Osnabrück Fahrrad fahren in Osnabrück: Stadt setzt aus das Schwarmwissen der Bürger
Viel Radverkehr, aber miese Stimmung: Um die emotionalen Debatten in Osnabrück zu entschärfen, setzt die Stadt beim ersten Fahrrad-Dialog auf Schwarmwissen – und wirbt zugleich um Verständnis für komplexe Planungen.
Die Osnabrücker lieben das Fahrrad, hadern aber mit der Infrastruktur in der Stadt: Während knapp 80 Prozent der Bürger leidenschaftlich gerne in die Pedale treten, verharrt die Stimmung laut ADFC-Fahrradklima-Test bei einem „Ausreichend“.
Um die oft festgefahrenen und emotional geführten Debatten zum Radverkehr zu durchbrechen, setzt die Stadt aufs Gespräch. Sie hat am Freitag, 10. April, zum ersten Osnabrücker Fahrrad-Dialog eingeladen. 70 Bürger haben in Planspielen, Planungswerkstätten und Gesprächen mit den Verwaltungsmitarbeitern Ideen für den Osnabrücker Radverkehr entwickelt.
Es war zwar der erste Fahrrad-Dialog, aber der zweite Anlauf dafür. Die Premiere hätte eigentlich im September 2025 stattfinden sollen. Es gab jedoch zu wenig Anmeldungen, die Veranstaltung wurde abgesagt. „Aufgehoben ist nicht aufgeschoben. Wir haben uns vorgenommen, die Veranstaltung in modifizierter Form im nächsten Frühjahr erneut anzubieten“, hatte Stadtbaurat Thimo Weitemeier damals gesagt. Der Austausch mit den Bürgern sei ihm und seinem Team wichtig.
Das wiederholte Weitemeier nun im Innovationscentrum Osnabrück (ICO). Die Botschaft an dem Abend: „Die Stadt hört Ihnen zu.“ Sie will informieren, zuhören, diskutieren. Und sie setzt auf das „Schwarmwissen“ der Osnabrücker: Was läuft gut, was nicht, wie könnte es besser gehen? „Wir brauchen das, um für komplexe Fragen gute Lösungen zu finden“, begründet der Stadtbaurat. Und die Teilnehmer lieferten dieses Schwarmwissen. Sie schrieben ihre Ideen und Forderungen auf, diskutierten in den Werkstätten und Planspielen und stellten dem Stadtbaurat Fragen.
„In Osnabrück wird schon viel Rad gefahren“, stellte Ulla Bauer in ihrer Einführung fest. Das sei kein subjektiver Eindruck, sondern empirisch belegt. Jeder dritte Weg in der Stadt wird mit dem Rad gemacht, zitierte die Radverkehrsbeauftragte der Stadt Osnabrück aus der Studie „Mobilität in Städten“ der TU Dresden. Der Anteil der Wege, die in Osnabrück mit dem Rad zurückgelegt werden, ist binnen zehn Jahren von 23 Prozent (2013) auf 32 Prozent (2023) gestiegen. Osnabrück spielt damit in einer Liga mit Bremen und Braunschweig. Zum Vergleich: In Großstädten liegt der Wert im Schnitt bei 18 bis 20 Prozent. Spitzenreiter in Norddeutschland ist Oldenburg mit einem Radverkehrsanteil von 41 Prozent.
Es werde nicht nur viel, sondern auch gern mit dem Rad gefahren. Knapp 80 Prozent der Befragten stimmten dem zu. Einerseits gibt es also viel Zustimmung fürs Radfahren. Andererseits sei die Stimmung der Radfahrer schlecht. Das zeigt sich laut Bauer alle zwei Jahre beim Fahrradklima-Test des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC). „Da pendeln wir immer um ein ‚ausreichend‘ herum“, schilderte Bauer. Die Grundstimmung der Radfahrer sei skeptisch bis kritisch. Viele Diskussionen über den Radverkehr würden sehr emotional und konfrontativ geführt.
Wie emotional das Thema Verkehr ist, weiß Franziska Lehmann. Mit ihrem Planungsbüro „Proloco“ aus Bremen begleitet sie an vielen Orten solche Debatten. Am Freitag moderierte sie den Fahrrad-Dialog in Osnabrück. Nach ihrer Erfahrung werden Änderungen im Straßenverkehr oft als Eingriffe in die Individualität empfunden. Da fühlten sich Menschen schnell angegriffen – egal ob Autofahrer oder Radfahrer.
Damit Maßnahmen akzeptiert werden, müssten sie einen Nutzen für alle Beteiligten bringen. Und der müsste auch klar vermittelt werden. Ein Beispiel: Wenn eine Straße verkehrsberuhigt werden soll, müsste klar gemacht werden, dass die Straße hinterher grüner ist, das Klima besser ist und die Kinder sicher spielen könnten. Davon hätten alle was.
Ulla Bauer warb für „mehr Austausch, mehr Zuhören, mehr Perspektivwechsel“. Es brauche im Straßenverkehr mehr Verständnis füreinander. Da helfe es, nicht nur durch die Radfahrerbrille zu schauen, sondern sich zu fragen, wie es „dem Fußgänger oder dem Autofahrer geht, wenn ich schnell noch über die Straße husche“.
Die Stadt wünschte sich an dem Abend aber auch mehr Verständnis für die eigene Arbeit. Mit dem Radverkehrskonzept und dem Radentscheid gibt es eine klare Strategie, sagte Ulla Bauer. Aber die Planung sei komplexer. Die Stadt will mit dem Fahrrad-Dialog zeigen, warum es manchmal hakt und nicht schneller geht.
Ein weiteres Manko aus Sicht der Verwaltung: Verbesserungen für den Radverkehr würden oft nicht wahrgenommen. In der Stadtverwaltung gebe es viele Mitarbeiter, die für das Thema Mobilität brennen und etwas bewegen wollen, sagte Thimo Weitemeier. Er habe bei seinem vorherigen Job in Nordhorn gemerkt: Es sei wichtig, nicht nur zu kritisieren, sondern auch mal anzuerkennen, wenn etwas gut läuft. Dafür hätten alle beim nächsten Fahrradklima-Test die Gelegenheit, ohne dabei die Augen vor den Problemen zu verschließen.
Die Stadtverwaltung war mit dem Abend zufrieden. „Wenn man sich die Pinnwände anguckt, wie viele Ideen da draufstehen – das ist wirklich was, wo man drauf aufbauen kann“, sagte Stadtbaurat Thimo Weitemeier. Die Ergebnisse werden nun von der Verwaltung ausgewertet und in den Mobilitätsfahrplan unter dem Motto „Osnabrück. Dein Weg.“ einfließen. Weitemeier kündigte gegenüber noz an, dass der Freitagabend nur der Auftakt war: Den Fahrrad-Dialog soll es von nun an jedes Jahr geben.