Medizin MVZ in Wiesmoor – das steckt hinter der Übergabe
Nachdem Tim Möller die frühere MVZ-Praxis in Wiesmoor übernommen hat, ordnet MVZ-Chef Thomas Hohlfeld die Lage ein und blickt in die Zukunft: Gibt es eine Lösung für den Ärztemangel in Wiesmoor?
Wiesmoor - Erst einmal ist es eine gute Nachricht, dass die ehemalige unfallchirurgisch‑orthopädische Praxis des Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) Aurich-Norden in Wiesmoor erhalten bleibt: Tim Möller führt sie seit dem 1. März 2026 in Eigenregie weiter. Doch dass das MVZ den Standort abgibt, kam für viele überraschend. Auch Wiesmoors Bürgermeister Sven Lübbers (parteilos) hätte es lieber gesehen, wenn das MVZ sein Engagement in der Blumenstadt verstärkt hätte.
Der neue MVZ-Geschäftsführer Thomas Hohlfeld erklärt nun, warum das MVZ Aurich‑Norden die Zweigstelle abgibt – und welche Grenzen er bei der Versorgung auf dem Land sieht. Für Hohlfeld bedeutet die Abgabe der Praxis keinen Rückzug aus Wiesmoor – im Gegenteil: „Für Wiesmoor ist es eine gute Lösung“, sagt Hohlfeld. Hätte Tim Möller die Übernahme abgelehnt, hätte das MVZ die Außenstelle nach seinen Worten „ganz normal weitergeführt“.
So kam es zur Übergabe der Praxis in Wiesmoor
Doch was steckt hinter der Übergabe der Praxis? Hohlfeld erzählt von seinem Start „in einer Krisensituation“: Als er im Frühjahr 2025 die Geschäftsführung übernahm, habe das MVZ bei einem Defizit von mehr als 1,3 Millionen Euro gelegen. Der Druck sei groß gewesen, die Kosten zu senken und schnell eine Perspektive zu entwickeln.
Deshalb habe zunächst die wirtschaftliche Stabilisierung des gesamten MVZ im Vordergrund gestanden – und damit verbunden die Neuordnung der Chirurgie. Die Abgabe der Wiesmoorer Zweigstelle sei dabei kein spontaner Alleingang gewesen, sondern Teil der laufenden Planung, sagt Hohlfeld. Das Vorhaben sei dem MVZ-Beirat als Bestandteil des neuen Wirtschaftsplans vorgelegt worden. Das Gremium habe zugestimmt.
Rolle des MVZ bei Versorgungslücken
MVZ und Landkreis hätten Möller in der Zeit der Umstellung „so gut es geht unterstützt“ und ihm die Ausstattung überlassen, so Hohlfeld. Die Patienten in Wiesmoor haben davon wenig mitbekommen. Die Praxis blieb lediglich vom 19. Februar bis zum 8. März 2026 wegen der notwendigen Systemumstellung geschlossen, bevor sie am 9. März 2026 wieder öffnete.
Inzwischen, sagt Hohlfeld, arbeite das MVZ kostendeckend. Nun wolle er den Blick wieder stärker auf die Versorgung vor Ort richten – und unter anderem das Gespräch mit Wiesmoors Bürgermeister aufnehmen. Denn Hohlfeld steht zu der Aufgabe des MVZ: Es soll dort einspringen, „wo sich keine reguläre Versorgung ergibt“. Warum das Thema in Wiesmoor so sensibel ist, zeigt ein Blick auf die Versorgungslage.
Ärztemangel in Wiesmoor: Hausärzte am Limit, HNO-Praxis geschlossen
Hausärzte berichten von hoher Auslastung. Viele Praxen können kaum noch neue Patienten aufnehmen. Darüber hinaus ist die HNO‑Praxis von Winfried Pelle an der Hauptstraße seit Ende 2023 geschlossen. Ein Nachfolger ist bislang nicht in Sicht. Auch bei der einzigen Frauenarztpraxis im Ort bleibt es schwierig.
Seit dem Tod von Dr. Hans‑Joachim Dresler im Februar 2024 läuft der Betrieb nur übergangsweise weiter. Die Praxis gilt als Außenstelle von Dr. Bernd Schwitters aus Esens. Dorthin kommt der frühere Auricher Gynäkologe Manfred Reder an zwei Vormittagen pro Woche. Reder hatte seine eigene Praxis Ende 2018 aus Altersgründen geschlossen – damals war er 71. Eine Dauerlösung ist das also nicht – die Nachfolge ist weiter offen.
Was muss passieren, damit das MVZ helfen kann?
Genau hier stellt sich die Frage, wann ein MVZ überhaupt helfen kann – und wann nicht. Das sind klassische Situationen, in denen medizinische Versorgungszentren einspringen, sagt Hohlfeld: Dann senken sie die Hürde und stellen Ärzte an. So müssen sie sich nicht gleich selbstständig machen und eine Praxis mit Personal, Abrechnung und Technik allein stemmen.
Doch dafür müssen mehrere Voraussetzungen erfüllt werden. Hohlfeld nennt drei: Das MVZ wird dann aktiv, wenn es einen freien Kassensitz gibt, also eine Zulassung für Kassenpatienten. Darüber hinaus sind geeignete Räume für eine Praxis und vor allem ein Arzt notwendig, der sich vorstellen kann, die vorhandene Lücke zu füllen.
