Osnabrück  Tony Lesueur: Erst Elite-Fußballschule, dann Honigfabrik – nun Profi beim VfL Osnabrück

Benjamin Kraus
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Von Benjamin Kraus
| 19.03.2026 18:15 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Mit Schnelligkeits-Vorteilen auf der Schiene: Tony Lesueur lässt in dieser Szene Kevin Volland (1860 München) stehen. Foto: imago/osnapix
Mit Schnelligkeits-Vorteilen auf der Schiene: Tony Lesueur lässt in dieser Szene Kevin Volland (1860 München) stehen. Foto: imago/osnapix
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Mit 23 Einsätzen, zwei Toren und vier Vorlagen hat sich Tony Lesueur in dieser Saison beim VfL Osnabrück etabliert. Wie der 25-Jährige über Umwege den Sprung in den bundesweiten Profifußball zum Tabellenführer der 3. Fußball-Liga geschafft hat.

Er kam erst Mitte Juli aus der Regionalliga als vorletzter Neuzugang zum VfL Osnabrück, galt als eher unbeschriebenes Blatt – inzwischen ist Tony Lesueur eine feste Größe im Kader des Drittliga-Tabellenführers. Ausdauer, Fleiß und eine stets positive Grundeinstellung haben ihn dorthin gebracht. Vor drei Jahren war das nicht absehbar: Damals arbeitete der Franzose noch in der Honigfabrik des Hauptsponsors des BSV Rehden – und stieg mit den Fußballern aus der Regionalliga ab.

„Diese Zeit hat mich geprägt: Ich habe gelernt, was es heißt, zu arbeiten – das hatte ich noch nie in meinem Leben zuvor gemacht“, erinnert sich Lesueur an die Saison 2022/23, als er dreimal die Woche von 6 bis 14 Uhr einfache Tätigkeiten in der Produktion des Honig-Unternehmens aus Bremen übernahm, ehe es zum Training in die Provinz nahe des Dümmer Sees ging. Es war ein harter Start für den damals 22-Jährigen in Deutschland – das Wissen darum, ihn gemeistert zu haben, gibt ihm bis heute Kraft.

Geboren in einem Pariser Vorort als Sohn von Einwanderern aus dem französischen Übersee-Departement Guadeloupe, begann Lesueur in seinem Heimatstädtchen Chambly als Fünfjähriger mit dem Fußballspielen. Dort fiel sein Talent auf: Mit 13 Jahren gehörte er zu den Auserwählten, die am berühmten Förderzentrum INF Clairefontaine trainieren durften – auf den Spuren von Thierry Henry oder Kylian Mbappé. Lesueur lernte früh, abseits des elterlichen Hauses zu wohnen: So war der Sprung zwei Jahre später zum Traditionsklub FC Sochaux nahe der Grenze zur Schweiz kein Problem – zumal ihn zum dortigen Fußballinternat viele Bekannte aus Paris begleiteten.

„Wir hatten viel Spaß beim Kicken, im Alltag und bei den Zugfahrten zurück nach Paris“, erinnert sich Lesueur an jene fünf Jahre bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie, die er unter anderem zusammen mit Maxence Lacroix verbrachte: Der ebenfalls aus dem Raum Paris stammende Innenverteidiger, der heute für Crystal Palace in London spielt, stand von 2020 bis 2024 beim VfL Wolfsburg unter Vertrag – und vermittelte Lesueur im Sommer 2021 ein zweiwöchiges Probetraining beim niedersächsischen Noch-Erstligisten.

Damals entschied sich Lesueur für einen Verbleib beim Heimatverein FC Chambly, mit dem er im Folgejahr allerdings aus der 3. Liga abstieg. Viertklassig wollte er in Frankreich nicht kicken – so stand die Frage im Raum: Was nun? „Ich habe den Fußball in Deutschland immer bewundert. Und ich wollte mal was komplett Neues machen, mal raus aus Frankreich“, erklärt Lesueur, wieso er aus der Vereinslosigkeit im September 2022 das Abenteuer Rehden in der niedersächsischen Provinz wagte.

Erstmals allein ohne Familie und Freunde, eine fremde Sprache, Honigfabrik, Abstieg, das Bestehen seitens des BSV auf Erfüllen des Zweijahresvertrags auch in der Oberliga: Lesueur machte das Beste daraus, brachte Konstanz in seine Leistungen, spielte und traf regelmäßig. Der Durchbruch gelang ihm in der vergangenen Saison, zurück in der Regionalliga Nord, mit vier Toren und 13 Vorlagen als Stammspieler des 1. FC Phönix Lübeck.

