Osnabrück  Neue Pagenstecherstraße in Osnabrück: Damit dort nie wieder ein Unglück geschieht

Wilfried Hinrichs
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Von Wilfried Hinrichs
| 18.04.2026 05:45 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Pagenstecherstraße in Osnabrück: Auf dieser Straße treffen die Intreressen von Autofahrern, Radlern, Untenehmen, Kunden und Klimaschützern aufeinander. Foto: Michael Gründel
Die Pagenstecherstraße in Osnabrück: Auf dieser Straße treffen die Intreressen von Autofahrern, Radlern, Untenehmen, Kunden und Klimaschützern aufeinander. Foto: Michael Gründel
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Wie sich Osnabrück mit seinen Einfallstraßen abquält: In einer Serie blicken wir auf die wichtigen Radialstraßen, die sternförmig ins Stadtzentrum führen und Verkehrsteilnehmer manchmal zur Verzweiflung bringen. Heute: die Pagenstecherstraße – wo ein tödlicher Unfall alles veränderte.

Im Januar 2020 stürzte eine 18-jährige Schülerin mit dem Rad auf der Pagenstecherstraße und geriet unter einen Lkw. Ihr Tod löste in Osnabrück tiefe Bestürzung und eine intensive politische Debatte über die Pagenstecherstraße aus. Man war sich einig: Nie wieder sollte sich ein solches Unglück wiederholen. Bis heute wird um die beste Lösung gerungen, die – davon gehen die Verkehrsplaner im Rathaus aus – im vierten Quartal 2026 vorliegen soll.

Die Pagenstecherstraße in Osnabrück ist zum Symbol für unlösbare Zielkonflikte in der lokalen Verkehrspolitik geworden. Im großen Ziel, den Verkehr sicherer zu machen und das Klima zu schützen, sind sich alle Parteien einig. Aber die Umsetzung ist schwierig, weil jede Variante Nachteile hat.

Nein, die optimale Lösung, die den Bedürfnissen von Autofahrern, Radlern, Fußgängern, Anliegern, Kunden, Klima- und Umweltschützern gleichermaßen gerecht wird, gibt es für die Pagenstecherstraße nicht. Kompromissfähigkeit war und ist gefragt – doch daran mangelte es oft, nicht nur in der aufgeregten Atmosphäre nach dem Unglück 2020.

Die Schülerin verlor ihr Leben, als sie auf dem kombinierten Rad- und Gehweg auf Höhe eines Futtermittelladens unterwegs war. Dass sich Radler und Fußgänger dort den Weg teilen, geht zurück auf eine alte Forderung der Geschäftswelt, möglichst viele Parkplätze bieten zu können. Ein Jahr zuvor, 2019, hatten Bürger im Bürgerforum Eversburg-Hafen ihre Sicherheitsbedenken vorgetragen. Eine Verbesserung erreichten sie nicht.

Der Ton verschärfte sich in der politischen Debatte. Klima- und Radaktivisten warfen der Stadt ein „Versagen“ in der Klimapolitik vor und beklagten ein angebliches Einknicken des Rates gegenüber Eigeninteressen von Unternehmen. Die CDU konterte, die Klimarebellen führten Osnabrück zurück in die „wirtschaftliche Steinzeit“ und „hetzten“ gegen einzelne Unternehmen.

Im Juni 2022 legte die Verwaltung dem Rat zwei Varianten für den Umbau der Pagenstecherstraße vor. In Variante 1 wurde eine Fahrspur auf beiden Seiten zugunsten eines Radweges aufgegeben, was zunächst die Zustimmung des Stadtentwicklungsausschusses fand – auch weil keine Bäume gefällt werden müssten. Das Meinungsbild änderte sich aber, als die Konsequenzen für den Verkehr ins Bewusstsein drangen.

Die Verwaltung selbst sprach von einer „deutlichen Verschlechterung der Leistungsfähigkeit“, sollte ein Fahrstreifen wegfallen. Die großen Kreuzungen verlören laut Verwaltung in Verkehrsspitzen ihre „Funktionsfähigkeit“. Im Klartext: Es gäbe lange Staus. Ein Problem wäre auch die Erreichbarkeit der Unternehmensgrundstücke, denn jeder Abbiegevorgang bremste den Verkehr aus.

