Osnabrück  „Man darf sich nicht aufgeben“: Osnabrücker Restaurant Lotta schenkt Gästen wieder Kraft

Leonard Fischer
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Von Leonard Fischer
| 10.04.2026 19:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Zum sechsten Mal lädt das Osnabrücker Restaurant „Lotta“ am Westerberg wohnungslose und bedürftige Personen zu einem kostenlosen Abendessen ein. Für viele Gäste ist es der erste Restaurantbesuch seit langer Zeit. Foto: Sebastian Dannenberg
Zum sechsten Mal lädt das Osnabrücker Restaurant „Lotta“ am Westerberg wohnungslose und bedürftige Personen zu einem kostenlosen Abendessen ein. Für viele Gäste ist es der erste Restaurantbesuch seit langer Zeit. Foto: Sebastian Dannenberg
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Ein Restaurantbesuch ist für viele Menschen heutzutage längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Am Mittwochabend hat das Osnabrücker „Lotta“ daher seine Türen für Bedürftige geöffnet – vorerst zum letzten Mal, denn künftig soll es anders laufen.

Nur wenige Autos sind an diesem Abend noch auf der Lotter Straße unterwegs, als im Licht der Sonnenstrahlen nach und nach kleine Grüppchen von Menschen die Treppe zur Eingangstür des Restaurants „Lotta“ nach oben steigen. Es ist kurz vor 19 Uhr und das Restaurant bereits voll belegt.

Eifrig werden riesige Speisenwärmer hin und her getragen, während im Eingangsbereich ein Gitarrist Platz nimmt und sein Mikrofon zurechtrückt. „Wir erwarten heute Abend wieder rund 45 Gäste und Live-Musik darf da natürlich nicht fehlen“, erklärt Annemarie Berndt, Betriebsleiterin und Eventmanagerin des Lotta.

In Kooperation mit den Sozialen Diensten SKM und der Osnabrücker Tafel organisiert das Osnabrücker Restaurant inzwischen zum sechsten Mal ein Dinner für den guten Zweck. „Wir freuen uns jedes Mal sehr, wenn das Lotta wieder auf uns zukommt und zum Essen einlädt“, erklärt Thomas Kater.

Als Fachdienstleiter der Tageswohnung in Osnabrück weiß er am besten, dass Veranstaltungen wie diese rar gesät sind: „Allerdings ziehen inzwischen einige Veranstalter nach, das wissen wir sehr zu schätzen, vor allem weil das Sichtbarkeit für die Personen bedeutet, die sie wirklich brauchen.“

Unter den sanften Klängen der Gitarre huschen ab und an noch Nachzügler ins Restaurant, bis schließlich alle Plätze belegt sind. An diesem Abend können die Gäste wieder im Stile eines Drei-Gänge-Menüs zwischen den verschiedenen Speisen am Buffet wählen.

Gastronomie wird es im Lotta künftig allerdings nicht mehr geben. Am Samstag, 18. April, öffnet das Restaurant zum letzten Mal seine Türen, bevor sich das Unternehmen zu einer Eventagentur umstrukturieren will.

„Das wohltätige Dinner möchten wir dennoch weiterführen, im besten Fall wie gehabt zweimal im Jahr“, erklärt Berndt. Das Lotta wolle im Zuge der kostenlosen Abendessen künftig als Organisator auftreten, sodass sich nicht das Konzept, sondern lediglich der Standort ändert.

Während der Gitarrist das nächste Lied anstimmt, tummeln sich inzwischen fast alle Gäste vor dem Buffet. Einer von ihnen ist Ekkehardt, der heute zum zweiten Mal dabei ist: „Es ist einfach schön, zwischen den Alltagsschwierigkeiten einfach mal was anderes um die Ohren zu haben“, sagt der 55-Jährige lächelnd.

Eigentlich sei er gelernter Elektriker, verlor vor einiger Zeit aber seinen Führerschein und damit auch seinen Job. „Mein nächstes Ziel ist wieder eine eigene Wohnung, dann kann ich auch wieder zurück in meinen Beruf“, erklärt er.

Nur einen Tisch weiter sitzt ein junger Mann, der nur halb so alt ist wie Ekkehardt und der Gitarre lauscht: „Ich hatte einige Probleme zuhause und habe immer wieder versucht sie zu lösen, irgendwann wollte ich dann aber einfach nur noch weg“, berichtet Sebastian.

Der 21-Jährige lächelt immer wieder verschmitzt und überlegt, wie viel er preisgeben kann. „Seit Januar bin ich jetzt von zuhause weg und bei so einer Veranstaltung auch das erste Mal dabei. Fühlt sich gut an, wieder ein bisschen unter Leute zu kommen“, erzählt er.

Für die allermeisten Gäste ist das Essen im Lotta die Gelegenheit, die Sorgen des sonst so strapaziösen Alltags hinter sich zu lassen und sich wieder unbeschwert zu fühlen. Die gute Gesellschaft und die Atmossphäre vermitteln Geborgenheit.

Im Eingangsbereich klingt gerade der letzte Akkord der Gitarre ab, als sich die Tür noch einmal öffnet: „Ich war erst unsicher, ob ich heute Abend kommen soll, oder nicht, aber man muss die Komfortzone auch mal verlassen“, erklärt Dominique.

Mit 46 Jahren und als Teil der queeren Gemeinschaft sei es häufig nicht leicht. „Ich war selbst ausgebildeter Gitarrist, das war mein Job, aber dann bin ich schwer krank geworden – Zeckenbiss, dann Lyme-, zwischenzeitlich war ich sogar halbseitig gelähmt.“

Nach mehreren Erfahrungen häuslicher Gewalt ist Dominique nun in Osnabrück und beginnt, im Leben wieder Fuß zu fassen. „Mir hilft da vor allem Musik und Dankbarkeit, gerade für Abende wie heute. Diese Hilfe muss man aber auch annehmen können und darf sich nicht aufgeben.“

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