„Mir ist er erstmals aufgefallen bei einem Regionalligaspiel zwischen Bremen II und Lübeck zu Beginn des Jahres“, sagt Daniel Latkowski, Technischer Direktor des VfL. „Eigentlich wollte ich einen Werder-Spieler beobachten – dann war da aber beim Gegner einer, der im Spielverlauf auf drei verschiedenen Positionen stark performt hat und mit Tempo und Dribbelstärke überzeugt hat.“

Ein Check in einschlägigen Datenbanken ergab, dass die Werte von Lesueur gar nicht mal so herausragend waren – so tauschte sich Latkowski mit Kevin Samide aus. Der VfL-Scout für den Norden kannte Lesueur schon aus Rehdener Zeiten, teilte das positive Urteil über den Franzosen – und stellte weitere Nachforschungen an. Samide fand heraus, dass Lesueur die Lübecker gegen eine kleine Ablöse im Sommer verlassen kann. Als auch der persönliche Austausch mit Trainer Timo Schultz und Joe Enochs als Direktor Fußball des VfL positiv verlief, schlugen die Osnabrücker zu.

„Der Trainer hat mir stets gesagt, dass er mich Schritt für Schritt aufbauen will. Das hat er getan: Ich habe immer wieder Einsatzzeiten bekommen“, sagt Lesueur, der aber auch zugibt: „Am Anfang war es hart. Dritte Liga ist anders bezüglich Intensität, Tempo, Technik und auch Taktik.“ An seinen ersten Einsatz an der Bremer Brücke beim 2:0-Sieg gegen Saarbrücken erinnert er sich genau – und natürlich an sein erstes Tor beim 5:3-Sieg in Ulm, erzielt bei seiner Startelf-Premiere, direkt in der zweiten Minute.

„Vor dem Spiel hatte mir der Trainer gesagt: Wenn wir rechts durchkommen, sprintest du als linker Schienenspieler durch“, erinnert sich Lesueur – beim ersten Angriff hatte das geklappt, woran es in jener Phase in den Spielen zuvor etwas gemangelt hatte. „Tony ist sehr wissbegierig, fragt immer, was er machen kann, um noch besser zu werden“, sagt Schultz. Der Trainer sieht eine sehr positive Entwicklung hinsichtlich Stabilität und Seriosität beim 25-Jährigen und freut sich über die Variabilität des Linksfußes, den er schon auf beiden Schienen sowie auf den Positionen hinter der Sturmspitze eingesetzt hat.

„Für seinen nächsten Schritt liegt es auch an uns, eine Idealposition für ihn zu bestimmen und ihn dort noch zielgerichteter auszubilden“, wagt der Trainer einen Blick nach vorn – wobei diese Entscheidung auch abhängig von der Liga-Zugehörigkeit sein könnte. Unter Vertrag beim VfL steht Lesueur auch in der kommenden Saison, bleiben soll er auf jeden Fall. „In Lübeck hatte ich auf der Zehn mit allen Freiheiten ein Super-Jahr, aber in der 3. Liga fühle ich mich auf der linken Schiene auch sehr wohl. Ich habe auch schon Sechser, Achter und Außenverteidiger gespielt“, ist Lesueur offen für viele Optionen.

Der 25-Jährige hat schon viel erlebt in seiner Karriere, einige Täler durchschritten – aktuell schwebt er mit dem VfL auf Wolke sieben. „Es fühlt sich so leicht an, eine fast schon euphorische Grundstimmung. Aber wir müssen genauso hart weiterarbeiten“, sagt der 25-Jährige, der mit seinen Teamkollegen in einem Gemisch aus Englisch und Deutsch kommuniziert. Französisch wird gesprochen, wenn ihn seine Familie besucht: Gegen Schweinfurt am 4. April wollen erstmals beide Eltern mit seinem Bruder und seiner Schwester zu einem Heimspiel im Stadion sein.

„Von ihnen habe ich gelernt, das Leben mit einem Lächeln anzugehen und positiv zu sein“, sagt Lesueur. Wer dann noch so viel Geduld mitbringt wie er, hat gute Voraussetzungen, seine Ziele im Leben irgendwann zu erreichen.

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