Osnabrück  Bundesweit mehr Kindeswohlgefährdungen – in Osnabrück nicht: Was die Stadt richtig macht

Sandra Dorn
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Von Sandra Dorn
| 16.03.2026 05:43 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Entgegen dem Bundestrend ist in Osanbrück die Zahl der Kindeswohlgefährdungen gesunken, bei denen die Stadt intervenieren musste. Foto: IMAGO/imagebroker Zoonar
Entgegen dem Bundestrend ist in Osanbrück die Zahl der Kindeswohlgefährdungen gesunken, bei denen die Stadt intervenieren musste. Foto: IMAGO/imagebroker Zoonar
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In Deutschland hat die Zahl der erkannten Kindeswohlgefährungen in den vergangenen Jahren zugenommen. In Osnabrück ist sie gesunken. Zwar ist das Jugendamt seit Jahren am Limit. Doch es gibt Hilfen, die andere Städte nicht haben.

Noch vor drei Jahren meldete das Osnabrücker Jugendamt, es stehe vor dem Kollaps und könne das Kindeswohl nicht mehr gewährleisten. Fragil ist die Lage in der Inobhutnahme zwar immer noch. Aber die Zahl der erkannten Kindeswohlgefährungen im Stadtgebiet ist nach Auskunft des Jugendamtes gesunken – von 139 und 142 Fällen in den Jahren 2023 und 2024 auf 108 Fälle im Jahr 2024. Und für 2025 zeichnet sich laut Stadtverwaltung ab, dass sich dieser Trend fortsetze.

Bundesweit ist es anders herum: Laut statistischem Bundesamt ist die Zahl der festgestellten Kindeswohlgefährdungen in Deutschland in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen und hat 2024 einen neuen Höchststand erreicht. Am häufigsten sind demnach Vernachlässigungen und psychische Misshandlungen.

Dass die Fallzahlen steigen, kann teilweise auch auf eine gestiegene Sensibilität in der Bevölkerung zurückzuführen sein. Außenstehende melden Verdachtsfälle dann eher bei den Behörden als früher. Häufig ist es das Personal in Kitas, Schulen und Jugendzentren, dem auffällt, wenn ein Kind Hilfe braucht, auch Nachbarn können diejenigen sein, die intervenieren.

Doch das erklärt nicht den Rückgang in Osnabrück entgegen dem Bundestrend. Dazu könne beigetragen haben, dass die Stadt mehrere Präventionsmaßnahmen etabliert habe, schreibt die Verwaltung in einer Mitteilung für den Jugendhilfeausschuss. Diese sogenannten „Frühen Hilfen“ setzen an, bevor sich die Situation in einer Familie so zuspitzt, dass ein Kind gefährdet wird. Zwei Beispiele.

Mittlerweile beschäftigt die Stadt rund 30 Familienbegleiterinnen, die vornehmlich Familien mit Zuwanderungsgeschichte unterstützen. Sie helfen nicht nur bei der Kita-Anmeldung und beim Umgang mit Behörden. Wenn sie beispielsweise sehen, dass ein Kind Frühförderung oder Therapien benötigt, vermitteln sie die Familien dorthin. Viele kennen solche Hilfen aus ihren Heimatländern gar nicht.

Die meisten Familienbegleiterinnen haben selbst Wurzeln im Ausland. Es ist eine Beratung auf Augenhöhe, bei der betroffene Mütter auch Partnerschaftsgewalt zur Sprache bringen, wie kürzlich Teamleiterin Karin Hooper im Jugendhilfe- und Schulausschuss erläuterte.

Was 2009 mit einer Koordinatorin und zwei Honorarkräften begann, hat sich zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt. Mehr als eine Million Euro lässt sich die Stadt die Familienbegleitung jährlich kosten – und alle Ratsfraktionen sind sich einig, dass das Geld kaum besser investiert werden könnte. Sowohl im Jugendhilfe- als auch im Schulausschuss betonten jüngst alle, dass sie an dieser Stelle nicht sparen wollen – im Gegenteil.

Etwas kleiner ist das Angebot der Babylotsinnen. In den Kliniken unterstützen sie die Familien direkt nach der Geburt. Sie helfen bei Fragen, die jede Familie hat – das fängt schon an bei Geburtsurkunde. Wenn eine Familie überfordert ist, bekommen sie das mit und können dann dafür sorgen, dass diese Familie Unterstützung bekommt.

Das Projekt ist beim Sozialverband katholischer Frauen (SKF) angesiedelt und war 2020 überwiegend spendenfinanziert an den Start gegangen. Mittlerweile leisten Stadt und Landkreis auch ihren Beitrag. Osnabrück gab 2025 rund 45.000 Euro für das Projekt aus, bis 2030 steigt der städtische Zuschuss sukzessive auf 50.000 Euro jährlich.

Außerdem ging in Osnabrück 2024 ein Familienkrisenteam an den Start und der für Inobhutnahmen verantwortliche Soziale Dienst führte wegen der enormen Belastung der Mitarbeitenden eine „Personalbelastungsampel“ ein.

Die Stadt beschreibt die Arbeit des Krisenteams so: „Familien mit Kindern ab zehn Jahre, die sich in einer krisenhaften Situation befinden, erhalten schnelle Hilfe mit dem Ziel, die Krise zu entschärfen.“ Dank dieser Hilfe konnten laut einem Verwaltungsbericht von 2025 „die Familien überwiegend eigenständig die Erziehung ihrer Kinder im elterlichen Haushalt fortsetzen.“

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