Osnabrück Das E-Auto als zusätzliche Batterie fürs Haus: So funktioniert die Technik aus Osnabrück
Die Idee ist genial: Das Elektroauto in der Garage wird als zusätzlicher Stromspeicher fürs Haus genutzt. Die Umsetzung ist noch kompliziert, wird dank neuer Technik aus Osnabrück aber jetzt alltagstauglich. So funktioniert es.
Stefan Bertels ist von Beruf Energieberater und der Zeit immer einen Schritt voraus. So auch jetzt beim „bidirektionalen Laden“ – dem Aufladen in zwei Richtungen. Bertels nutzt die Batterie seines VW ID 3 als zweiten Speicher für das Wohnhaus. Einfach genial, die Idee. Aber bei der Umsetzung hat es lange gehapert.
„Das Know-how war da, aber die Anwendung fehlte“, sagte Bertels bei einem Ortstermin in seiner Garage in Hörstel im Kreis Steinfurt. Gekommen sind Stefan Essmann, Inhaber einer Elektrofirma in Rheine, Tarik Guss und Ralf Ossenbrink vom Osnabrücker Unternehmen E3/DC. Das Osnabrücker Unternehmen ist Spezialist und Vordenker für Speichertechnik, und Essmann aus Rheine kann mit dieser Technik umgehen.
So war es möglich, dass in der Garage der Familie Bertels die erste bidirektionale (bidi) Ladestation in unserer Region ans Netz gehen konnte. Bundesweit soll es aktuell nur 60 Prototypen geben, wie die Experten sagen. Alle Welt spricht zwar seit Jahren davon, dass E-Autos als Zusatzspeicher dienen könnten. Doch erst jetzt steht eine alltagstaugliche Technik dafür zur Verfügung.
Die Technik kommt auch aus dem Hause E3/DC, das im Wissenschaftspark in Osnabrück zu Hause ist und Systeme für ein intelligentes Strommanagement entwickelt. Um die Autobatterie nutzen zu können, braucht es ein bidi-taugliches Auto, ein Energiemanagement (Smart Meter) mit Hauskraftwerk und geeigneter Ladestation.
Die Automobilhersteller taten sich lange schwer mit der Bidirektionalität. Sie waren sich nicht sicher, wie sich das ständige Be- und Entladen auf die Lebensdauer der Autobatterie auswirken würde. Heute wissen wir: Die Batterie hält das aus.
In der Branche heißt die Technik V2G (Vehicle-to-Grid/vom Auto ins Netz) oder V2H (Vehicle-to-Home/vom Auto ins Haus). Fahrzeuge aus der Volkswagen-Gruppe wie die ID-Serie oder die Cupras sind schon länger für die neue Speichertechnik gerüstet. Auch Nissan gilt als Vorreiter. 2025 wagten sich auch BMW, Mercedes-Benz und andere Hersteller auf den Markt vor.
Stefan Bertels fährt einen VW ID 3 und zwei VW-Elektrobullis (Buzz). Er hat ausgerechnet, dass ein Autospeicher mit einer Kapazität von 80 kWh unterm Strich eine zusätzliche Speicherkapazität fürs Haus von 10 kWh erbringt. Tagsüber sind die Autos unterwegs, und sie können nur bis auf 20 Prozent entladen werden, damit sie fahrtüchtig bleiben: Das sind Faktoren, die die Effizienz der mobilen Speicher einschränken.
Das bidirektionale System ist teurer als die herkömmliche Technik. Bertels brauchte ein Hauskraftwerk, ein Energiemanagementsystem, eine neue Wallbox. Alles zusammen kostete rund 15.000 Euro. Nach seiner Kalkulation erreicht er übers ganze Jahr gerechnet einen Selbstversorgungsgrad (Autarkie) von 80 bis 85 Prozent. Normale PV-Anlagen mit Speicher schaffen in unseren Breiten eine Autarkiequote von 60 bis 70 Prozent.
Bertels geht davon aus, dass er im Jahr etwa 600 Euro Stromkosten spart. Die Anlage wird sich nach seiner Rechnung nach sieben bis neun Jahren amortisiert haben. Stefan Essmann sagt, die Umrüstung einer herkömmlichen Anlage auf die bidirektionale Variante kostet etwa 5000 Euro.
Vorteilhaft ist ein E-Auto-Stromspeicher auch ohne Einspeisung ins eigene Haus – vorausgesetzt, man nutzt dynamische Stromtarife. Das Auto wird geladen, wenn der Strom besonders günstig ist, und ins Netz entladen, wenn der Strom teuer ist. So verdient das Auto im Stehen Geld.
Die Experten sind sich sicher, dass die V2H- und V2G-Technik in den nächsten Jahren zum Standard wird. Ab Mitte 2026 kommen serienreife Energiesysteme auf den Markt, sagt Tarik Guss. E3/DC ist dann mit seiner Technik nicht mehr allein auf dem Markt. Aber Guss bekommt Unterstützung von Elektromeister Essmann: „E3/DC ist sowas wie der Mercedes unter den Anbietern.“