Berlin  Ein Israeli erzählt, dass sein Nachbar geköpft wurde, und wird ausgebuht – ein Abend mit der Uno-Beauftragten Francesca Albanese

Len Sander
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Von Len Sander
| 05.04.2026 19:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Francesca Albanese wirft Israel einen Völkermord in Gaza vor. Für derartige Aussagen wurde sie durch die USA sanktioniert. Foto: Imago/Abacapress
Francesca Albanese wirft Israel einen Völkermord in Gaza vor. Für derartige Aussagen wurde sie durch die USA sanktioniert. Foto: Imago/Abacapress
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Der Uno-Sonderberichterstatterin für Palästina, Francesca Albanese, wird immer wieder Antisemitismus vorgeworfen. Jüngst trat sie in Berlin vor ihren Anhängern auf – im Vergleich zu denen sie geradezu gemäßigt wirkt.

Der Abend mit der Uno-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese wird im Tumult enden. Wütende Zuschauer werden andere anschreien, sie seien Nazis, und dass Israel Palästinenser mit Hunden vergewaltigen lasse. Der Leiter des Kinos wird in ein Handgemenge verwickelt.

Aber der Abend beginnt harmonisch. Im Foyer des Berliner Kinos „Babylon“ riecht es nach Popcorn, junge Menschen in Kufiya strömen zum Saal, in dem Albanese später auftritt, ein Bier in der Hand.

Man hört Italienisch, Englisch. Von hier aus sieht man noch einige der Gegendemonstranten, die vor dem Kino gegen Albaneses Auftritt protestieren, erahnt ihre Israel-Flaggen. Ein Mann schüttelt den Kopf, sagt auf Englisch, er verstehe so etwas nicht.

Dann wird der Dokumentarfilm „Disunited Nations“ des französischen Filmemachers Christophe Cotteret gezeigt. Er attestiert der internationalen Staatengemeinschaft ein moralisches und völkerrechtliches Versagen ob der israelischen Kriegsführung. Der Film öffnet mit einem knappen Satz über das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 und springt dann schnell zum verwüsteten Gazastreifen.

Die Rede eines Genozids Israels an den Palästinensern zieht sich durch ihn wie ein roter Faden. Er wird als unbestrittene Tatsache dargestellt, und nur solche Stimmen kommen zu Wort, die ganz auf Albaneses Linie sind.

Die Uno-Sonderberichterstatterin für die besetzten Gebiete Palästinas behauptete schon wenige Monate nach Beginn des Krieges im Gazastreifen, Israel habe völkermörderische Absichten. Seither hat sie diese Darstellung regelmäßig in Berichten wiederholt und als Anklage gegen die halbe Welt vorgebracht, die mitschuldig sei.

Im Film kann sich Albanese ausführlich in Szene setzen. Man sieht sie nachdenklich in ihrer Wohnung in Tunis, wütend im Taxi, hoffnungsvoll inmitten von propalästinensischen Aktivisten in London oder Paris. Sie sei jedoch keine Aktivistin oder Politikerin, betont sie, sondern Völkerrechtsexpertin.

Tatsächlich hat die Italienerin den Großteil ihres Berufslebens in verschiedenen Uno-Agenturen mit Bezug auf Palästina verbracht, etwa beim Hilfswerk für Palästinaflüchtlinge im Nahen Osten. Zuvor absolvierte sie ihr rechtswissenschaftliches Grundstudium in Italien und machte einen Master an der als israelfeindlich bekannten School of Oriental and African Studies in London. Ihre eigene Promotion schloss sie bislang nicht ab, dafür erhält sie im April die Ehrendoktorwürde. 2022 wurde sie schließlich zur ehrenamtlichen Sonderberichterstatterin ernannt.

Der Dokumentarfilm hinterfragt Albaneses Wirken nicht. Sie kommt ausschließlich als Opfer einer Schmierenkampagne vor, in der ihr Antisemitismus vorgeworfen werde, weil sie die unbequeme Wahrheit sage. In dieses Narrativ fügt sich, dass ihr Israel die Einreise seit einigen Jahren verweigert und die USA sie 2025 nach einem ihrer Berichte auf eine Sanktionsliste setzten. Die US-Regierung wirft ihr vor, Terrorpropaganda zu betreiben. Seither darf sie nicht mehr in die USA einreisen und kann faktisch kein Bankkonto mehr verwenden.

Auf X teilt Francesca Albanese Inhalte, die Israels Vorgehen im Gazastreifen kritisieren:

Die Liste ihrer radikalen Äußerungen ist lang. Jüngst sprach sie an einer Konferenz des katarischen Staatssenders al-Jazeera, an der auch ranghohe Vertreter der Hamas und des iranischen Regimes auftraten, im Kontext von Israel als „gemeinsamen Feind der Menschheit“. Im Nachhinein behauptete sie, damit „das System“ gemeint zu haben.

Im vergangenen Jahr, als propalästinensische Aktivisten eine Zeitungsredaktion in Turin verwüsteten, sagte sie, das sei zwar zu verurteilen, solle aber als „Mahnung“ an Journalisten dienen. Zuvor relativierte sie das Massaker des 7. Oktobers als „Reaktion auf die Unterdrückung durch Israel“.

