Osnabrück  Mehr als nur ein Treff: Warum das Mädchenzentrum Osnabrück unersetzlich ist

Janis Sophie Grosser
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Von Janis Sophie Grosser
| 25.03.2026 11:12 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Female Empowerment steht im Fokus des Mädchenzentrums Osnabrück. Foto: Janis Sophie Grosser
Female Empowerment steht im Fokus des Mädchenzentrums Osnabrück. Foto: Janis Sophie Grosser
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Das Mädchenzentrum Osnabrück ist für viele Mädchen ein Fels in der Brandung. Sie finden hier Schutz und Hilfe – doch die Finanzierung bleibt ein stetiger Kampf.

Es gibt in Osnabrück einen Ort, der für viele Mädchen, die mit Armut und anderen Belastungen zu kämpfen haben, ein Anker ist: das Mädchenzentrum Osnabrück in der Süsterstraße. Ein Schutzraum, der täglich Hilfe, warme Mahlzeiten und ein kreatives Programm bietet – und dabei selbst Schutz baucht: Eine stetige Lücke in der Finanzierung bedroht das gewohnte alltägliche Angebot und zwingt die Einrichtung, Abstriche zu machen.

Es war ein Abschied, der eigentlich schon endgültig war. Die Erziehungswissenschaftlerin Mareike Pues „hatte schon ihren letzten Arbeitstag, hat den Schlüssel abgegeben, hatte sich von den Mädchen verabschiedet“, schildert die kaufmännische Geschäftsführerin Bianca Irmer. Ihre über das Land Niedersachsen finanzierte Projektstelle war ausgelaufen.

Doch dann kam die unerwartete Wende in Form einer Großspende von über 33.000 Euro der Fanszene des VfL Osnabrück. Das Team reagierte sofort: „Wir holen Mareike zurück.“ Für die Einrichtung ist das Geld ein Segen, „ein großer Batzen Geld“, wie Irmer es nennt, das die Stelle zumindest für ein weiteres Jahr sichert – auch wenn für die vollständige Finanzierung weiterhin 18.000 Euro fehlen. Ein Erfolg, doch nur auf Zeit.

Gerettet wurde damit weit mehr als nur ein Arbeitsplatz: Für viele junge Mädchen ein unverzichtbarer Ort der Begegnung und Geborgenheit. An vier Nachmittagen in der Woche ist der offene Treff geöffnet, mit einer Durchlaufzahl von 10 bis 15 Mädchen pro Tag. „Hier kann gespielt, gelacht, gesungen werden, alles, was die Besucherinnen so mitbringen an Bedürfnissen“, erklärt Pädagogin Hanna Krombach.

Dabei gelte eine eiserne Regel: Das Haus ist ein reiner Schutzraum, Jungen haben hier keinen Zutritt. Das mache einen gewaltigen Unterschied: „Es ist nicht wie in anderen Jugendtreffs, wo Jungs sind, wo es dann vielleicht Verbote gibt von Eltern“, weiß Bianca Irmer zu berichten. Gerade traditionell und religiös geprägte Elternhäuser schätzen diesen Ort.

Doch die heile Welt beim Basteln in der „Kleckerbude“ oder beim Nähen im Atelier kann nicht über die harte Realität vieler Besucherinnen hinwegtäuschen. Kinderarmut ist ein ständiger Begleiter. Beim gemeinsamen Kochangebot „Café Culinaria“ wird ein symbolischer Beitrag von 50 Cent erhoben. Die bittere Wahrheit dahinter: Die Betreuerinnen müssen „oft von den Mädchen auch hören, dass sie sonst nichts Warmes zu essen kriegen – und manchmal sind auch die 50 Cent schwierig“.

Genau aus diesem Grund sind ausnahmslos alle anderen Angebote im Haus komplett gratis. „Wir haben auch einen Schrank mit Periodenprodukten“, erklärt Irmer, „die Mädchen können hierher kommen und ihre Freizeit hier verbringen – ohne einen Cent Geld in der Tasche“. Nur so könne garantiert werden, dass alle Mädchen völlig losgelöst von ihren familiären Hintergründen „gleichberechtigt von diesem Angebot profitieren“.

Wenn die Sorgen der Mädchen über den normalen Schulstress hinausgehen, greift das professionelle Krisenmanagement der Fachkräfte. Es geht um psychische Belastungen, darunter auch selbstverletzendes Verhalten oder Essstörungen. Um andere Besucherinnen nicht zu belasten, gelten im offenen Treff klare Regeln: „Das sind einfach so Themen, wo wir sagen, das geht hier am Tisch nicht“, sagt Soziologin Elisa Flotmann.

„Dafür sind wir Fachkräfte da“, die sich dann mit den Mädchen in separate Beratungsräume zurückziehen. Dort werde auch ein Gegengewicht zu den sozialen Medien geschaffen, denn „TikTok und Instagram vermitteln kein realistisches Bild von Weiblichkeit“, betont pädagogische Geschäftsführerin Svea Kroes. Im Zentrum erleben die jungen Frauen echte, greifbare Vorbilder und lernen, das Smartphone auch mal ganz bewusst wegzulegen.

Trotz dieser elementar wichtigen Arbeit ist die Existenz der Einrichtung regelmäßig aufs Neue bedroht. Das Zentrum wird nur zu etwa 70 Prozent durch öffentliche Gelder refinanziert. Offene Jugendarbeit gelte oft als präventive „Kannleistung“ der Kommunen – und „präventive Maßnahmen sind die, die immer als erstes gekürzt werden“, so Svea Kroes. Die Folgen dieser chronischen Unterfinanzierung seien für die Mädchen bereits schmerzhaft spürbar.

„Der Freitagnachmittag ist schon geschlossen, weil wir einfach die nicht mehr die finanziellen Ressourcen haben, um fünf Tage in der Woche zu öffnen“, berichtet das Team wehmütig. Kroes stellt fest: „Offene Kinder- und Jugendarbeit ist zur heutigen Zeit immer auf Spendengelder angewiesen.“ Um den Kernbetrieb im eigenen Haus am Leben zu halten, musste auch die wichtige Außenarbeit an Schulen massiv zurückgefahren werden: „Momentan ziehen wir das alles zurück und konzentrieren uns hier auf die Kernarbeit, weil die Zeit nicht ausreicht“, so Irmer.

Entgegen all dieser Widerstände gibt das Team nicht auf. Ihr Antrieb ist eine tief verwurzelte feministische Haltung. Sie wollen den jungen Frauen zeigen, dass ihre Sorgen „kein individuelles Problem, sondern einfach ein systemisches Problem“ sind, erklärt Hanna Krombach, denn „wir leben nicht in einer gleichberechtigten Gesellschaft“, ergänzt Svea Kroes. Das Zentrum ermutige die Mädchen, ihre Stimme zu erheben und an sich zu glauben.

Für das Team ist die Arbeit mehr als nur ein Job, es ist eine Herzensangelegenheit, die Bianca Irmer treffend auf den Punkt bringt: „Ich kann sagen, als ich jung war, hätte ich mir ein Mädchenzentrum gewünscht – und deswegen kämpfe ich gerne um die Finanzierung. Das Mädchenzentrum Osnabrück hat als eines von drei in ganz Niedersachsen eine Leuchtturmfunktion – deswegen ist es wichtig, dass es erhalten bleibt.“

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