Osnabrück  Bauturbo ja, Tiny Houses nein? Osnabrück diskutiert über die Zukunft des Wohnens

Anke Laumann
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Von Anke Laumann
| 27.03.2026 05:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Verwaltung und Bürger diskutieren, wie in Osnabrück neuer Wohnraum geschaffen werden kann. Sabine Steinkamp (links) von der Kontaktstelle Wohnraum hat den Abend moderiert. Foto: Anke Laumann
Verwaltung und Bürger diskutieren, wie in Osnabrück neuer Wohnraum geschaffen werden kann. Sabine Steinkamp (links) von der Kontaktstelle Wohnraum hat den Abend moderiert. Foto: Anke Laumann
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8000 neue Wohnungen bis 2040: Osnabrück steht vor einer Mammutaufgabe. Beim Bürger-Workshop prallen Welten aufeinander: Während Tiny-House-Fans eine Absage kassieren, wächst die Verzweiflung bei der Suche nach Bezahlbarem.

Wie wollen die Osnabrücker wohnen? Wie sollen neue Wohnungen geschaffen werden? Welche Ideen gibt es für neue Wohnformen in der Stadt? Diese Fragen will die Stadtverwaltung nicht allein beantworten. Sie holt die Einwohner mit ins Boot. Am Dienstag, 24. März, ging es zwei Stunden lang in der VHS um ihre Sorgen, Nöte und Ideen.

Rund 40 Bürger aus Stadt und Landkreis sind zum Workshop gekommen. Einer von ihnen ist Jens Hestermann. Der 67-Jährige lebt mit seiner Frau in Widukindland auf 140 Quadratmetern. Als die drei Kinder klein waren, hat das gepasst. Jetzt sind die Kinder aus dem Haus und 140 Quadratmeter für das Paar zu viel. „Wir wollen uns verkleinern“, sagt Jens Hestermann. Aber wo und wie? Vielleicht, so seine Hoffnung, findet er beim Workshop Antworten.

Hestermann blickt auf eine der fünf Stellwände im Saal. Schwarz auf Braun steht dort das Stichwort „Genossenschaftliches Wohnen“. Jens Hestermann hat es eingeworfen. Dieses Modell kann er sich für seine Frau und sich vorstellen. Erste Überlegungen gibt es. Vielleicht schließen sich die Hestermanns auch einfach mit Freunden zusammen, zwei Paare in einem Haus. Eine Antwort auf seine Fragen findet der Osnabrücker an dem Abend nicht. Aber für ihn ist klar, dass er und seine Frau sich verändern werden. Sie wollen Platz machen für eine junge Familie.

Dieser Platz wird dringend benötigt, wie das Wohnraumversorgungskonzept zeigt. Es schlüsselt auf 220 Seiten auf, wie der Wohnungsbestand ist und wie er sich entwickeln muss, um den Bedarf zu decken. Bis 2040 werden in Osnabrück 8000 neue Wohneinheiten benötigt. 700 davon müssen nachgeholt, 4400 ersetzt werden. Und dann gibt es noch den errechneten zusätzlichen Bedarf von 2900 Wohneinheiten.

Sabine Steinkamp von der Kontaktstelle Wohnraum stellt diese und weitere Zahlen zu Beginn des Workshops vor. Sie sind die Grundlage für das neue Handlungsprogramm Wohnen, das die Stadt entwickelt. Es soll auf später eine Seite passen. „Wir machen einmal auf DIN A4 den großen Bogen auf“, sagt Steinkamp.

Die Teilnehmer diskutieren an diesem Abend zu vier Schwerpunkten: Wohnraum schaffen, preisgebundener geförderter Wohnraum, Bestand und Quartier sowie Zielgruppen. Steinkamp moderiert die Diskussion „Bestand und Quartier“. Schnell wird klar: Die Teilnehmer wollen schnellere und einfachere Bauverfahren. Sie wollen, dass die Stadt den Bauturbo zündet. Dabei handelt es sich um ein vereinfachtes Verfahren, um Wohnraum zu schaffen. Sabine Steinkamp bestätigt: Politik und Verwaltung stehen hinter dem Bauturbo. „Wir sind dabei, die ersten Projekte dafür zu prüfen.“

Auch der Leerstand von Gewerbe und Einzelhandel beschäftigt die Menschen. Könnte die Stadt nicht leerstehende Gewerbeflächen oder Ladenlokale zu Wohnungen umbauen? Steinkamps Antwort: So einfach ist das nicht. „Wir können nicht einfach sagen: Das steht leer, da kommt nun Wohnraum rein“, sagt sie und verweist auf rechtliche Vorgaben. Als Beispiel nennt sie die Einkaufsstraßen in der Innenstadt. Das Zentrum ist für Handel und Dienstleistungen vorgesehen, Wohnen ist erst ab der dritten Etage erlaubt.

Reiner Wolf hat noch eine andere Idee: Er wünscht sich eine Siedlung für Tiny-Häuser. Seit vergangenem Jahr beschäftigt er sich damit, hat schon erste Mitstreiter gefunden. Für ihn sind die Minihäuser ein probates Mittel, um auf kleinem Raum Wohnraum zu schaffen. Die Stadt sieht das anders. Sabine Steinkamp nennt Tiny-Häuser kleine Flächenfresser. Auf derselben Fläche könnte man mit einem Mehrfamilienhaus mehr Menschen Wohnraum geben. Deswegen werde es eine Tiny-Haus-Siedlung „in Osnabrück erstmal nicht geben“.

Wohnraum muss aber nicht nur geschaffen werden, er muss auch bezahlbar sein. Darum geht es vor einer anderen Stellwand. Eine Frau schreibt ihre Idee auf einen Zettel und pinnt sie mit einer Stecknadel an. Sie wünscht sich eine zentrale Internetseite, auf der alle geförderten Wohnungen in Osnabrück zu finden sind. Wie mühselig die Suche nach einer bezahlbaren Wohnung ist, merkt die 53-Jährige jeden Tag. Nach mehreren Wasserschäden und Schimmelbefall will sie aus ihrer Wohnung raus. Doch sie findet keine bezahlbare Alternative.

Die Osnabrückerin, die lieber anonym bleiben möchte, lebt von ihrer Erwerbsminderungsrente. Für sie kommt nur eine Wohnung für Menschen mit Wohnberechtigungsschein infrage. Dafür durchforstet sie regelmäßig die gängigen Immobilienseiten und Plattformen im Internet. Bislang ohne Erfolg. Die Osnabrückerin ist mit dem Workshop zufrieden. Sabine Steinkamp hat ihre Idee mitgenommen. Vielleicht findet sie sich im neuen Handlungsprogramm wieder.

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