Die Palästinenser werden in Cotterets Film als Objekt ohne jegliche Handlungsmacht gezeichnet. Die palästinensischen Gebiete seien „ein Land willkommen heißender Sanftheit“, heißt es schwärmerisch. Nur Israel – das „der hebräische Staat“ genannt wird – scheint über Subjektivität zu verfügen, die es nutzt, um gnadenlos und willkürlich Gewalt über die Palästinenser hereinbrechen zu lassen. Deren wichtigste politische Organisationen, Hamas, palästinensischer Jihad und Fatah, erscheinen wie eine Wahnvorstellung der Israelis.

Mit historischen Tatsachen nimmt es der Film folglich nicht sehr genau. Ein Experte behauptet etwa, der israelische Unabhängigkeitskrieg 1948 sei ausschließlich ein Bürgerkrieg gewesen, wo doch fünf arabische Staaten Israel nach seiner Gründung angriffen.

In einer langen Sequenz wird ein verstümmelter Palästinenser namens Bashar in einer Trümmerlandschaft gezeigt. Damit soll ein Zusammenhang mit dem Krieg in Gaza impliziert werden. Wie sich jedoch herausstellt, lebt Bashar im syrischen Yarmuk, und seine Verletzungen stammen aus dem dortigen Bürgerkrieg. Dann ist die Rede von einem Apartheidregime gegen die Palästinenser im Westjordanland – während man ein Schild sieht, das ausgerechnet israelischen Staatsbürgern die Einreise in die Palästinensergebiete untersagt.

Überhaupt scheinen Worte für Albanese und Cotteret eher eine magische als eine beschreibende Qualität zu haben: Genozid bedeutet ethnische Säuberung bedeutet Kolonialismus bedeutet Apartheid. Und Israel verkörpert alles davon durch sein schieres Dasein. Das Publikum im „Babylon“ sieht das ähnlich und klatscht frenetisch, als die Italienerin, die an diesem Abend ihren 41. Geburtstag feiert, schließlich die Bühne betritt.

Ein Störgefühl an diesem Abend unter Gleichgesinnten kommt auf, als einige Zuschauer daran Anstoß nehmen, dass in den vorderen Reihen mehrere Pro-Israel-Aktivisten um die FDP-Politikerin Karoline Preisler Platz genommen haben. Neben ihnen postiert sich ein Sicherheitsmitarbeiter.

Auf dem Podium schwankt Albanese zwischen Pathos („Palästina ist eine Wunde, die uns zeigt, wer wir als Menschen sind“), Drohungen gegen Deutschland und seine Medien („Diese Leute müssen bezahlen, diese Medien, sie müssen zur Rechenschaft gezogen werden“) und Aufrufen an das Publikum („Macht weiter, leistet weiter Widerstand“). So stößt es niemandem auf, als sie behauptet, Israel lasse Palästinenser von Hunden vergewaltigen.

Die Veranstaltung gerät aus dem Gleichgewicht, als der Moderator, der Anti-Israel-Journalist Hanno Hauenstein, einen Besucher zu Wort kommen lässt. Der Mann fragt, warum in dem Film der palästinensische Terrorismus keinerlei Rolle spiele. Das Publikum wird unruhig. Ein Nachbar von ihm aus Tel Aviv – die Gäste beginnen zu buhen – sei von einem Terroristen geköpft worden. „Du bist ein verdammter Idiot!“, ruft jemand. Er kenne andere Israelis, die bei Bombenattentaten umgekommen seien, einfach, weil sie sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufgehalten hätten, sagt der Mann.

Albanese ermahnt das Publikum, den Mann aussprechen zu lassen. Sie verurteilt das Massaker der Hamas am 7. Oktober, das ein Kriegsverbrechen gewesen sei, um sofort auf Israel und die Siedler zu sprechen zu kommen. Dennoch wirkt sie in diesem Moment ungleich sanfter als ihre Anhänger. Sie sagt: „Können wir aufhören, den Schmerz, den wir selbst erfahren haben, zu benutzen, um anderen Schmerz zuzufügen?“

So könnte der Abend enden. Vorher kommt es noch zu einigen wirren und verzweifelten Wortmeldungen von Anti-Israel-Aktivisten, die Albanese immer wieder fragen, was sie denn noch mehr für die palästinensische Sache tun könnten.

Als die Veranstaltung vorüber ist, kommt es zum Tumult im Kinosaal. Die Gäste, die sich während der Veranstaltung getraut hatten, Widerspruch zu äußern, werden rüde beschimpft. Die Aktivisten um Preisler halten eine israelische Flagge und eine des präislamistischen Iran hoch und werden von Kufiya-Trägern bedrängt. Eine junge Frau brüllt sie an: „Habt ihr nicht gehört, dass Männer und Frauen von Israelis vergewaltigt werden?“ – „Von Hunden!“, fügt jemand hinzu.

Es entsteht ein Handgemenge um Timothy Grossman, den Leiter des Kinos. Er versucht, seine aufgebrachten Gäste davon abzubringen, die Gegendemonstranten anzugreifen. „Habt ihr Francesca nicht verstanden?“, herrscht er sie an. Nur mit Mühe kann er sie zusammen mit dem Sicherheitsdienst aus dem Saal drängen.

Albanese nimmt derweil im Foyer ein Bad in der Menge ihrer Fans. Für sie war es ein gelungener Geburtstag.

Dieser Artikel erschien zuerst in der „Neuen Zürcher Zeitung“.

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