Osnabrück  Musik hilft: So hat die ukrainische Dirigentin Margaryta Grynyvetska den Kriegsausbruch erlebt

Ralf Döring
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Von Ralf Döring
| 13.03.2026 17:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Margaryta Grynyvetska ist die erste Dirigentin bei einem Sinfoniekonzert in Osnabrück. Foto: Jörn Martens
Margaryta Grynyvetska ist die erste Dirigentin bei einem Sinfoniekonzert in Osnabrück. Foto: Jörn Martens
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Die ukrainische Dirigentin Margaryta Grynyvetska läutet eine neue Ära beim Osnabrücker Symphonieorchester ein: Sie ist die erste Frau, die ein Konzert in der Aboreihe des Orchesters dirigiert. Mit einem äußerst attraktiven Programm.

Die Tatsache, dass sie die erste Dirigentin eines Sinfoniekonzerts des Osnabrücker Symphonieorchesters ist, überrascht Margaryta Grynyvetska ein wenig. Frauen auf dem Dirigentenpult sind längst keine Ausnahme mehr, aber noch nicht so selbstverständlich, dass man nicht mehr darüber reden müsste. Wie das Beispiel Osnabrück zeigt: Das Orchester hinkt der Entwicklung hinterher. Immerhin: Jetzt macht es den ersten Schritt hin zur neuen Normalität im Klassikbetrieb.

Grynyvetska ist schon in sehr jungen Jahren zum Dirigieren gekommen. Besser gesagt: Das Dirigieren sei zu ihr gekommen, sagt sie. Mit acht Jahren besuchte sie die Stolarski-Musikschule in ihrer Heimatstadt Odessa, eine Einrichtung, die Klassikstars wie David und Igor Oistrach hervorgebracht hat. Dort war sie in der Kompositionsklasse, begann mit Gesang. Der Stimmbruch mit 13, 14 Jahren zwang sie zum Schweigen, deshalb begann sie zu dirigieren. „Da hatte ich zum ersten Mal eine Gänsehaut“, sagt sie, „und ich wusste: Das will ich ein Leben lang machen.“

Dieses Ziel verfolgte sie hoch- und manchmal übermotiviert. „Ich zerbrach manchmal den Dirigentenstab“, sagt sie und lacht dabei. Ihr Lehrer nahm das auch gelassen; sie ging von Odessa nach Kiew zum Studieren.

Anderthalb Jahrzehnte später hat sich Grynyvetskas Traum erfüllt. Sie ist als freischaffende Dirigentin unterwegs, gastiert in Vilnius, in Skandinavien, in der Schweiz. Gleichzeitig erlaubt es ihr die freie Tätigkeit, viel Zeit mit dem vierjährigen Sohn zu verbringen.

Diese Woche, in der die Dirigentin mit dem Osnabrücker Symphonieorchester das nächste Konzert am Montag, 16. März, erarbeitet, verbringt der Sohn bei den Großeltern in Marktoberdorf. Dort hat Grynyvetskas Familie Zuflucht gefunden, nachdem sie ihr Heimatland Ukraine verlassen hat, unmittelbar nach Beginn der russischen Invasion.

„Am Abend vorher dirigierte ich in Odessa eine ‚Nussknacker‘-Vorstellung“, erinnert sich die Dirigentin. Am dortigen Opernhaus hatte sie nach ihrem Studium in Kiew mit 23 Jahren eine Stelle als Kapellmeisterin gefunden. „Es herrschte eine sehr spezielle Stimmung“, sagt sie, „ein Cellist weinte, während er spielte.“ Es war der Abend des 23. Februars.

Am nächsten Morgen weckten Explosionen sie und die ganze Stadt – ohne genau zu wissen, was da gerade vor sich ging. „Dann telefonierten wir mit Freunden in Kiew und in Charkiw; die Fragen waren immer die gleichen: ‚Hast Du auch etwas gehört?‘“ Allmählich dämmerte jedem Ukrainer, was sich Schreckliches vollzog. Für Grynyvetska war sofort klar: Sie würde das Land verlassen. Mit zwei Paar Jeans, warmen Sachen und den wichtigsten Dokumenten erreichte sie Freunde in Marktoberdorf, einer Kleinstadt im Allgäu. Dort wohnt mittlerweile die ganze Familie.

Die Ukraine hat sie seither nicht mehr besucht. Aber sie versucht, ihrem Land zu helfen – mit ihren Mitteln, den Mitteln der Musik. „Ich versuche, wo es geht, ukrainische Komponisten aufs Programm zu setzen“, sagt sie, und sie arbeitet regelmäßig mit dem Mriya Orchestra zusammen, einem ukrainischen Exilorchester.

In Osnabrück haben es ukrainische Komponisten nicht aufs Programm geschafft. Reizvoll sind die Werke trotzdem: Es spricht der Frühling aus den Werken: „Masques et Bergamasques“ op. 112 von Gabriel Fauré, Joseph Haydns Sinfonie Nr. 53 „L’Impériale“ und, als Hauptwerk des Abends, die vierte Sinfonie von Felix Mendelssohn Bartholdy, die sogenannte „Italienische“.

Das Stück spricht sie aus mehreren Gründen an. Einer ist: Sie liebt Mendelssohns Musik, „die ist immer noch unterschätzt, wie auch die von Dvorák“, sagt sie. Der andere hat viel mit ihrem Leben zu tun: Sie erinnert sich, als sie das erste Mal nach Italien kam, mit ihrem italienischen Mann. „Es war April, und es war warm“, sagt sie, „die Menschen sind so aufgeschlossen.“

Wenn sie über die Musik spricht, spürt man ihre Begeisterung, und man versteht, wie ihr die Musik über alle Ängste und Schrecken hinweghilft, denen ihre Heimat ausgesetzt ist. „Der Beginn klingt wie ‚andiamo, andiamo‘“, sagt sie und singt die ersten Töne aus der Sinfonie. Mit „lass uns gehen“ könnte man das übersetzen; die Sinfonie feiert einen euphorischen Aufbruch. „So erkläre ich das auch dem Orchester“, sagt sie.

Wie sie sonst mit dem Osnabrücker Symphonieorchester zusammenarbeitet? Betriebsgeheimnis. Gelüftet wird es am Montag, 16. März, ab 19.30 Uhr in der Osnabrückhalle.

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