Osnabrück  Planspiel zur Martinistraße in Osnabrück: Ein zäher Kampf um jeden Meter

Anke Laumann
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Von Anke Laumann
| 15.04.2026 06:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Perspektivwechsel für den Radverkehr in Osnabrück: Beim ersten Fahrrad-Dialog schlüpften 70 Bürger in fremde Rollen, um gemeinsam neue Verkehrskonzepte zu entwickeln. Foto: Swaantje Hehmann
Perspektivwechsel für den Radverkehr in Osnabrück: Beim ersten Fahrrad-Dialog schlüpften 70 Bürger in fremde Rollen, um gemeinsam neue Verkehrskonzepte zu entwickeln. Foto: Swaantje Hehmann
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Wenn leidenschaftliche Radfahrer plötzlich für Parkplätze an der Martinistraße kämpfen. Beim ersten Osnabrücker Fahrrad-Dialog zeigt ein Planspiel, wie schwierig der Kompromiss auf engstem Raum ist.

Uwe Redecker ist für Tempo 30 auf der Martinistraße. „Dann können Gäste vor dem Café sitzen und sich unterhalten. Wenn die Autos mit Tempo 50 vorbeidonnern, ist es zu laut“, sagt er. Lydia Neuffer nickt. Die beiden sind zum ersten Osnabrücker Fahrrad-Dialog gekommen, weil sie leidenschaftlich gern Rad fahren. In den nächsten eineinhalb Stunden sind sie aber Gewerbetreibende und Händler an der Martinistraße. Sie sollen in dem Planspiel „Die Zukunft der Martinistraße“ ihre Fahrradfahrerbrille abnehmen und in diese Rolle schlüpfen.

„Diskussionen um den Radverkehr sind oft konfrontativ und emotional“, hatte Osnabrücks Radverkehrsbeauftragte Ulla Bauer in ihrer Begrüßung gesagt. Da prallen Welten aufeinander, insbesondere die Fronten zwischen Radfahrern und Autofahrern sind verhärtet. Die Stadt will das ändern. Sie will zuhören und mit den Osnabrückern ins Gespräch kommen. Genau darum geht es beim ersten Fahrrad-Dialog. 70 Bürger sind in das Innovationscentrum Osnabrück (ICO) gekommen. In Planspielen, Planungswerkstätten und Gesprächen mit den Verkehrsplanern der Stadtverwaltung sollen sie Ideen entwickeln – in einer lockeren, wertschätzenden und konstruktiven Atmosphäre.

Die Zeit drängt. Lydia Neuffer und Uwe Redecker haben fünf Minuten, um sich auf eine Hauptforderung zu einigen. Ein Punkt, den sie in der anschließenden Diskussion unbedingt erreichen möchten. Dann müssen sie sich mit den Anliegen und Argumenten von Fußgängern, Anwohnern, Vertretern des öffentlichen Personennahverkehrs, Radfahrern und den Autofahrern auseinandersetzen.

Was ist für die Geschäftstreibenden wichtig? Der Lieferverkehr, na klar. Auch an die Fahrradfahrer muss gedacht werden, sind sich Lydia Neuffer und Uwe Redecker einig. Wer ins Café oder das Yogastudio will, nimmt oft das Rad. Gibt es noch Platz für Parkplätze? Uwe Redecker wiegelt ab. „Das kriegt man nicht hin. Zu wenig Platz.“

Die Martinistraße ist insgesamt 17,80 Meter breit. Das sind 17,80 Meter, um alle Interessen zu berücksichtigen. Das klingt viel, wird aber schnell zu wenig, wie die spätere Diskussion zeigt. Lydia Neuffer und Uwe Redecker haben sich geeinigt. Die Martinistraße soll in beide Richtungen zweispurig bleiben. Die linke Spur ist für Autofahrer, die rechte für Lieferanten, Busse, Fahrradfahrer. Das alles bei erlaubten 30 Stundenkilometern.

„Sie können wild und kreativ versuchen, Lösungen zu finden“, hatte Cornelia Dirks die Teilnehmer zuvor ermutigt. Dirks ist Mitarbeiterin des Planungsbüros „Procolo“ aus Bremen. Zusammen mit ihrer Kollegin Franziska Lehmann moderiert sie den Abend. Zwei Expertinnen, die den Blick von außen mitbringen und unbefangen an den Straßenverkehr in Osnabrück gehen.

Im zweiten Planspiel geht es um die Wersener Straße. Die in den vergangenen Monaten viel diskutierte Iburger Straße ist auch in den fünf Planungswerkstätten kein Thema. Die Schwerpunkte wurden von der Stadt bewusst gesetzt. Es soll um künftige Planungen gehen, nicht um Themen, die derzeit politisch diskutiert werden oder in der Planung sind. „Dafür gibt es andere Formate“, sagte Franziska Lehmann.

Als die Kleingruppen zusammenkommen, wird schnell klar, wie schwer es ist, alle Wünsche unter einen Hut zu bekommen. Die Autofahrer in dem Rollenspiel wollen bei Tempo 50 bleiben und eine Spur in Parkplätze umwandeln. Die Fußgänger wünschen sich, dass der Mittelstreifen der Martinistraße wegfällt und der Fußweg verbreitert wird.

„Der Raum ist hier super begrenzt. Wo nehmen wir den Platz für all das her?“, fragt eine Frau, die die Anliegen einer Anwohnerin vertritt. Letztendlich müssen die Autos da weg, ruft ein anderer. Auch der Vorschlag, auf dem Mittelstreifen Bäume zu pflanzen, wird diskutiert. Was haben alle davon? Kühlen sie die Stadt ab? Die Teilnehmer sind sich uneinig. Der Vorschlag wird verworfen. Die Teilnehmer beugen sich über den Konferenztisch. Vor ihnen liegen die Pläne der Martinistraße. Sie diskutieren, streiten aber nicht.

Stadtbaurat Thiemo Weitemeier beobachtet das Planspiel aus dem Hintergrund. Er ist beeindruckt, wie sehr sich die Teilnehmer mit ihrer Rolle identifizieren und wie leidenschaftlich sie ihre Argumente vortragen. Nach eineinhalb Stunden ist das Planspiel vorbei. Lydia Neuffer ist zufrieden. „Es war spannend, in diese Rolle zu schlüpfen“, sagt sie.

Am Ende einigten sich alle Teilnehmer auf Tempo 30 auf der Martinistraße. Das Platzproblem aber bleibt. Die Stadt wollte mit dem Planspiel auch zeigen, wie kompliziert und zäh Planungen bisweilen sind. Alles lässt sich in eineinhalb Stunden eben nicht lösen.

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