Ärztemangel trotz steigender Arztzahlen: Warum die Statistik täuscht
Genau bei den verfügbaren Ärzten werde es auf dem Land oft eng, sagt Hohlfeld und spricht von einem Ärztemangel. Mit „Ärztemangel“ ist dabei nicht gemeint, dass es in Deutschland insgesamt immer weniger Mediziner gibt – im Gegenteil: Nach Zahlen der Bundesärztekammer ist die Zahl der berufstätigen Ärzte bis Ende 2024 weiter gestiegen – auf rund 437.200. Seit 1990 entspricht das einem Plus von mehr als 83 Prozent.
Trotzdem sprechen viele von einem Ärztemangel, weil die Statistik kaum zeigt, wo Ärztinnen und Ärzte arbeiten – und wie viel Arztzeit am Ende für Patienten übrig bleibt. Beim Deutschen Ärztetag 2022 in Bremen hat die Bundesärztekammer vor wachsenden Engpässen gewarnt: Viele Mediziner stehen vor dem Ruhestand. Gleichzeitig steigt der Bedarf in einer älter werdenden Gesellschaft.
KVN über freie Arztsitze im Landkreis Aurich
Zudem wächst die Teilzeit. Es braucht also mehr Köpfe für dieselbe Versorgung. Und gerade auf dem Land bleiben Sitze oft lange unbesetzt, weil sich für viele Praxen schlicht keine Nachfolger finden: Junge Ärztinnen und Ärzte entscheiden sich häufiger für eine Anstellung statt für die Selbstständigkeit – und ziehen eher in größere Orte, wo Arbeitszeiten, Familie und Infrastruktur leichter planbar sind.
Gibt es also keine Lösung für den Engpass in Wiesmoor? Dieter Krott von der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) beschreibt zunächst die aktuelle Situation – allerdings nicht nur für Wiesmoor, sondern für den gesamten Landkreis Aurich und die Stadt Emden. Allein in der hausärztlichen Versorgung sind nach Krotts Angaben derzeit 13 Sitze unbesetzt: acht Sitze im Altkreis Aurich, fünf im Altkreis Norden.
Bedarfsplanung und Realität: Wiesmoors Problem
Auch bei Fachärzten gibt es Lücken, etwa bei den Hals‑Nasen‑Ohren‑Ärzten. Krott sagt aber auch: Selbst wenn Sitze besetzt werden können, heißt das noch nicht, dass sich Ärzte ausgerechnet in Wiesmoor niederlassen. Die Sitze werden regional geplant. Ob am Ende jemand nach Wiesmoor kommt oder sich woanders im Planungsgebiet niederlässt, kann die KVN nicht steuern.
Ein weiteres Problem: Auf dem Papier kann die Versorgung stimmen – und trotzdem bekommen die Patienten keinen Termin. Krott sagt offen: „Nicht immer entspricht die Bedarfsplanung dem wirklichen Bedarf.“ Als Beispiel nennt er die Gynäkologie: In der Planung gelten momentan alle Sitze als besetzt. Trotzdem hätten viele Frauen Probleme, zeitnah einen Termin zu bekommen.
KVN setzt auf Entlastung der Praxen
Die Stellschrauben der KVN bei diesem Problem seien jedoch begrenzt: Über zusätzliche Sitze entscheidet nach Krotts Angaben nicht allein die KVN, sondern ein Ausschuss aus KVN und Krankenkassen. „Wir haben bereits auf das Problem hingewiesen“, so Krott. Doch wie können MVZ und KVN mit den Städten und Gemeinden Lösungen finden? Einen Königsweg sieht Krott nicht – er spricht von einem „Strauß an Lösungen“.
Kurzfristig gehe es vor allem darum, Ärztinnen und Ärzte zu entlasten und die vorhandene Zeit besser zu nutzen: Die KVN unterstütze es, medizinische Fachangestellte zu ärztlichen Assistenten weiterzubilden, damit sie etwa bei der Wundversorgung oder bei Besuchen in Pflegeheimen helfen können. Auch eine Videosprechstunde könne Zeit sparen.
Gegen Ärztemangel: Assistenten, Videosprechstunde, Landarztquote
Langfristig setzt die KVN auf mehr Nachwuchs: Krott fordert mehr Studienplätze und verweist darauf, dass es an Bewerbern nicht fehle. Auf 80 Studienplätze an der Universität Oldenburg kämen leicht 1000 Bewerbungen. Um Nachwuchs für ländliche Regionen zu gewinnen, gibt es laut Krott Programme wie die Landarztquote in Niedersachsen.
Jedes Jahr werden 60 Medizinstudienplätze an Bewerber vergeben, die sich verpflichten, nach Studium und Weiterbildung zehn Jahre als Hausarzt in ländlichen Bedarfsregionen zu arbeiten. Ähnliche Stipendienprogramme gibt es nach Krotts Angaben auch bei Kommunen – etwa im Landkreis Leer oder in der Gemeinde Dörpen im Emsland. Doch diese Programme sind eine Investition in eine entfernte Zukunft. Denn vom Studienstart bis zum fertig ausgebildeten Arzt vergehen laut Krott im Schnitt rund zwölf Jahre.
Wiesmoor hat ein solches Programm nicht. Die Stadt ist also auf lange Sicht darauf angewiesen, dass sich Ärzte von sich aus für den Ort entscheiden. Erst dann kann das MVZ aktiv werden, bestätigt Hohlfeld. Ein Gesundheitszentrum „auf Verdacht“ könne man nicht einfach einrichten. „Aber wir können Strukturen bereitstellen und eine Praxis ausstatten, wenn ein Arzt gefunden wurde.“