Osnabrück  Mehr Tatverdächtige unter 14 Jahren: „Kinder werden teilweise sich selbst überlassen“

Michael Clasen, Finn L. Streckwaldt
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Von Michael Clasen, Finn L. Streckwaldt
| 21.03.2026 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Friedo de Vries war sieben Jahre lang Präsident des Landeskriminalamtes Niedersachsen. Seit Sommer 2025 ist der Polizeipräsident der Polizeidirektion Osnabrück. Foto: Quelle: Polizei Osnabrück
Friedo de Vries war sieben Jahre lang Präsident des Landeskriminalamtes Niedersachsen. Seit Sommer 2025 ist der Polizeipräsident der Polizeidirektion Osnabrück. Foto: Quelle: Polizei Osnabrück
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Befeuert Social Media die Kinder- und Jugendkriminalität im Nordwesten? Im Interview spricht Polizeipräsident Friedo de Vries zudem über die hohe Aufklärungsquote seiner Direktion und die Frage, warum Messerangriffe weiter zunehmen.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik der Polizeidirektion Osnabrück steht zwischen Licht und Schatten: Während die Gesamtzahl der Straftaten zurückgeht, nehmen Messerangriffe im Nordwesten zu. Auch die Zahl tatverdächtiger Kinder ist gestiegen. Polizeipräsident Friedo de Vries erklärt die Hintergründe – und welchen Einfluss Social Media auf das Bild der Polizei bei Jugendlichen hat.

Frage: Die Statistik zeigt einen Rückgang der Kriminalität in der Region. Ist das ein Erfolg für die Polizei?

Antwort: Ja, ich finde schon. Wir haben einen Rückgang an Straftaten um zwei Prozent. Mit rund 81.500 Straftaten sind das knapp 2000 Straftaten weniger als im Vorjahr. Wenn man 20 Jahre zurückschaut, haben wir in 2025 sogar 23.000 Straftaten weniger registriert. Das ist eine Entwicklung, die ich sehr positiv sehe. Wir haben eine hohe Aufklärungsquote. Zwei von drei Taten konnten wir aufklären. Das ist ein Spitzenwert in Niedersachsen. Insgesamt eine sehr gute Bilanz.

Frage: Aber?

Antwort: Das sind nur die uns bekannt gewordenen Straftaten. Wir wissen aus Dunkelfeldbefragungen, dass lediglich jede dritte Straftat im Schnitt angezeigt wird. Aber auch die nicht angezeigten Straftaten und insbesondere das Sicherheitsgefühl der Menschen in der Region sind ein Punkt, den wir in unsere Lagebewertung mit einbeziehen.

Frage: Beim Sicherheitsgefühl denkt man schnell an Messerangriffe. Auch im Nordwesten haben sie zugenommen. Wie erklären Sie das?

Antwort: Wir haben einen Anstieg von 341 Taten in 2024 auf 438 Taten gehabt. Das ist im Vergleich auf Landesebene noch auf einem niedrigeren Niveau als in anderen Regionen. Dennoch sehen wir das mit Sorge.

Antwort: Messer sind ein Thema, das uns stark beschäftigt und zu großer Verunsicherung führt. Die niedersächsische Innenministerin Daniela Behrens hat eine Verordnung angekündigt, für den ÖPNV entsprechende Verbote für Niedersachsen zu verhängen. Wir müssen hinterfragen, warum so viele ein Messer mit sich führen – und den Trend drehen.

Frage: Laut Statistik ist die Zahl von tatverdächtigen Kindern unter 14 Jahren gestiegen. Wie viel Handlungsspielraum hat die Polizei bei kriminellen Kindern?

Antwort: 2024 waren es bei uns noch 1631 tatverdächtige Kinder, im vergangenen Jahr 1779. Unser Handlungsspielraum bei der Repression ist eingeschränkt, wenn wir von unter 14-Jährigen sprechen, weil es die Strafunmündigkeit gibt. Die Debatte dazu würde ich gar nicht befeuern wollen. Es geht nicht nur um Strafen, sondern um Prävention. Warum werden sie kriminell, warum geraten sie in diese Situation? Das hat neben individuellen Persönlichkeitseigenschaften Bezüge zu prekären Lebenslagen, zu Armut, zu dysfunktionalen Familien.

