Osnabrück Es geht ums Geld: Wie sich die Osnabrücker Wohnungsgesellschaft Wio neu aufstellen soll
Nach Diskussionen über die Wirtschaftlichkeit von Osnabrücks kommunaler Wohnungsgesellschaft Wio haben Geschäftsführer Bernd Wortmeyer und Oberbürgermeisterin Katharina Pötter eine Neuausrichtung der Wio angekündigt. Und plötzlich soll auch das Ziel von 1000 bezahlbaren Wio-Wohnungen bis 2030 wieder erreichbar sein.
Bezahlbarer Wohnraum ist rar in Osnabrück. Bei jedem Besichtigungstermin für günstige Mietwohnungen von Osnabrücks Wohnungsgesellschaft Wio stehen die Menschen Schlange. Doch was kann und wird die kommunale Gesellschaft in den nächsten Jahren noch leisten? Oberbürgermeisterin Katharina Pötter (CDU) und Wio-Geschäftsführer Bernd Wortmeyer haben jetzt in einem Pressegespräch eine Neuausrichtung der Wio angekündigt.
Größtes Problem der Wio sind bislang die Finanzen. Gleich nach ihrer Gründung im Jahr 2020 als hundertprozentige Stadtwerke-Tochter explodierten bundesweit die Baukosten, auch die Bauzinsen stiegen im Zuge von Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg.
Im Gründungsbeschluss hatte der Osnabrücker Rat der Wio ein Wirtschaftlichkeitsgebot verordnet. 27,3 der 60 Millionen Euro an zugesagtem Eigenkapital von der Stadt sind bereits eingesetzt – und davon hat die Wio erst 350 der einst geplanten 1000 neuen Wohnungen bis 2030 gebaut.
Eine Aufstockung des Eigenkapitals sei bislang nicht vorgesehen, sagte Pötter auf noz-Nachfrage. Aber die Stadt kommt ihrer Wio in einem Punkt entgegen: Sie will auf eine Verzinsung des städtischen Eigenkapitals verzichten. Die Wio entlaste das um rund 400.000 Euro.
Dafür muss der Stadtrat noch grünes Licht geben. Das Thema soll im kommenden Finanzausschuss und in der Ratssitzung noch auf die Tagesordnung kommen, kündigte Pötter an. Der Wio-Aufsichtsrat habe bereits zugestimmt.
Eine der wichtigsten Nachrichten: Das Ziel von 1000 Wohnungen bis 2030 sei mit der Neuausrichtung wieder erreichbar, sagte Pötter. Zwischenzeitlich hatte die Wio diesen Zeitplan schon aufgegeben.
Die Wohnungsgesellschaft soll dabei weiter unter dem Dach der Stadtwerke bleiben. Das hatte auf dem Prüfstand gestanden. „Oberstes Gebot war die Wirtschaftlichkeit“, erklärte die Oberbürgermeisterin. Wenn dieses künftig erfüllt werde, könne man die Wio auch da lassen, wo sie sei.
Damit die Wio künftig keine Verluste mehr macht, will sie künftig ausschließlich geförderte Wohnungen („Sozialwohnungen“) bauen, denn dafür gibt es zinsgünstige Kredite vom Land Niedersachsen.
Auch jetzt schon hat die Wio die meisten ihrer Wohnungen wegen dieser Förderung für Menschen mit Wohnberechtigungsschein (WBS) gebaut. Die Mieter zahlen dann je nach Wohnberechtigungsschein 6,10 Euro pro Quadratmeter Kaltmiete (Geringverdiener mit WBS-1) oder 7,50 Euro (Menschen mit mittlerem Einkommen und WBS-2).
Frei finanzierte Wohnungen für Menschen mit hohem Einkommen will die Wio mangels Fördermitteln künftig gar nicht mehr bauen, sagte Wortmeyer. Schon bei den jüngsten Mehrfamilienhäusern im Landwehrviertel machten diese frei finanzierten Wohnungen den geringsten Anteil aus. Die Wio vermietet sie für um die 12 Euro pro Quadratmeter (kalt).
Eine dritte wesentliche Änderung bezieht sich auf die Art, wie die Wio baut. Bislang sieht jedes Wio-Gebäude anders aus, nicht nur von außen, sondern auch bei den Wohnungszuschnitten. Künftig will die Wio mehr in Richtung „serielles Bauen“ gehen, um so die Kosten zu reduzieren. Wenn beispielsweise alle Fenster gleich groß geplant würden, könnte die Wio allein schon beim Einkauf sparen, erläuterte Wortmeyer.
Schon bei seinem Amtsantritt vor rund einem halben Jahr hatte er unserer Redaktion gesagt, dass die Wio dabei aber keine Plattenbauten plane. „Unsere Wohnungen sollen bilanziell in 80 Jahren noch stehen – und ich bin überzeugt, dass sie es auch in 100 Jahren noch tun werden“, sagte Wortmeyer jetzt.
„2019 war die Wio schon wichtig für die Osnabrücker Bürgerinnen und Bürger“, betonte er mit Blick auf den Bürgerentscheid, mit dem die Osnabrücker die Gründung einer Wohnungsgesellschaft erzwungen hatten. „Heute ist sie es umso mehr.“ Andere Investoren hätten sich entweder zurückgezogen oder würden eher teure Mietwohnungen bauen. „Man spürt in Osnabrück den Druck, überhaupt eine bezahlbare Wohnung zu finden“, so Wortmeyer. Hier Abhilfe zu schaffen, das sei „Aufgabe der kommunalen Daseinsvorsorge“, betonte er.
Pötter nickte sacht. 2025 hatte sie sich im noz-Interview allerdings noch anders geäußert und gesagt, Wohnen sei „letztlich Privatsache“ – anders als etwa ein Schwimmbad, das allen Menschen zur Verfügung stehe. Dafür steckte sie viel Kritik ein, etwa von Ehemaligen des Bündnisses für bezahlbaren Wohnraum, die seinerzeit den Bürgerentscheid angeschoben hatten.
Jetzt bekannte sich Pötter im Pressegespräch deutlich zur Wio. „Wir brauchen dringend mehr bezahlbaren Wohnraum, und wir brauchen auch die Wio an unserer Seite“, sagte die Oberbürgermeisterin. Pötter nannte den Zeitpunkt zur Neuaufstellung der Wio „Halbzeit“ – Wortmeyer widersprach ihr da und wollte lieber von einem „Neuanfang“ sprechen. „Da die Wio kein Ende hat, haben Sie recht“, stimmte Pötter ihm zu.
Und wie will die Wio nun in vier Jahren noch 650 Wohnungen aus dem Boden stampfen? „Wir brauchen Grundstücke mit Planungsrecht“, sagte Wortmeyer. „Dafür haben wir den Bauturbo.“ Insgesamt acht Standorte habe die Wio im Blick. Zwei davon sind bislang bekannt: Auf dem Gelände der ehemaligen neuapostolischen Kirche am Schinkelbad will die Wio bauen, außerdem steht noch ein letztes Grundstück im Landwehrviertel zur Verfügung. Die sechs übrigen Standorte sollen in der Wio-Aufsichtsratssitzung im Mai beschlossen werden.