Osnabrück Popsalon Osnabrück 2026 weckt Entdeckerlust – auch bei immer mehr überregionalen Fans
35 Konzerte an vier Tagen: Es war ein großes Pensum, das beim diesjährigen Osnabrücker Clubfestival Popsalon geboten war. Erneut gab es Entdeckungen, die einen förmlich umhauten – und die mehr überregionales Publikum anziehen.
Im diffusen Dunkel im Haus der Jugend sieht es aus wie ein großes Lego-Spielzeugauto. Als zu murmelnden Klängen das Licht auf der Bühne angeht, steht tatsächlich ein großes Lego-Spielzeugauto auf der Bühne: rot, plüschig und mit blinzelnden Scheinwerfern. Im Cockpit kniet Lukas Oscar, Sänger, Musiker, Komponist, und spielt gelegentlich auf dem Keyboard, das ins Armaturenbrett integriert ist.
Nach der Matura ist Lukas Oscar aus der Steiermark nach Wien gezogen, um von dort aus Karriere zu machen. Nach dem Auftritt beim Popsalon 2026 darf man sagen: Er ist auf dem besten Weg. Der knapp 24-Jährige nimmt seine Zuhörer mit einer Drei-Oktaven-Stimme mit in rauschhaft-intensive Klangwelten, die ganz tief im Humus der Popwelt wurzeln, aber völlig neue zauberhafte Blüten treiben.
Eine sehr feine Band mit Schlagzeuger Max Plattner, Flo Lauker am Bass und Timon Grohs an der Gitarre legt ein Fundament in bester Rock-Grunge-Indie-Tradition, Zuspielungen und flächige Keyboardsounds heben den Sound auf die Höhe der Zeit. Diese Band verneigt sich mit einer klassischen Ballade im 12-Achtel-Takt vor den Größen der Vergangenheit, es weht mal ein Hauch Chanson herein, als Facetten einer Musik, die unerhört neu klingt und voller Überraschungen steckt.
Im Zentrum steht dabei immer der Frontmann: Um ihn herum ist die Musik gebaut; ihn singen zu hören, ist ein Glück, ihn tanzen zu sehen, eine Augenweide, denn damit verleiht er seiner Musik eine visuelle Dimension. Er geht in die Hocke, liegt auf dem Rücken, schwebt mit roten Riesenstiefeln und filigraner Körpersprache wie ein androgynes Zauberwesen über die Bühne, offenbart gleichzeitig mitreißende Energie – schade, dass nur so wenige Menschen erlebt haben, wie dieser neue Stern aus Österreich über dem Popsalon strahlt. Ein absoluter Höhepunkt des diesjährigen Festivals.
Popsalon-Macher Guido Remmert hat damit Gespür bewiesen: „Lukas Oscar war einer der ersten Künstler, die ich letztes Jahr überhaupt verpflichtet habe“, sagt er. Womit er an die Tradition des Clubfestivals als Forum für Newcomer anknüpft – von dem Österreicher wird die Popwelt sicher noch hören. Genauso wie von der britischen Band Ellis-D.
Die spielte am Freitagabend in der knallvollen Kleinen Freiheit und führte ihrem Publikum eine Musik vor, die klingt, als wäre sie aus einer heimlichen Liaison von Punk und Art-Rock hervorgegangen. Denn sie vereint das Beste beider Welten und entwickelt daraus eine atemberaubend intensive Liveshow.
Im Zentrum steht der charismatische Sänger und Bandleader Ellis Dickson aus Brighton, der singt, jault und stöhnt, dass es eine Wonne ist, umspielt von der harten und präzisen Musik seiner Band. Die rauscht mit vollem Karacho auf Wände zu, stößt durch und dahinter tun sich Welten auf, die Pink Floyd hätte vorzeichnen können. Dabei ist diese Band schon ein, zwei Schritte weiter auf der Karriereleiter als die jungen Österreicher tags darauf, was sich daran ablesen lässt, dass Ellis-D. am Tag vor dem Auftritt beim Popsalon in Köln bei der c/o Pop in Köln zu Gast war und am Tag danach zum Polimagie Festival in Dresden weitergereist ist.
Damit untermauert der Popsalon seinen Status als überregional bedeutsames Festival. Tatsächlich berichtet Remmert, es hätten noch nie so viele Gäste aus Berlin, Hamburg, Köln und München den Popsalon besucht wie in diesem Jahr. Trotzdem blieben die Verkaufszahlen hinter denen der Vorjahre zurück – woran das liegt, darüber lässt sich trefflich spekulieren.
Zwar war der Vorverkauf im letzten Jahr so stark wie nie zuvor – „es gibt sehr treue Wiederholungstäter“, sagt Remmert dazu. Auf den letzten Metern aber erlahmte der Vorverkauf. „Dabei hatte ich noch nie so viele Bands aus dem Ausland“, sagt der Festivalchef – einschlägige Magazine lobten denn auch das hervorragende Line-up.
Fühlten sich die Gäste aus der Region Osnabrück davon nicht angesprochen? Tatsächlich ist es ja so, dass selbst Expertinnen auf der Liste der Bands viele Unbekannte ausmachen. Doch genau darin besteht ja der Reiz des Popsalon: in Entdeckungen, die den selbst gewählten Parcours durch die Clubs der Stadt völlig über den Haufen schmeißen. So fällt Robert Stadtlober im neuen Festivalort Friedenskirche dem Konzert von Lukas Oscar zum Opfer – zu lang hätte es gedauert, mit dem Shuttlebus aus der Innenstadt zu diesem Konzert mit Liedern nach Texten von Kurt Tucholsky zu kommen. Und um den Weg mit dem Fahrrad zu absolvieren, regnete es am Samstag einfach zu stark.
Stattdessen trifft man andere Popsalon-Gänger an der Theke; mal wird man eingeladen, mal zahlt jemand anders, und dann tauscht man sich bei einem Bier über die Erlebnisse aus. So schwärmt der eine von der Band Adult DVD in der Kleinen Freiheit, die andere von Crimson Bloom im neuen Bastard Club in der Skatehalle, wieder andere von Valentino Vivace, dem Mann aus der italienischen Schweiz mit seiner Portion Dolce Vita. Weitgehende Einigkeit herrschte nur beim ersten Konzert, bei Drangsal: „Seltsam“ war da die vorherrschende Meinung.
Grundsätzlich sind die Bewertungen aber so unterschiedlich wie die Geschmäcker und die Generationen: Bei wenigen Kulturveranstaltungen in der Stadt ist der Altersmix so ausgewogen. Eltern kommen mit ihren Kindern, Kinder zeigen den Eltern, wo sie ihre Nächte verbringen.
Dank des überregionalen Zuspruchs wird der Popsalon aber auch immer mehr zum Aushängeschild für die Stadt. Freuen wir uns auf nächstes Jahr, auf den 15. Popsalon Osnabrück: Am 4. Mai um 10 Uhr startet der Verkauf der Frühbuchertickets im Ticketshop Kartenwerk an der Dammstraße.