Ravensburg Fahrradbranche in der Krise: Volle Lager und Rabatte erschweren Händlern die Arbeit
Volle Lager, hohe Rabatte: Die Fahrradbranche steckt seit Jahren in der Krise. Das freut Käufer, bringt Händler aber in Not. Nun gibt es eine Prognose, wann die Zeit der Schnäppchen vorbei sein könnte.
Die Talfahrt der Fahrradbranche hat auch im dritten Jahr in Folge angehalten. Die Vorstellung, dass mit den Höhenflügen während der Corona-Jahre ein „neues Normal“ anbreche, habe sich als falsch erwiesen, sagt Burkhard Stork, Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV), bei der Veröffentlichung der Branchenzahlen 2025. Als Ergebnis steht ein Umsatzrückgang von 7,7 Prozent auf 5,85 Milliarden Euro. Zum Vergleich: 2022 hatte die Branche noch 7,36 Milliarden Euro umgesetzt.
Die Stückzahl der verkauften Räder ging dabei von 3,9 auf 3,8 Millionen zurück. Ins Gewicht fiel zudem der Preisrückgang bei E-Bikes. Wurden diese im Jahr 2024 noch für durchschnittlich 2650 Euro verkauft, waren es 2025 nur noch 2550 Euro – ein Minus von 3,8 Prozent.
Herkömmliche Fahrräder konnten ihr Preisniveau mit 500 Euro halten. Hier stützte der sportliche Trend zu hochwertigen Renn- und Gravelrädern den Schnitt. 53 Prozent aller in Deutschland verkauften Fahrräder sind inzwischen elektrisch unterstützt.
Wie schon in den Jahren zuvor sahen sich die Händler in nahezu allen Preissegmenten zu hohen Rabatten gezwungen, weil der Markt die Verwerfungen im Zuge der Corona-Pandemie noch immer nicht verdaut hat.
Damals konnten Hersteller und Händler die riesige Nachfrage nach Fahrrädern wegen begrenzter Produktionskapazitäten und unterbrochener Lieferketten zuerst nicht bedienen. Als sich der Stau dann auflöste und Unmengen an Fahrrädern auf den Markt drängten, war plötzlich die Kaufbereitschaft der Kunden nicht mehr da.
Seitdem machen übervolle Lager, hohe Rabatte und Liquiditätsengpässe Herstellern und Händlern das Leben schwer. „Die Radläden sind vollgelaufen. Ich kenne Fahrradhersteller, die haben Festzelte auf dem Hof aufgebaut, um die Ware zu lagern“, sagt Dirk Zedler, stellvertretender Vorsitzender des Branchenverbands Zukunft Fahrrad.
Das größte Problem hoher Lagerbestände ist, dass sie viel Geld binden. Im Normalfall werden Räder gekauft, vorfinanziert und beim Verkauf der Räder die Kasse wieder gefüllt. Doch je länger Räder oder Teile im Lager verbleiben, desto problematischer werden Finanzierung und Kapitaldienst.
Die Konsequenz: Seit Monaten halten Meldungen über Arbeitsplatzabbau, Insolvenzen, Übernahmen und Standortschließungen die Branche in Atem. „Wir registrieren eine noch nie dagewesene Größenordnung von Geschäftsaufgaben“, sagt Ulf-Christian Blume von „53-elf“, einer Unternehmensberatung für die Fahrradbranche, im Gespräch mit der Redaktion.
Ob die Lagerbestände im laufenden Jahr auf Normalmaß abverkauft werden können – darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Uwe Wöll, Geschäftsführer des Fahrradfachhandelsverbands Verbund Service und Fahrrad (VSF), ist optimistisch. „Wir sind noch nicht dort, wo wir hinwollen. Aber jetzt sinken die Lagerbestände wirklich“, sagt er.
Die Lagerdrehzahl, eine betriebswirtschaftliche Größe, die angibt, wie oft der Lagerbestand im Jahr gefüllt und wieder geleert wurde, liegt aktuell bei 1,7. Normal sind Werte nahe drei. Wahr ist aber auch: Man hatte das Thema schon im Jahr 2024 abräumen wollen. „Doch der Abbau der Lagerbestände hat viel, viel länger gedauert als gedacht“, gibt Wöll zu.
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Andere, wie Unternehmensberater Blume, sind nicht so optimistisch. Für die vom VSF vertretenen Fachhändler, die in höherpreisigen Segmenten unterwegs sind, mag das zutreffen, sagt er. Bei Händlern, die vornehmlich das Einstiegssegment bedienen, sei die Lage angespannter.
Für Dirk Zedler stellt sich zudem die Frage, ob die zum Teil zwei, drei Jahre alten Räder überhaupt noch einen Käufer finden. Die Technik habe sich weiterentwickelt; die alte Ware werde damit nicht besser. Einig sind sich die Branchenexperten darin, dass Kunden auch weiterhin mit teils hohen Rabatten beim Kauf von Fahrrädern rechnen können.
Lichtblicke waren im vergangenen Jahr das Werkstatt- und, mit Abstrichen, das Leasinggeschäft. So sind die Umsätze der Werkstattleistungen nach Aussage von VSF-Mann Wöll 2025 um 13,5 Prozent gestiegen.
Das schlägt in den meisten Fällen auch überproportional auf die Ertragslage durch, da in der Werkstatt viel höhere Margen erwirtschaftet werden als im Verkauf. Und so wundert es nicht, wenn Wöll berichtet, dass die große Mehrheit des Fachhandels auch für 2026 einen Ausbau der Serviceaktivitäten plant.
Im Leasinggeschäft ging die Zahl der veräußerten Räder mit 720.000 zwar leicht zurück. Die durchschnittlichen Preise liegen bei geleasten E-Bikes (3720 Euro) und Fahrrädern (2660 Euro) aber deutlich über denen des Gesamtmarkts.
Das Dienstradleasing ist damit erneut der Treiber für den Absatz hochwertiger Räder im Fachhandel. Positiv aus Kundensicht: Mittlerweile bieten 342.000 Unternehmen in Deutschland ihren Mitarbeitern Dienstradleasing an – das Finanzierungsmodell dringt also auch bei immer mehr kleinen und mittelständischen Unternehmen durch.
Und wie geht es weiter für die Radbranche? Langfristig besteht kein Zweifel an guten Perspektiven. „Europaweit und mittelfristig haben wir es mit einem Wachstumsmarkt zu tun. Wir rechnen bis 2030 mit einem Umsatzwachstum von aktuell 18,1 Milliarden Euro auf dann 22 Milliarden Euro“, sagt Constantin Gall, Leiter Mobility beim Beratungsunternehmen EY.
Kurzfristig sieht die Lage aber weiterhin kompliziert aus. „Nach drei schwierigen Jahren blickt der Fachhandel vorsichtig auf das kommende Jahr“, sagt Uwe Wöll vom VSF. Positive und negative Umsatzerwartungen hielten sich die Waage.