Frage: Welche Akteure müssten sich da einschalten?

Antwort: Es heißt ja so schön: Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf. So ähnlich ist es auch mit der Prävention. Medienkompetenz bei jungen Menschen ist ein besonderes Thema, aber es braucht neben der Polizei weitere Akteure. Da sind NGOs mit dabei und auch die Schulen, vor allem aber das Elternhaus. Gerade wenn es um soziale Medien geht, werden die Kinder teilweise sich selbst überlassen. Dort treffen sie auf Menschen, die Emotionen hervorrufen, die triggern und mit entsprechenden Videos oder kurzen Beiträgen das Bewusstsein wirklich stark beeinflussen. Und so werden Kinder aus Neugier und Arglosigkeit schnell Opfer.

Antwort: In einer Veranstaltung hatte ich die Möglichkeit, mit mehreren Jugendlichen über ihr Bild auf die Polizei zu sprechen. Ich war erschrocken, wie negativ dieses war. Das speiste sich im Wesentlichen aus verkürzt und aus dem Zusammenhang gerissenen Tiktok-Videos. Diese stammen aus Einsatzsituationen gar nicht hier in unserer Region. Solche Darstellungen können sich schnell zu einer Vertrauenskrise zwischen jungen Menschen und der Polizei ausweiten. Es ist nicht leicht dagegen anzuarbeiten, wenn bewusst mit Falschinformationen zulasten der Polizei gearbeitet wird. Vertrauen der Menschen in unsere Arbeit ist der Kern aller Anstrengungen. Diese Zerrbilder und auch gezielte Desinformationen im Netz aufzubrechen, steht bei uns weit oben auf der Agenda.

Frage: Ist Social Media eine Ursache für die wachsende Kinder- und Jugendkriminalität?

Antwort: Social Media spielt bei digitaler Kriminalität junger Menschen eine immer größere Rolle. Besonders das Verbreiten pornografischer Inhalte über Plattformen wie Snapchat oder Whatsapp nimmt bei uns deutlich zu. Deswegen halte ich die aktuelle Debatte über den Zugang für wichtig.

Antwort: Wir wissen von bestimmten Challenges, die es auf Tiktok und anderen Kanälen gibt, dass sich dadurch junge Menschen angestachelt fühlen, sich zu messen und hervorzutun, bewusst unter Inkaufnahme von Gefahren für sich selbst und für andere. Kinder brauchen einen besonderen Schutz – im digitalen wie analogen Raum. Für ein sicheres Aufwachsen unserer Kinder zu sorgen, halte ich für die grundlegendste Aufgabe unserer Gesellschaft.

Frage: Kriminalität im digitalen Raum ist eine wachsende Herausforderung. Hinkt die Polizei den Verbrechern hinterher, was die Bekämpfung von Straftaten im Netz angeht?

Antwort: Wir bewegen uns natürlich auf dem Boden der geltenden rechtlichen Möglichkeiten. Da spielen das Thema Datenschutz und Persönlichkeitsrechte eine große Rolle. An diese Regeln halten sich Kriminelle nicht. Ja, ich sehe vor dem Hintergrund der Entwicklung der Kriminalität im digitalen Raum, Einsatzmöglichkeiten für die Polizei fortlaufend einem Check zu unterziehen. Die Welt der Kriminellen dreht sich schnell – unsere Ermittlungsmöglichkeiten müssen das Tempo mitgehen können.

Antwort: Wir haben es gerade im digitalen Raum mit immer neuen Begehungsformen von Straftaten zu tun. Wir bearbeiten Sachverhalte in der Region, die nicht lokal zu klären sind, sondern überregionale, teils internationale Zusammenarbeit erfordern. Täter sind hochmobil, begehen heute Morgen in Oldenburg, mittags in Nordhorn, nachmittags in Hildesheim und abends in Magdeburg Straftaten. Um diese Taten aufzuklären, reicht der Ansatz des klassischen Dorfsheriffs – den es unbedingt ebenso weiter braucht – nicht aus. Wir brauchen den Zugriff auf Daten und wirksame Analyseinstrumente. Das Thema Digitalisierung nimmt gerade erst richtig Fahrt auf. Deshalb ist mir Vertrauen in die Integrität unserer Polizei so wichtig: Nicht wir müssen eingehegt werden, sondern die Kriminellen.

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