Osnabrück Die Tagespflege, der Tag der Niedersachsen und der Anfang vom Ende beim DRK Osnabrück
Der DRK-Kreisverband Osnabrück-Stadt ist aufgelöst, die Neugründung des Nachfolgeverbandes lässt noch auf sich warten. Eine Begegnung beim Tag der Niedersachsen könnte das System der Abschottung durchbrochen haben, das der frühere Geschäftsführer offenbar aufgebaut hatte.
Der Neue Graben in Osnabrück, das letzte Augustwochenende des Jahres 2025: Tausende Menschen strömen zum Tag der Niedersachsen in die Osnabrücker Innenstadt. Im Bereich vor der Industrie- und Handelskammer präsentiert sich der DRK-Kreisverband Osnabrück-Stadt. Am Stand begegnen sich Menschen, die sonst wenig Kontakt haben – obschon sie doch alle dem gleichen Verband angehören. Es sind Begegnungen, die womöglich das Ende des Verbandes einläuten.
Der nämlich geht Monate später in die Insolvenz und ist mittlerweile aufgelöst. Gegen den vormaligen Geschäftsführer laufen strafrechtliche Ermittlungen. Gut zwei Dutzend Mitarbeiter haben ihre Jobs verloren. Das ehrenamtliche Präsidium des aufgelösten Verbandes bemüht sich unterdessen um eine Neugründung als Ortsverein unter dem Dach des Kreisverbandes Osnabrück-Land. Für den Moment liegt die 160 Jahre währende Tradition des DRK in der Stadt Osnabrück in Scherben. Was sich daraus in welcher Form wieder zusammenfügen lässt, ist unklar.
Eine Entwicklung, die manche beim DRK im Sommer 2025 schon geahnt haben könnten. Da sind schließlich eine Reihe denkwürdiger Verfahren vor dem Arbeitsgericht Osnabrück. Der im Juli 2022 berufene Geschäftsführer Mike Reil will offensichtlich eine Reihe von Mitarbeitern des DRK-Shops am Bahnhof loswerden, es kommt zu Klagen und zu öffentlichen Mobbingvorwürfen. Im gleichen Atemzug bekennt der Geschäftsführer freimütig, offene Posten mit Personen aus seinem familiären Umfeld nachbesetzt zu haben.
Neueinstellungen hat er zu dem Zeitpunkt längst auch für ein neues Prestigeprojekt im Wissenschaftspark vorgenommen: Dort will das DRK eigentlich zum Oktober 2023 eine Tagespflege und ein Inklusionscafé an den Start bringen. Die Räume sind gemietet, erste Mitarbeiter eingestellt – wirklich arbeiten werden sie bis zur Insolvenz des Verbandes allerdings so gut wie nie.
Erst im Frühjahr 2025 nämlich öffnet die Tagespflege ihre Türen. „Wir hatten in der Folge dann zwei, manchmal drei Patienten, mehr war nicht“, so schildert es eine frühere Mitarbeiterin der Einrichtung.
Als die ersten Patienten endlich kamen, war sie bereits seit weit über einem Jahr angestellt beim DRK – wie auch die meisten anderen Kollegen des Teams. Arbeit habe es in der Zeit praktisch kaum gegeben. „Wir haben viel Zeit bezahlt zu Hause gesessen“, erklärt die Frau. „Und manchmal haben wir andernorts ausgeholfen.“
Ihre Schilderungen decken sich mit anderen Erzählungen. So berichten frühere Mitarbeiter des DRK-Shops in der Innenstadt, dass dort manchmal abbeorderte Mitarbeiter der Tagespflege Waren im Lager verräumt hätten. Sie fügen sich auch in ein Bild, das andere vormalige Angestellte des DRK zeichnen, und zu Aussagen, die es am Rande von arbeitsgerichtlichen Verfahren gab: Bis zu anderthalb Jahre unterhielt der DRK-Kreisverband Osnabrück-Stadt demnach Räumlichkeiten für Tagespflege und Café sowie den entsprechenden Mitarbeiterstamm, ohne auch nur einen Cent Geld damit zu verdienen.
Dabei dürfte für die monatlichen Kosten wohl ein mittlerer fünfstelliger Betrag fällig gewesen sein, vermutet die Mitarbeiterin. „Ich hatte früh die Sorge, dass das Ganze in einem Scherbenhaufen endet“, erklärt sie.
So wirklich ein Thema wird die wirtschaftliche Fehlentwicklung der Tagespflege im Verband vorerst aber nicht. Womöglich liegt es daran, dass der Geschäftsführer Aufsichtsgremium und Angestellte voneinander abgeschirmt hat. So zumindest stellen Mitarbeiter aus verschiedenen Teilbereichen des aufgelösten DRK-Kreisverbandes unabhängig voneinander dar.
