Osnabrück Immobilien stärker besteuern? Wie das Eigenheim zum Feindbild wurde
Zwei von drei Deutschen wünschen sich ein Leben in den eigenen vier Wänden. Doch statt ihnen dabei zu helfen, diskutiert die Politik nun sogar neue Steuern auf Immobilien. Warum da der Spaß aufhört – eine Gegenrede.
Als wir noch zur Miete wohnten, habe ich mir den Tag, an dem wir vielleicht auch mal in ein eigenes Haus ziehen würden, immer so vorgestellt wie in der Bausparwerbung. Junges Paar verlässt ausgeräumte Wohnung, drückt grummeligem Vermieter noch in der Tür die alten Schlüssel in die Hand und schlendert in die sorglose Freiheit.
Als es dann vor zwei Jahren wirklich so weit war, lief es natürlich doch ganz anders. Der Vermieter war eine Vermieterin und gar nicht grummelig, sie konnte danach ja die Miete erhöhen. Und echte Sorglosigkeit stelle ich mir auch anders vor: Statt der Miete zahlen wir jetzt halt Zinsen, die wir ebenso wenig wiedersehen. Trotzdem kommt mir das Glück, im eigenen Haus zu wohnen, noch immer zu schön vor, um wahr zu sein. Seit meiner Kindheit habe ich mich nicht mehr so zu Hause gefühlt wie jetzt: Eigenheime sind Heimat, deswegen heißen sie ja so.
Umso merkwürdiger finde ich es, dass sich gerade diese Wohnform seit Jahren immer stärkeren Angriffen aus der Politik ausgesetzt sieht. Sie ist für viele politische Entscheider offensichtlich in einer ähnlichen Kategorie abgespeichert wie das Ehegattensplitting oder die Pendlerpauschale: alles alte Zöpfe.
Unvergessen die Entscheidung eines Hamburger Stadtbezirks vor einigen Jahren, keine Einfamilienhäuser mehr zu genehmigen, zu elitär, zu klimaschädlich. Der Beschluss wurde mittlerweile zurückgenommen. Dafür hat der Ökonom Marcel Fratzscher vor ein paar Tagen vorgeschlagen, zur Entlastung der öffentlichen Hand könne man ja Hausbesitzern nicht nur die Grundsteuer erhöhen, sondern auch den möglichen Wertzuwachs einer Immobilie besteuern.
Wer heute in Zeiten hoher Baukosten, unsicherer Jobs und eher steigender als sinkender Zinsen noch Draufgänger genug ist, sich ein Haus zu kaufen oder zu bauen, könnte sich also künftig locker machen: Ob er nun schon während des Projektes in die Knie geht oder ihm der Staat erst anschließend sein Geld wegnimmt, richtig gut ausgehen würde es so oder so nicht mehr.
Besonders ärgerlich an diesem politischen Trend finde ich den Unterton: das Haus als Luxus. Wer eins haben will, schädigt bestimmt andere damit und ist mutmaßlich ein Bonze. „Bezahlbares Wohneigentum“, wie das in der Debatte so schön heißt, ist aber kein Luxus im Sinne von überflüssiger, übertriebener Kauflaune. Ganz im Gegenteil.
Es ist einfach ein urmenschlicher Wunsch, und zwar ein so dringlicher, dass er in Kunst und Kultur besonders gerne im Melancholie-Modus vorkommt. „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr“ – schon Rilke schreibt ja so, als ob er sich sowas wie den Fratzscher-Plan schon habe denken können. Im Theaterstück „Tod eines Handlungsreisenden“ von Arthur Miller ist die Hauptfigur ein alternder Verkäufer, und am Ende, als er schon schwer krank ist, sagt er: „Da arbeitet man ein Leben lang, um ein Haus abzuzahlen. Schließlich gehört’s dir, und keiner ist da, um drin zu leben.“ Luxus? Elite? Davon schreibt Arthur Miller nichts.
Wie auch, wenn dieses Thema doch nun wirklich die Mitte der Gesellschaft berührt. Je nach Umfrage möchten mindestens zwei von drei Deutschen am liebsten in einem eigenen Haus oder einer eigenen Wohnung leben. Und dabei geht es ihnen bestimmt nicht nur um so trockene Fragen wie die Altersvorsorge.
Als wir noch grübelten, ob wir das mit der Immobilie machen sollen, schickte mir ein Freund mehrere Zeitungsartikel darüber, dass der Traum vom Eigenheim als Investment eine Milchmädchenrechnung sei.
Offenbar kann man, wenn man nur günstig genug zur Miete wohnt und ansonsten sein Geld clever anlegt, am Ende viel besser dastehen als mit einem schlechten Bauprojekt, wo ja nicht nur die Kreditraten zu Buche schlagen, sondern auch der Wertverlust durch Materialverschleiß. Dass sich so viele Menschen in die eigenen vier Wände sehnen, hätte demnach zumindest nicht nur finanzielle Gründe. Womöglich nicht einmal in erster Linie.
Hier müssen ziemlich tiefe, ziemlich alte Sehnsüchte im Spiel sein. Der Komponist Richard Wagner, der nun wirklich nicht mit Geld umgehen konnte, ließ, als er im Alter von 60 Jahren endlich ein Haus in Bayreuth hatte, in goldenen Lettern auf die Fassade schreiben: „Hier, wo mein Wähnen Frieden fand“. Es geht bei der ganzen Sache also um Ruhe, um Geborgenheit. Um das Gefühl, anzukommen, gerade auch nach Wanderjahren. „Das Glück braucht ein Zuhause“, wie früher mal der Slogan eines Baufinanzierers hieß. War natürlich nur eine Werbung. Aber manchmal ist ja was Wahres dran.