Osnabrück Das Heizungsgesetz wackelt – und damit auch die Wärmeplanung in Osnabrück?
In Berlin wird ein Eckpunktepapier vorgelegt, das das Heizungsgesetz in Teilen kippen soll. In Osnabrück sorgt das für Verunsicherung. Welche Auswirkungen hat das auf die kommunale Wärmeplanung und die Klimaziele? Auf einer Podiumsdiskussion der Grünen hatte der Stadtwerke-Chef eine klare Haltung. Die nicht jedem gefiel.
Eigentlich sollte ab diesem Jahr das neue Heizungsgesetz gelten, laut dem nur noch Heizungen neu eingebaut werden dürfen, die mindestens 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden. Doch die schwarz-rote Regierung will dies kippen und hat ein viel diskutiertes Eckpunktepapier vorgelegt. Was bedeutet das nun für Hausbesitzer in Osnabrück und die kommunale Wärmeplanung, die die Stadtwerke mit viel Aufwand erstellt haben?
Antworten darauf gab es auf einer Podiumsdiskussion des Grünen-Stadtverbands. In der von Vorsitzendem Maximilian Strautmann moderierten Runde saßen auch Stadtwerke-Chef Daniel Waschow und Dorothea Ludwig, Expertin für Wärmeplanung beim Dienstleister IP Syscon.
„Die Verunsicherung durch das Eckpunktepapier ist schon bei den Menschen angekommen“, ärgerte sich Ludwig. Insbesondere Vermieter überlegten, nicht doch noch eine Gasheizung einzubauen. Die Wärmeplanung für Osnabrück, der Fahrplan zur Wärmewende, „müsste man im Grunde ganz neu rechnen“, da sie an das alte Heizungsgesetz gekoppelt sei. Sie schloss: Mit dem, was die Regierung nun plane, schaffe man die Klimaziele für die Hasestadt, wo 89 Prozent der Haushalte mit Gas heizen, nicht.
Daniel Waschow von den Stadtwerken antwortete: „Ich gebe Ihnen recht, dass das so ein bisschen wie eine Rolle rückwärts für die kommunale Wärmeplanung erscheint.“ Aber, betonte er, die Wärmeplanung stehe. „Wir wissen weiterhin, wo potenzielle Wärmequellen in der Stadt sind.“ Unbenommen von politischen Debatten. „Ich will es nicht schönreden, aber ich will sagen: Die Arbeit war nicht für die Tonne.“
Die Planung also ist geschafft, Waschow lenkte den Blick aber auf den zweiten Schritt, die Umsetzung. Und die Hürden auf dem Weg dahin. Eine: „Wir haben nicht genug Strom für den Haushaltswärmebedarf in der Stadt.“ Es bräuchte dafür 45 zusätzliche Windenergieanlagen, rechnete der SWO-Vorstandsvorsitzende aus. „Da kommen wir auch nicht heute oder morgen hin.“ Schnelle Heilsbringer gebe es in der Sache nicht, vielmehr müsse man alles zusammendenken, ob Strom, Biomethan oder Wasser. Vor allem brauche es Investitionen der Regierung.
Und diesbezüglich gebe es einen positiven Punkt im neuen Papier von Union und SPD: die Stärkung der Förderung von Wärmenetzen. „Es gibt kein Fernwärmeprojekt, das ohne Förderung wirtschaftlich ist, nirgends“, sagte Waschow. Wenn dieser Missstand nun aufgehoben werde, sei das eine sehr gute Nachricht für Osnabrück. In der Wärmeplanung stehen die Gebiete, die für den Ausbau von Nahwärmenetzen und den Bau von Fernwärmenetzen geeignet sind. Die Umsetzung könnten die Stadtwerke finanziell nicht allein stemmen.
Dorothea Ludwig: „Ich werde nervös, wenn gesagt wird, wir hätten noch genug Zeit. Osnabrück will 2040 klimaneutral werden, Deutschland 2045. Mit dem, was in dem Eckpunktepapier steht, werden wir die Klimaziele nicht erreichen. Wir brauchen ambitionierte Ziele!“ Ja, der Ausbau der erneuerbaren Energien sei eine Herausforderung: Man brauche Speichertechnologie, Netzausbau. Natürlich könne man da nicht nur auf Osnabrück schauen und die Stadt mit Windenergie vollpflastern. „Aber es gibt das Umland mit mehr freier Fläche, das kann man mitdenken.“ Statt nur zu sagen, was nicht gehe, brauche es Lösungen.
Waschow erklärte: „Ich will nicht falsch verstanden werden: Ich stimme Ihnen zu, dass wir uns nicht in die Hängematte legen sollten.“ Das Problem sei aber, dass die Energiewirtschaft die ganzen Investitionen nicht allein stemmen könne.
Statt jedem Eckpunktepapier hinterherzurennen, wolle er lieber an die Vernunft der Menschen glauben und daran, dass die Praxis und das tatsächliche Leben es in die richtige Richtung schieben. „Ich glaube, spätestens in den letzten Wochen, wenn nicht gar Jahren, hat jeder verstanden, dass das mit dem Gaspreis keine sichere Nummer ist.“
„Im Bereich der Ein- und Zweifamilienhäuser, im privaten Bereich, reden unsere Kunden gar nicht mehr vom Gas, das ist angekommen“, bestätigte Reiner Möhle. Möhle hat sich in seinem nach ihm benannten Unternehmen für Sanitär und Heizung vor allem auf moderne Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien spezialisiert. „Ja, im Vermietungsbereich sieht es anders aus, da die Umstellung von Mehrfamilienhäusern mit Etagenthermen teurer ist und die Nebenkosten ja vom Mieter getragen werden.“
Eine, die als lebendiges Beispiel dafür auf der Bühne saß, dass beides geht, war Ulrike Sensse. Sie hat das Haus, in dem sie selbst lebt und an weitere Parteien vermietet, komplett umgerüstet. „Wir müssen ins Machen kommen!“, forderte sie.
Daniel Waschow sagte, die Stadtwerke planen mit der Wärmepumpe als Lösung – in den Gebieten, die laut Wärmeplanung kein Potenzial für zentrale Netze haben. Doch er gab zu bedenken: Würden jetzt gleich alle wie Ulrike Sensse auf Wärmepumpe umstellen, würde das das Osnabrücker Stromnetz überlasten. „Da müssen wir erst investieren.“ Und dafür fehle, wie gesagt, das Geld.
Er ergänzte: „So schön Wärmepumpen sind: Diese auch in Gebieten, die für zentrale Wärmenetze geeignet sind, zu fördern, ist ökonomisch und ökologisch eine absolute Fehlsteuerung.“ Ökologisch mache es viel mehr Sinn, die Möglichkeiten, die es gebe, zu nutzen, etwa Energie aus Abwasser. Ökonomisch, weil: Wenn die Stadtwerke Wärmenetze gebaut haben und keiner schließt sich daran an, wäre das unwirtschaftlich.
Nach der Veranstaltung erklärte Waschow im Gespräch mit unserer Redaktion die baulichen Herausforderungen von Wärmenetzen, angefangen bei deren Größe über die Rekrutierung von Bauarbeitern bis hin zur Ausführung: „Straßen müssen in großer Dimension aufgerissen werden, das geht nur sozialverträglich.“ Unvorstellbar, dass die gesamte Innenstadt Baustelle sei, das sei nicht zumutbar für den Handel. Fazit: „Das ist eine Aufgabe von Jahren oder gar Jahrzehnten.“ Eine, die nach und nach anzugehen sei.