Eine Meinungsabfrage der Wirtschaftsförderung bei den betroffenen Unternehmen förderte zutage, dass 117 der 139 Unternehmen Nachteile für ihr Geschäft befürchteten, sollte die Straße zweispurig werden. Elf Unternehmer deuteten an, sie würden den Standort gegebenenfalls verlassen.

Es gab auch noch die Variante 2 mit vier Spuren und Radwegen in der Standardbreite von 2,25 Meter. Der gravierende Nachteil: Dafür müssten 27 Platanen gefällt werden. Osnabrücker Baumschützer schrien auf. Die Grünen fanden sich plötzlich in einem Dilemma wieder. Es kam zum offenen Schlagabtausch zwischen Baumschützern und Fahrrad-Lobby. Schließlich baute der Rat eine Bedingung ein: Der Plan sollte nur dann umgesetzt werden, wenn die Anlieger Ersatzpflanzungen auf ihren Grundstücken vornehmen.

Als Sofortmaßnahme ließ Oberbürgermeisterin Katharina Pötter (CDU) die Parkstreifen entlang der Pagenstecher mit 377 Betonklötzen sperren. Damit sollte die Gefahr der sogenannten Dooring-Unfälle gebannt werden, die passieren, wenn Autofahrer die Tür ihres geparkten Autos öffnen, ohne auf den Radverkehr zu achten.

Auch an den Klötzen, die wie große Legosteine wirkten, entzündete sich Kritik. Burkhard Weller, geschäftsführender Gesellschafter einer der größten Autohandelsgruppen Deutschlands, beklagte den hohen Aufwand und die Optik. Die Betonreihen verunstalteten die Straße und machten den Standort „unattraktiv“.

Die Stadt reagierte und ließ einen Teil der Betonklötze durch Bäume in Pflanzkübeln ersetzen. Die Parkplätze entlang der Straße blieben aber weiterhin blockiert – das gilt bis heute. Und keiner scheint den Parkraum wirklich zu vermissen. Beschwerden über mangelnde Parkmöglichkeiten erreichten die Stadt jedenfalls nicht, wie Stadtbaurat Thimo Weitemeier bestätigt.

Darüber hinaus änderte sich nichts auf der Pagenstecherstraße. Denn der Rat lenkte Ende 2022 die Priorität um auf die Natruper Straße, die parallel zu Pagenstecher verläuft. Die Natruper soll auf Beschluss des Rates für Radfahrer und den Nahverkehr optimiert werden. Einen Durchgangsverkehr soll es nicht mehr geben.

Die Aufgabe ist extrem komplex, wie Verkehrsplaner Mike Bohne erklärt. Die Knotenpunkte, der Durchgangsverkehr und der ÖPNV mussten analysiert werden. Darauf aufbauend werden im nächsten Schritt Verkehrskonzepte und -modelle erarbeitet.

Im vierten Quartal 2026 will die Verwaltung die Konzepte für die Natruper Straße und die Pagenstecherstraße in einem Wurf den politischen Gremien vorstellen. „Das gehört zusammen, das ist ein Paket“, sagt Stadtbaurat Weitemeier. Er ist sehr dafür, bei der Verkehrsplanung in Zukunft „mehr in Quartieren statt in Linien zu denken“.

Und wie stellen sich die Planer die neue Pagenstecherstraße vor? Weitemeier will zu diesem Zeitpunkt noch nicht in die Details gehen, sondern steckt den Rahmen ab: Die Vierspurigkeit bleibt erhalten, auf beiden Seiten wird es breite Radwege geben. Um dafür Platz zu schaffen, werden die Parkstreifen aufgegeben. Auf einigen Abschnitten werden Radfahrer und Fußgänger über einen gemeinsamen Weg geführt, der aber, so Weitemeier, breit genug sein werde, damit es nicht zu Konflikten komme.

Sollte sich der Rat Ende 2026 oder Anfang 2027 für dieses Konzept entscheiden, dürfte es auf einen Komplettumbau der Pagenstecherstraße hinauslaufen – mit entsprechend hohen Kosten. Weitemeier ist überzeugt, dass die Straße für Radfahrer erheblich sicherer würde, auch wenn nicht überall die Wünsche der Fahrrad-Lobby umgesetzt werden könnten.

Und: Die Pagenstecherstraße würde nach dem derzeitigen Stand der Planung mehr Bäume bekommen. 16 Bäume müssten gefällt – aber 60 könnten neu gepflanzt werden.

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