Osnabrück  Wie Gewalt an Grundschulen entsteht – und was Osnabrücker Senioren dagegen tun

Sandra Dorn
|
Von Sandra Dorn
| 23.03.2026 05:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Josef Niehenke ist einer von sechs älteren Menschen, die als „Seniorpartner in School“ an der Osnabrücker Stüveschule Konflikte zwischen Grundschülern schlichten - und ihnen zuhören. Ziel ist gegenseitiges Verständnis statt Gewalt. Foto: Tobias Saalschmidt
Josef Niehenke ist einer von sechs älteren Menschen, die als „Seniorpartner in School“ an der Osnabrücker Stüveschule Konflikte zwischen Grundschülern schlichten - und ihnen zuhören. Ziel ist gegenseitiges Verständnis statt Gewalt. Foto: Tobias Saalschmidt
Artikel teilen:

Bundesweit nimmt Gewalt an Schulen zu. In Osnabrück helfen engagierte Rentner, diese Entwicklung schon in Grundschulen zu stoppen. Warum die Stüveschule im Stadtteil Schinkel froh ist, dass sie diese „Seniorpartner in School“ hat.

Schimpfwörter, Schubsen, Tränen: Aggressionen an Schulen sind bundesweit ein wachsendes Problem. Aber warum eigentlich? Um die Ursachen zu verstehen, lohnt ein Besuch an der Stüveschule im Osnabrücker Stadtteil Schinkel. Dort wird auch klar, was bei der Lösung dieses Problems hilft.

Die Grundschule ist eine von acht in und um Osnabrück, an denen Senioren wie Josef Niehenke ehrenamtlich als Streitschlichter im Einsatz sind. Sie nennen sich „Seniorpartner in School“. Die Senioren bestrafen nicht und sie urteilen nicht. Sie hören zu. „Wann haben Erwachsene sonst mal eine bis zwei Stunden Zeit, den Kindern zuzuhören?“, sagt der 72-Jährige. Das Personal an Grundschulen hat sie oft nicht. Drei weitere Osnabrücker Schulen stehen bereits auf der Warteliste der „Seniorpartner“.

Die Stüveschule im Multikulti-Stadtteil Schinkel ist eine der Osnabrücker Grundschulen, an denen viele Herausforderungen im Schuleinzugsbereich zusammenkommen: schwache Deutschkenntnisse, Armut, Belastung durch Fluchterfahrungen oder beengte Verhältnisse zu Hause. „Die Belastungssituation in den Familien spiegelt sich eins zu eins bei den Kindern wider“, sagt Schulleiter Martin Igelmann.

Wenn etwas zu Hause die Kinder belastet, kann das zwei Folgen haben – leise oder laute: Manche Kinder reagieren mit Angst, Rückzug und Depression, erklärt Igelmann. Und andere Kinder reagieren mit Wut und Regelverletzungen. Beide Gruppen benötigen Unterstützung.

Genau hier setzen die Senioren an. Sie sind mehrmals wöchentlich zu verlässlichen Zeiten in einem „Raum der guten Lösungen“ in der Schule für alle Kinder ansprechbar, immer zu zweit. Ihr Team besteht an der Stüveschule aus sechs Rentnern. Manche Kinder kommen, weil sie gestritten haben, andere, weil sie sich nicht konzentrieren konnten und den Unterricht gestört haben. Alle kommen freiwillig.

Manchmal stecken kulturelle Unterschiede hinter einer Auseinandersetzung. Josef Niehenke hat ein einfaches Beispiel: Zwei Kinder gerieten in Streit, weil eines die Stifte des anderen genommen hatte. „Für das eine Kind war ganz normal: Was auf dem Tisch liegt, gehört allen“, schildert der 72-Jährige. „Bei dem anderen muss man vorher fragen, bevor man sich etwas nimmt.“ Gegenseitiges Verständnis und Empathie – auch das lernen die Kinder von den Rentnern.