Mails und Anfragen an das Präsidium etwa seien stets beim Geschäftsführer gelandet. Der habe seinerseits dem ehrenamtlichen Präsidium womöglich geschönte Lagebilder und nebulöse Kalkulationen vorgelegt. Das berichten unserer Redaktion auch andere Quellen mit Insiderwissen.
Dass etwas nicht stimmen konnte, dämmerte dem Präsidium dann wohl spätestens ab dem Tag der Niedersachsen Ende August 2025. Am DRK-Stand vor der Industrie- und Handelskammer nämlich treffen Mitarbeiter der Tagespflege auf Mitglieder des Gremiums. Zu diesem Zeitpunkt läuft die Tagespflege zwar schon seit mehreren Wochen. „Wir haben uns aber gewundert, dass zum Beispiel für Pflegemittel oder Frühstück kein Geld da war und dass in der Einrichtung die Wände kahl blieben“, schildert die Mitarbeiterin.
Darauf angesprochen sei Präsident Michael Schneider einigermaßen perplex gewesen, so ihr Eindruck. „Er hat sich dann eine Weile spürbar eingeschaltet, anschließend flachte der Kontakt dann ziemlich abrupt ab“, schildert sie. Ihre Vermutung: „Ab jenem Zeitpunkt hat sich dem Präsidium erschlossen, wie schlimm die Lage tatsächlich ist. Womöglich waren die Mitglieder zunächst mal überfordert.“
Weder der Präsident noch andere Präsidiumsmitglieder äußern sich derzeit zu entsprechenden Details. Sie verweisen auf die strafrechtlichen Ermittlungen, die gegen den vormaligen Geschäftsführer laufen.
Die vormalige Mitarbeiterin der Tagespflege äußert Kritik und Verständnis zugleich für das Gremium. „Es ist für uns Angestellte schon ein Schlag, wenn das Präsidium seinen Einsatz für den Erhalt ehrenamtlicher Strukturen in die Öffentlichkeit rückt, uns aber bis heute keine klare Erklärung geliefert hat, was eigentlich los ist“, sagt sie. Für die vormaligen Hauptamtlichen laufe die Kommunikation allein über den Insolvenzverwalter, der auch für die Abwicklung der Arbeitsverhältnisse zuständig ist.
Zudem müsse sich das Präsidium die Frage gefallen lassen, warum die eklatanten Fehlentwicklungen unter Geschäftsführer Reil lange unbemerkt blieben, sagt sie – und relativiert: „Man kann natürlich auch bei mir fragen, warum ich das fast zwei Jahre mitgemacht habe trotz aller Warnzeichen.“
Die Frau hat nach dem Aus beim DRK umgehend einen anderen Job angetreten. Ein nahtloser Übergang, der dem Vernehmen nach nicht allen Angestellten des insolventen Verbandes vergönnt ist. Ende Februar hatte der Insolvenzverwalter Kündigungen für alle 25 angestellten Mitarbeiter des Verbandes ausgesprochen. Infolge der Insolvenz bleibt auch der DRK-Shop am Konrad-Adenauer-Ring dauerhaft geschlossen.
Unterdessen dauern die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen den vormaligen Geschäftsführer nach Strafanzeigen der Kreisverbände Osnabrück-Stadt und Melle an. In Melle war er parallel zu seiner Tätigkeit in Osnabrück Leiter der Buchhaltung. Der dortige Verband macht ihn unter anderem für das Fälschen von Dienstanweisungen und für IT-Manipulationen verantwortlich. Im Rahmen einer Kündigungsklage wurde zudem bekannt, dass er Gelder zwischen beiden Kreisverbänden verschoben haben soll.
Zu welchen Tatbeständen die Staatsanwaltschaft derzeit ermittelt, ist noch unklar. Unklar ist auch, ob die Affäre nicht womöglich noch weitere Kreisverbände berühren könnte. Der Kreisverband Melle nämlich übernimmt als Dienstleister die Buchhaltung auch noch für weitere DRK-Verbände in der Region Osnabrück.
Im Kreis der Mitarbeiter des Osnabrücker Verbandes ist die Rede davon, dass auch dort womöglich Gelder verschoben worden sein könnten. Ines Rose, Geschäftsführerin des Meller Verbandes, will das aktuell weder bestätigen noch verneinen. Es liefen entsprechende Prüfungen, deren Ergebnisse abzuwarten seien.