Osnabrück Wahlkampf mit bezahlbaren Wohnungen: Warum das für Osnabrück nicht schlecht ist
Wer setzt sich glaubwürdiger für die Osnabrücker Wohnungsgesellschaft Wio und den Bau bezahlbarer Wohnungen ein – und warum ist das wichtig? Oberbürgermeisterin Katharina Pötter (CDU) sowie SPD und Grüne stellen sich alle hinter die Wio, trotzdem gibt es Streit. Eine Analyse.
Bezahlbares Wohnen ist eines der großen Themen im Osnabrücker Wahlkampf vor der Kommunalwahl im September 2026. Rund 70 Prozent aller Wohnungen in Osnabrück sind Mietwohnungen – und die Mieten steigen. Mit ihrer kommunalen Wohnungsgesellschaft Wio kann die Stadt ein bisschen gegensteuern. Und so ist es kein Wunder, dass es jetzt einen kleinen Wettstreit unter Kandidierenden darum gibt, wer sich glaubwürdig um die Wio bemüht.
Für Kritik sorgt ein Pressegespräch über die Neuausrichtung der Wio, zu dem Oberbürgermeisterin Katharina Pötter (CDU) vorige Woche ins Rathaus eingeladen hatte und bei dem Pötter sich erneut klar zur Wio bekannte. Auch Wio-Geschäftsführer Bernd Wortmeyer war dabei, doch eine Person fehlte: „Ich wäre als Aufsichtsratsvorsitzende gerne zu dem Gespräch eingeladen worden“, sagt Susanne Hambürger dos Reis, die gleichzeitig Osnabrücker SPD-Fraktionsvorsitzende ist, im noz-Gespräch.
Nach dem Bürgerentscheid 2019, in dem eine deutliche Mehrheit in Osnabrück für die Gründung einer städtischen Wohnungsgesellschaft gestimmt hatte, war sie es, die den Projektausschuss leitete. Und die schwierige Aufgabe übernahm, die Erwartungen verschiedener Initiativen unter einen Hut zu bringen. Das Ergebnis brachte ihr parteiübergreifend Respekt ein.
Bei dem Pressegespräch im Rathaus stellten Pötter und Wortmeyer alleine vor, wie die Wohnungsgesellschaft es schaffen soll, künftig schwarze Zahlen zu schreiben. Die Wio soll dank Bauturbo nun sogar doch noch ihr Ziel erreichen können, 1000 Wohnungen bis 2030 zu bauen.
Pötter kündigte eine Verwaltungsvorlage für die Ratssitzung am 21. April an, die vorschlägt, dass die Stadt auf eine 1,5-prozentige Verzinsung ihrer 60 Millionen Euro Eigenkapital für die Wio verzichtet. Außerdem soll die Wio künftig zu 100 Prozent auf den Bau geförderter Wohnungen für Mieter mit Wohnberechtigungsschein setzen.
Stadtsprecher Arne Köhler betont, es sei kein Termin der Wio gewesen, sondern einer der Stadtverwaltung, bei dem in diesem Fall Pötter die Verwaltungsvorlage selbst vorgestellt und Wio-Geschäftsführer Wortmeyer für Rückfragen dazu gebeten habe. „Es ist nicht üblich, dass man bei solchen Terminen den Aufsichtsrat einbezieht – bei Pressegesprächen zur Krankenhauslandschaft oder zur neuen medizinischen Hochschule beispielsweise war das auch nicht der Fall“, so Köhler.
SPD-Oberbürgermeisterkandidat Robert Alferink griff Pötter in einer Pressemitteilung anschließend scharf an: „Was Frau Pötter hier präsentiert, ist kein neuer Plan. Es ist ein durchsichtiger Kurswechsel aus reinem Wahlkampfkalkül“, so Alferink.
Er wirft der OB vor, dass sie im Sommer 2025 in einem noz-Interview gesagt hatte, Wohnen sei „letztlich Privatsache“ und die Stadt könne die Wio nicht dauerhaft unterstützen. „Gleichzeitig wird nun genau das getan“, sagt Alferink. „Die Stadt soll auf Zinsen verzichten, um die Wio finanziell zu entlasten. Faktisch ist dies eine Subvention durch die Hintertür.“
Das findet er nicht falsch, im Gegenteil. „Für uns ist klar, dass wir alles tun, um die Wio zu unterstützen“, schreibt er und sagt noz, er glaube nicht, dass die Wio irgendwann Gewinne abwerfen werde – aber das sei ja auch nicht ihre Aufgabe. Auch der städtische Haushalt müsse seinen Beitrag dazu leisten, dass die Wio bezahlbare Wohnungen bauen könne. Die Wio müsse „konsequent gestärkt und ausgebaut werden“, so Alferink.
Seine Parteikollegin Susanne Hambürger dos Reis und der Grünen-Fraktionsvorsitzende Jens Meier betonen in einer gemeinsamen Mitteilung: „Wir freuen uns, dass das Ziel, bis 2030 1.000 neue Wohnungen über die Wio zu schaffen, von niemandem mehr infrage gestellt wird und trotz schwieriger Rahmenbedingungen erreichbar ist.“ Für sie sei es nur ein Zwischenziel. „Es geht darum, dass die Menschen in Osnabrück bezahlbar wohnen können“, lässt sich Hambürger dos Reis zitieren. „Das ist Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge und nicht Privatsache. Und hier liefert die Wio.“
Die Oberbürgermeisterin will ihren Satz, Wohnen sei Privatsache, nicht missverstanden wissen. „Meine Aussage war kein Plädoyer für staatliche Untätigkeit, sondern eine Einordnung der rechtlichen Verantwortlichkeiten“, betont sie. Es ging im noz-Interview um die Frage, warum ausgerechnet die Wio, die sozialen Wohnraum baut, aus ihrer Sicht langfristig wirtschaftlich arbeiten müsse, während beispielsweise ein defizitäres Schwimmbad mit städtischen Haushaltsmitteln unterstützt werden könne.
„Hier muss man zwischen Infrastruktur für die Allgemeinheit und individuellem Wohnraum unterscheiden“, sagt Pötter jetzt. „Letzteren unterstützt der Staat im Bedarfsfall richtigerweise direkt über das Wohngeld oder die Sozialhilfe. Dass die finanzschwachen Kommunen darüber hinaus die explodierenden Baukosten nicht einfach ‚wegfördern‘ können, ist keine exklusive Meinung, sondern bittere ökonomische Realität.“
Ob nun Privatsache oder nicht: Unterm Strich ist es für die Osnabrücker vielleicht gar nicht so schlecht, dass das Thema bezahlbarer Wohnraum ein Wahlkampfthema ist. Es kann jedenfalls nicht schaden, wenn sich möglichst viele Kommunalpolitiker auf die Fahnen schreiben wollen, dass sie sich für eine Linderung der Wohnungsnot einsetzen. Die Perspektive für die Wio für die nächsten Jahre ist jetzt jedenfalls positiv – und davon profitieren alle, die dringend eine günstige Wohnung suchen.