Osnabrück  Seit 25 Jahren schauen Schüler in Osnabrück Stadtratsmitgliedern auf die Finger

Thomas Wübker
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Von Thomas Wübker
| 19.04.2026 10:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Auf sie wartet eine Menge Arbeit: 61 Schüler nehmen in diesem Jahr am „KidS“-Projekt teil. Sie nehmen an Rats- und Ausschusssitzungen in Osnabrück teil und begleiten Politiker bei der Arbeit. Foto: Thomas Wübker
Auf sie wartet eine Menge Arbeit: 61 Schüler nehmen in diesem Jahr am „KidS“-Projekt teil. Sie nehmen an Rats- und Ausschusssitzungen in Osnabrück teil und begleiten Politiker bei der Arbeit. Foto: Thomas Wübker
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Seit 25 Jahren bringt das „KidS“-Projekt junge Menschen in die Osnabrücker Kommunalpolitik. Ein Initiator, ein Ratsherr und eine Schülerin berichten, wie das Projekt ihre Sicht auf Politik und ihr Leben verändert hat.

Das Projekt „Kommunalpolitik in die Schulen“ soll Jugendlichen aus Osnabrück die Arbeit im Rat und in Ausschüssen ganz praktisch näherbringen. Vor 25 Jahren wurde es gegründet. Zu diesem Anlass sprachen wir mit dem Initiator, einem ehemaligen Teilnehmer, der heute Ratsherr ist, und einer aktuellen Teilnehmerin.

In ihrer Ansprache zum Jubiläum sagte Oberbürgermeisterin Katharina Pötter, dass in den vergangenen 25 Jahren mehr als 1600 Schüler an dem KidS-Projekt teilgenommen haben. In diesem Jahr sind es 61 Schüler der 9. und 10. Klassen von elf Osnabrücker Schulen. Sie können an Rats- und Ausschusssitzungen teilnehmen, erleben mit, wie Entscheidungen getroffen und Lösungen gefunden werden. „Das ist eine Menge Arbeit“, so Katharina Pötter.

Von der vielen Arbeit lässt sich Alissa Astakhova nicht abschrecken. Die 15-jährige Schülerin des Gymnasiums In der Wüste will durch das Projekt lernen, wie sie besser ihre Meinung vertreten und argumentieren kann. „Das fällt mir manchmal schwer“, sagt sie. Aber sie glaubt auch, dass es vielen Leuten schwerfällt, Lösungen für Probleme zu finden.

Alissa Astakhova möchte etwas für ihre Persönlichkeit dazulernen und denkt auch darüber nach, in die Politik zu gehen. „Aber ich möchte nicht in der ersten Reihe stehen.“ Über das politische Geschehen in der Welt informiere sie sich hauptsächlich über Tiktok und Instagram, sagt sie. „Der Ukraine- und Iran-Krieg sind Ansporn für mich, in die Politik zu gehen.“ Ihre Eltern stammen aus der Ukraine. Sie wurde in Osnabrück geboren. Ihr ist bewusst, dass in der Kommunalpolitik lediglich darüber entschieden wird, was in der Hasestadt passiert. „Ich möchte auch nicht in die große Politik gehen.“

Das hat auch Florian Kaulbach nicht gemacht. Der 31-jährige Wirtschaftsprüfer und Steuerberater hat wie Alissa Astakhova im Alter von 15 Jahren am „KidS“-Projekt teilgenommen. „Das hat mein Leben definitiv verändert“, sagt er. Kaulbach ist seit 2016 Ratsherr. Im „KidS“-Projekt hat er Annette Meyer zu Strohen kennengelernt. Die CDU-Ratsherrin stammt wie er aus Hellern. Über sie ist Kaulbach zunächst in der Jungen Union, später bei den Christdemokraten gelandet. Zu der Partei habe er immer schon eine Nähe gehabt, obwohl ihm das zu Hause großen Ärger hätte einhandeln können. „Meine Mutter hat immer gesagt, wenn du der Jungen Union beitrittst, hole ich den Möbelwagen.“ Er durfte aber bleiben.

Weil aber im Hause Kaulbach viel über Politik diskutiert wurde, habe er sich schon früh dafür interessiert. Das Jahr 2010, das Jahr, in dem er am „KidS“-Projekt teilgenommen hat, stand noch unter dem Eindruck der Finanzkrise von 2008. Das habe er schon als 13-Jähriger wahrgenommen, sagt er. Den heutigen Teilnehmern empfiehlt er, viele Fragen zu stellen, Kontakte zu knüpfen und jemanden zu finden, der einen begleitet und zu politischen Veranstaltungen oder in die Ortsverbände mitnimmt.

Reinhard Fulge war Lehrer am Gymnasium In der Wüste, als er einen Geistesblitz hatte. Es habe einen Ratsbeschluss gegeben, junge Menschen mehr in die Politik einzubeziehen, erzählt der 73-Jährige. Er wollte dies jedoch nicht auf theoretische Weise umsetzen, sondern praktisch, in kleinen Gruppen. „Wenn Schüler in einer großen Masse sind, dann passiert nichts.“ Im Teenageralter fällt es jungen Menschen eben schwer, aus der Masse herauszutreten.

Also hatte er die Idee, Schüler mit Kommunalpolitikern zusammenzubringen und sie an der Arbeit von Parteien und Ausschüssen teilhaben zu lassen. „Das hat funktioniert. Als Beispiele dienen die Schüler, die tatsächlich in die Politik gegangen sind.“ Neben Florian Kaulbach waren auch Jurek Milde von den Grünen und Jan Ebeling von der SPD bei der Jubiläumsfeier im Rathaus und berichteten von ihren Werdegängen. So hat Fulge den Schülern die Politik buchstäblich nahegebracht.

Das „KidS“-Projekt sei immer noch notwendig, so Fulge. Als es im Januar 2001 gestartet ist, sei die politische Welt relativ ruhig gewesen, sagt er weiter. Das hat sich verändert. „Das Projekt weist aber nicht den Weg in die große Politik, sondern erweitert das Bewusstsein, dass man im eigenen Stadtteil sieht, was man ändern kann.“

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