
Auch ein Heimrekord wäre in dieser Saison noch drin. Gegen Verl kann der VfL den siebten Heimsieg in Folge holen – und damit die Serie von sechs Siegen aus der Saison 2018/19 übertreffen. Der Rekord für die 3. Liga liegt bei acht Heimsiegen in Folge – aufgestellt in der Aufstiegssaison 2009/10.
Doch die Jagd nach Bestmarken ist es nicht, was diese Mannschaft antreibt, sondern ein anderes Ziel: Der Aufstieg soll gelingen. Seit Jahresbeginn punktet sie so stabil wie sonst niemand in der Liga. Die Zutaten des Erfolgs waren auch in Ingolstadt zu sehen: eine stabile Defensive und Effizienz im Angriff. Zum 19. Mal kassierte der VfL in dieser Saison schon kein Gegentor. Auch, weil Lukas Jonsson kurz vor Schluss eine Glanzparade zeigte. Wer genau aufpasste, der erfuhr, dass es offenbar eine kleine „Wette“ gab mit dem Trainer zu diesem Ergebnis. „Es gibt jetzt zwei Tage frei, wie immer, wenn wir auswärts zu Null spielen“, sagte Schultz auf dem Podium der Pressekonferenz.
Torschütze Ismail Badjie verriet nur wenige Meter weiter, dass der Trainer und andere Personen ihm am Tag zuvor schon prophezeit hatten: „Isy, du entscheidest dieses Spiel.“ Sie sollten recht behalten. Der 20-Jährige erzielte wie schon gegen Cottbus das Tor des Tages. Nette Randnotiz: Gegen Ingolstadt gelang ihm dieses Kunststück sogar schon zum dritten Mal.
Badjie wird immer mehr zum Mann für die wichtigen Tore. Auch wenn der Treffer in der 83. Minute von Julian Kania noch abgefälscht war. Der ebenfalls eingewechselte Stürmer hatte seine Hand dazwischen. Einem Videobeweis hätte der Treffer vermutlich nicht standgehalten. Doch diesmal zählte er. Das Glück des Tüchtigen hat sich der VfL in den vergangenen Monaten erarbeitet.
Er ist beharrlich geblieben. Hat sich von kleineren Dämpfern, wie den hohen Niederlagen in der Hinrunde gegen Hoffenheim II (0:4) und beim SC Verl (1:4) oder dem knappen 0:1 beim MSV Duisburg vor knapp zwei Wochen, nicht ausbremsen lassen. Abgesehen von den beiden hohen Niederlagen kassierte der VfL nur 19 Gegentore in 32 Spielen. Mit einer herausragenden Rückrunde – zwölf Siege, eine Niederlage, zwei Unentschieden – hat er die Tür zur 2. Bundesliga weit aufgestoßen. Vier Spiele hat er nun Zeit hindurchzugehen. Sollte das gelingen, kann es sogar sein, dass die Fans den Trainer doch noch einmal vor der Kurve sehen – aber nur vielleicht.