Wie wichtig so ein Raum zum Zuhören und zum Reden ist, wird deutlich, wenn man sich die weiteren Herausforderungen der Schule genauer ansieht. Die Stüveschule ist vierzügig. Rund 300 Erst- bis Viertklässler werden im über 100 Jahre alten Schulgebäude an der Kreuzstraße unterrichtet, das für so eine Menge nie konzipiert worden war. Sowohl in den Klassenräumen als auch auf den beiden Schulhöfen geht es reichlich beengt zu. Es gibt an der Schule zwei Schulsozialarbeiterinnen und einen in Ausbildung.

„Zur Erziehung von Kindern braucht es ein ganzes Dorf“, betont Schulleiter Igelmann. „Man braucht Menschen, Platz und Zeit.“ Von allem hat die Stüveschule zu wenig – erst recht angesichts der Päckchen, die viele Kinder mitbringen. Dazu zählen auch mangelnde Konzentrationsfähigkeit und Entwicklungsverzögerungen. Das sind alles Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen. Auch die Osnabrücker Arche ist an der Schule präsent.

Seine Schüler bringen aber auch viele Stärken mit, wie Igelmann betont. Viele Kinder wachsen mit vielen Geschwistern auf. „Sie gehen sehr fürsorglich miteinander um“, sagt der Schulleiter. Das spürt jeder, der auch nur kurz zu Besuch in der Schule ist. Kinder halten einander im morgendlichen Gewusel die Tür auf, Große nehmen Kleine an die Hand.

Die Schule fördert das, wo sie nur kann. Beispielsweise zeichne sie jedes halbe Jahr Kinder mit einer „Hallo Partner“-Goldmedaille aus, die ihre Mitschüler besonders gut unterstützen, erläutert Igelmann. Ausgrenzung, weil ein Kind keine bestimmten Markenklamotten trägt, gibt es an der Stüveschule gar nicht, ergänzt Schulsozialarbeiterin Britta Szypulski.

Wenn ein Kind mit einem Wutausbruch reagiert, kann der Grund dafür sein, dass es sich einfach sprachlich nicht ausdrücken konnte. Sprachlich seien viele seiner Schüler schon sehr weit, sagt Schulleiter Igelmann – aber manche eben nur in ihrer Muttersprache. Türkisch, Arabisch, Urdu, Igbo, Fula, Usbekisch: Die Kinder brächten einen riesigen Sprachschatz mit. Viele müssen in der Schule aber nicht nur rechnen und schreiben lernen. Sie müssen auch Deutsch lernen.

Wenn es um Gewalt an der Schule geht, dann vor allem um verbale Gewalt, sagt Schulsozialarbeiterin Britta Szypulski. Und die sei ein Problem: Es fielen explizite Schimpfwörter, deren Bedeutung die Kinder oft gar nicht verstehen würden.

Bei Rangeleien zwischen Jungen würden zudem patriarchale Rollenbilder eine Rolle spielen, durch die viele Familien geprägt seien. Die Jungen würden zudem Szenen kopieren, die sie aus Videos beispielsweise bei Tiktok sehen. Zwar haben Smartphones an der Schule nichts zu suchen, aber im Alltag vieler Grundschüler spielen sie laut Szypulski eine Rolle.

„Das muss aufgebrochen werden durch Zeit“, sagt die Schulsozialarbeiterin. Und die Senioren um Josef Niehenke haben diese Zeit. Sie reden mit den Kindern darüber. Und diese lernen bei ihnen, Gefühle und Bedürfnisse auszudrücken. „Die Kinder erzählen ganz viel von sich“, berichtet Rentnerin Sabine Weber, die an der Grundschule Eversburg im Einsatz ist.

Wo Lehrkräfte und Schulsozialarbeiterinnen in Konflikten intervenieren und „Brände löschen“, wie es Britta Szypulski nennt, können die Senioren in die Tiefe gehen und mit den Kindern auch mal Spiele spielen. Und die Rentner haben auch etwas davon. „Man verliert nicht den Anschluss an die Gesellschaft“, sagt Sabine Weber. „Es hält einen wach und verbunden.“ Josef Niehenke betont: „Man bekommt viel zurück.“

Ähnliche Artikel